Bilbao
Es gibt wohl nur sehr wenige Städte in Europa, die in den letzten 20 Jahren einen so großen Umbruch erfahren haben wie die baskische Metropole Bilbao. Dies geschah, etwas überspitzt formuliert, mit nur einem einzigen Gebäude, dem Guggenheim-Museum. Dieses 1997 eröffnete architektonische Meisterwerk von Frank O. Gehry machte aus der schmutzigen Industriestadt Bilbao fast über Nacht eine Kunst- und Kulturstadt. Dieses Phänomen fand sogar Eingang in den Wörterkanon der Sozialwissenschaften, als sogenannter „Bilbao-Effekt”. Darunter versteht man die Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten. In keiner anderen Stadt hat dies so eindrucksvoll funktioniert wie in Bilbao, weshalb dieser Effekt folgerichtig nach der Stadt benannt wurde.
Doch was genau ist passiert? Entlang des Flusses Nervión entwickelten sich seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts verstärkt industrielle Produktionsstätten. Bilbao wurde neben Barcelona zu der Industriestadt in Spanien. Doch im Laufe der 1970er Jahre schwanden der Industrie die Kräfte. Bilbao verlor nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Einwohner. Da besann man sich in der größten Stadt des Baskenlandes, dass nur weitreichende Veränderungen den Ort wieder attraktiver machen könnten. Alte Industrieanlagen wurden abgerissen und der Hafen wurde Richtung Meer verlegt. Der frei gewordene Platz wurde mit neuer Architektur urbanisiert. Hauptaugenmerk war dabei das Guggenheim-Museum, eines der aufregendsten Gebäude der letzten Jahre und Initiator eines nach seiner Eröffnung ausgelösten Touristen-Booms. Mittlerweile kommen Besucher aus ganz Europa, um sich das Gebäude anzusehen und in seinen Ausstellungshallen, Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst zu bewundern. Doch mit dem Museum allein ist es nicht getan. Die Stadt bekam1995 eine U-Bahn, die von keinem geringeren als Norman Foster gestaltet wurde, Santiago Calatrava projektierte eine Brücke und den Flughafen und das Architekturbüro von Cesar Pelli lässt gerade einen 165m hohen Büroturm errichten, der als Konzernzentrale eines großen Energiekonzerns fungieren wird. Dazu gesellen sich einige historisch höchst interessante Bauwerke, wie die „Puente Colgante” die 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. So eifert Bilbao wiederum nach, nun als trendige City mit architektonischen Highlights.
Bilbao ist eine Stadt im ständigen Wandel geworden, obwohl sie auf den ersten Blick recht übersichtlich erscheint. Mit rund 360.000 Einwohnern (mit Umland rund 900.000) ist sie zwar die größte Stadt des Baskenlandes, nicht aber die Hauptstadt der Autonomen Gemeinschaft (vergleichbar dem Status eines deutschen Bundeslandes), dies ist Vitoria-Gasteiz. Allerdings ist Bilbao kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Basken. Historisch gesehen entwickelte sich hier vor über 100 Jahren die baskische Nationalbewegung, auch wenn die Stadt wegen ihres eher weltstädtischen Flairs auf dem ersten Blick viel weniger baskisch wirkt als beispielsweise Donostia-San Sebastián. Sehr stark vermischt sich baskisches und „Rest-spanisches”, was auch an der hohen Einwanderungswelle lag von Spaniern, die in den wirtschaftlich florierenden Zeiten Arbeit im Baskenland suchten. Doch auch nach dem Umschwung hin zur Dienstleistungsmetropole, scheint man in Bilbao noch ordentlich Geld verdienen zu können. Erst in den Vororten der Stadt, die sich entlang des Flusses Ría zum Meer erstrecken, hat man das Gefühl noch eine alte Industriestadt zu erleben. Nur um weiter nördlich beispielsweise nach Getxo, in die nobleren Vororte zu kommen. Dort kann man sich des Gefühls nicht erwehren, nicht mehr in Spanien zu sein, sondern irgendwo in Mitteleuropa. Hier spielt das Baskenland mit seiner Mischung aus zentraleuropäischem Ordnungssinn und iberischer Lebensart, ohne dabei für eine der Seiten zu optieren. Vielmehr erlebt man Orte, die einen einzigartigen Charme aufweisen, ohne immer gleichzeitig hübsch sein zu müssen.
Heute wirkt die Bilbao touristisch, weltoffen, ein wenig teuer, chic und voller interessanter Ecken. Nicht umsonst bekommt man in fast jeder Buchhandlung Bücher zur Architektur der Stadt, die beispielsweise Madrid in dieser Fülle nicht bieten kann.
Einen kleinen Eindruck von der Stadt soll die nun folgende Bildergalerie geben.