El Clásico
Die Rivalität zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona ist ein gutes Beispiel für eine Gegnerschaft, welche sowohl kulturelle, als auch sportliche Einflüsse hat. Es ist nicht nur ein Duell der zwei größten spanischen Städte, sondern auch zwischen zwei Kultur- und Sprachregionen, nämlich zwischen Kastilien und Katalonien, und es ist ebenso eine politische Rivalität zwischen dem Bestreben einer vereinten spanischen Nation und dem Streben nach einem eigenen katalonischen Land. In der Rivalität dieser beiden Vereine spiegeln sich kulturelle Unterschiede und unterschiedliche kollektive Identitäten.
Um diese Konstellation näher zu beleuchten, soll ein kleiner Blick in die spanische Geschichte vorangestellt werden. 1469 vermählen sich Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón, womit sich beide Kronen miteinander vereinigen. In den darauf folgenden Jahren erobert dieses neue Königreich weite Teile des Gebietes das heute als Spanien bekannt ist. Bis zum Ende des 15. Jahrhundert konnte damit ein spanischer Staat entstehen, welcher zwar von Kastilien dominiert wurde, aber den eroberten Gebieten viel Autonomie beließ. Dadurch konnte eine gemeinsame spanische Identität nie zu besonderer Stärke gelangen und die einzelnen Provinzen ihre Selbstständigkeit in den einen oder anderen Bereichen aufrechterhalten. Erst im 20. Jahrhundert, unter der Diktatur Primo de Riveras und später unter General Franco, wurde Spanien zu einem zentralistischen Staat umgewandelt und die nicht-spanischen Einflüsse marginalisiert, so wurde z.B. nur noch Kastillianisch als Sprache gelehrt, Katalonisch und Baskisch zurückgedrängt und verboten. Mit der Verfassung der neu entstandenen konstitutionellen Monarchie 1978 wurden den einzelnen Regionen wieder mehr Selbstbestimmungsrechte zugebilligt.
Die Rivalität zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona spiegelt dabei auch diese sozial-geschichtlichen Tatsachen wieder. Katalonien war zusammen mit dem Baskenland die erste Region in Spanien, welche von der Industrialisierungswelle erfasst wurde. Mit ihr erwuchs eine starke bürgerliche Klasse und ebenso bildete sich ein katalanischer Nationalcharakter heraus, welcher nicht nur eine spezielle eigene Arbeitsethik unterstrich, sondern auch ein Gefühl der Benachteiligung durch das „korrupte“ Zentralspanien.1 Für die katalanische Identität konnte sich schon bald nach seiner Gründung der FC Barcelona (im Jahre 1899) zu deren Symbol profilieren. Obwohl die ersten Mitglieder anfangs Ausländer waren, zeigte der Verein „große Sympathie für die politische Bewegung des Katalanismus. Man kann sagen, dass unbewusst, obwohl manchmal natürlich sehr bewusst, dieser Fußballklub zur Ausbildung einer katalanischen Identität wesentlich beitrug.“2 Die starke Verbindung zur Stadt und zur Region kam auch im Vereinswappen zum Ausdruck:
„The first club emblem was the same as that of the city, the cross of St George on the left and the four bands of the Catalan flag (senyera) on the right. Today, the initials of the club, FCB, unite the top part of the emblem which represents that city and the bottom part which represents football.”3
Beim FC Barcelona entwickelte sich schon früh ein Gefühl von Benachteiligung gegenüber dem spanischen Staat „loyaleren“ Vereinen, auch da man den eigenen Club als Repräsentanten Kataloniens sah.4 Somit hatte jede sportliche Entscheidung für Barcelona auch eine politische Dimension.5 Damit generierte sich schon vor dem Bürgerkrieg (1936-39) eine Rivalität zwischen Real Madrid, die den FC Barcelona als einen Anti-Spanischen Verein sah und dem FC Barcelona, der wiederum in Real den Begünstigten der Ausbeutung Kataloniens registrierte.6 Schon deutlich zeigt sich hier, dass kulturelle Hintergründe die sportliche Rivalität erhöhen. In der Zeit des spanischen Bürgerkrieges reiste die Mannschaft Barcelonas ins Ausland, nicht nur um dem Chaos im Lande zu entgehen, sondern auch um sich als die katalanische (National-)Mannschaft zu präsentieren.7 Der FC Barcelona symbolisierte damit das Bestreben eines eigenen katalanischen Bewusstseins.
