Brazil
Utopien sind menschheitsgeschichtlich schon recht alt (als eines der ersten Beispiele sind „Atlantis” von Platon zu nennen, oder auch die namensgebende Geschichte „Utopia” von Thomas Morus), Dystopien hingegen (also Gegen-Utopien die statt einer blühenden und frohen Zukunft bzw. eines anderen Ortes, eine zerrüttete Welt zeigen) sind erstmals in der Zeit der industriellen Revolution aufgetaucht und erleben seitdem eine recht muntere Verbreitung (man denke an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt” oder George Orwells „1984″). Terry Gilliams Film „Brazil” ist ganz eindeutig eine Dystopie. Sie spielt in einem Überwachungsstaat irgendwann im 20. Jahrhundert, der so viele Informationen sammelt, dass jeder Stasi-Mitarbeiter neidisch sein dürfte. Diese Gesellschaft - die einen eigenartigen Hang zu Röhren hat - scheint alle ihre Bewohner zu durchdringen, keiner kann sich ihr entziehen und wenn, dann nur mit Gewalt in Form des Terrorismus.
Sam Lowry (Jonathan Pryce) ist ein Mitarbeiter im scheinbar allumfassenden Informationsministerium, er hat eine kleine Stelle im Archiv und wird von seiner gesellschaftlich sehr angesehenen Mutter (Katherine Helmond) protegiert, um möglichst bald die Karriereleiter nach oben zu klettern. Doch Lowry ist zufrieden, bis er zufällig die Verdächtige Jill Layton (Kim Greist) sieht und sich in sie verliebt. Um Informationen über sie zu gewinnen, nimmt er das Angebot an, im Ministerium aufzusteigen. Dort trifft er seinen alten Bekannten Jack Lint (Michael Palin) wieder der eine dort wichtige, aber auch mysteriöse Stellung inne hat. Doch Lowry scheint mit zunehmender Zeit immer mehr Probleme anzuhäufen, angefangen beim illegalen Klimaanlagen-Reparateur Tuttle (Robert de Niro) bis hin zu seiner verzweifelten Suche nach Jill.
Gilliam zeigt in Brazil (der Name des Films ergibt sich aus dem Titelsong, der fiktive Staat im Film hat nichts mit Brasilien im Speziellen zu tun) wie von Menschen gemachte Systeme an die eigene Perfektion glauben, ohne selbst ihre Fehler und Unzulänglichkeiten zu sehen. Hinter jedem System stecken Menschen und diese wiederum machen Fehler. Weiterhin zeigt Gilliam aber auch, wie sehr gesellschaftliche Systeme Menschen zu kontrollieren versuchen. Hier setzt ein brillantes Ende ein (Achtung, das Ende wird jetzt verraten! Wer es nicht wissen möchte muss nun das Lesen einstellen, oder zum nächsten Absatz springen!), denn Gilliam zeigt in der Nachfolge der Gedanken Sartres, dass manchmal nur noch die Flucht in eigene Vorstellungswelten ein Ausweg sein kann. Schon Sartre behauptete in „Das Sein und das Nichts” das die Freiheit des Menschen nicht zu begrenzen sei, denn die Gedanken des Menschen seien immer frei. Gilliam wendet diesen Gedanken an, in dem er Lowry, obwohl vom Ministerium gefoltert und verhört, verrückt werden lässt. In seinen Fantasien lebt er mit der „im realen Leben” wahrscheinlich getöteten Lynn zusammen, in einer idyllischen Landschaft. Dies kann durchaus als Happy-End bewertet werden, denn Folterknecht Lynn bemerkt am Ende des Films, über den gefesselten und schon verrückten Lowry gebeugt: „Er ist uns entwischt”.
„Brazil” ist, obwohl 1985 erschienen ein immer noch zeitgemäßes Werk. Es hat neben einem hervorragenden Ende eine eigenwillige, aber spannende Optik und besitzt einen bitterbösen Humor, der auch über einige wenige etwas langweiligere Stellen hinweg rettet. Ein Meisterwerk.
Weitere aufschlussreiche Einzelheiten enthält der sehr gute Wikipedia-Artikel zu Brasil.