Durch die Niederlage der Republikaner kam es 1939 zur Diktatur Francos und damit zur Unterdrückung „nicht-spanischer“ Kultur. Für das neue Regime wurde Fußball zum Katalysator eines spanischen Nationalgefühls, welches dazu dienen sollte, eine einheitliche spanische Nation zu formieren. Der Fußball wurde aber gleichsam benutzt, um von politischen Entscheidungen abzulenken.8 Real Madrid kam dabei die Aufgabe zu, der Botschafter der Spanier im Ausland zu werden. Eigens die großen Erfolge in den 50er Jahren9 wurden als Erfolge der Diktatur und der spanischen Rasse gefeiert. Dieses konstruierte Image wurde sowohl im Ausland als auch im Inland aufgenommen.10 Es bestehen aber nur wenige empirische Anhaltspunkte, dass der Verein Real Madrid diese Zuschreibung als Symbolträger Spaniens wirklich beförderte, sicherlich sträubte man sich aber nicht dagegen. Somit wurde Real Madrid nur noch deutlicher der Gegner jeder Bemühungen einer Zersplitterung eines spanischen Einheitsstaates.
Durch die Verbote jeder nicht-spanischen Sprache, Flaggen oder Vereinsnamen musste auch der FC Barcelona seine Vereinsbezeichnung in CF umbenennen.11 Doch der Fußball blieb ein Ort, bei welchem nationale Gefühle überlebten und zum Ausdruck gebracht werden konnten.12 So kann man noch heute in einem Vereinsbuch der Katalanen lesen:
„FC Barcelona wasn’t born a political animal. … It was Franco’s cencoring of all things Catalan that consecrated Barca’s role of a figurehead of resistance of a reactionary state. With Catalonia’s flag outlawed, parading Barca’s colours through the turnstiles became a statement of political intent. Only at Les Cortes and Camp Nou [ehemaliges und aktuelles Stadion des FC Barcelona; T.F.] could Catalans speak their outlawed mother-tongue…”13
Viele Anhänger sahen den FC Barcelona als die „Armee die Katalonien nie hatte“. Im Jahre 1973 wurde der Vereinsmythos im Zuge einer Vorstandwahl auf einen noch heute für die Fan-Identität gültigen Satz gebracht: „Barça ist mehr als ein Klub“14 Immer wieder kommt es, und das nicht nur in der Zeit der Franco-Diktatur, im Zusammenhang mit Spielen zwischen Real und Barcelona zu Gewaltausbrüchen beim Publikum. Der Verfolgungswahn der Benachteiligung gegenüber regimetreuen Teams und insbesondere Real Madrid wurde noch gestärkt durch zwei Ereignisse, welche sich am Rande des sportlichen Bereichs bewegen. Zum einen der so genannte „caso di Stefano“ 1953, bei dem der Spieler Alfredo di Stefano obwohl eigentlich von Barcelona verpflichtet, nach zahlreichen Verbandsentscheidungen dann für Real Madrid spielen durfte und der „caso Guruceta“, bei dem ein Schiedsrichter ein Foulspiel, welches sich je nach Fanzugehörigkeit 2 bis 5 Meter außerhalb des Strafraums ereignete, als Strafstoß gegen den FC Barcelona ahndete.15
Nach dem Tod Francos 1975 und der Umformung des spanischen politischen Systems in eine konstitutionelle Monarchie kam es im ganzen Land zu einer Rückbesinnung auf regionale Identitäten verbunden mit einer zunehmenden Identifikation mit dem Team der neu geschaffenen „communidades“16 Dabei sollte insbesondere die spanische Nationalmannschaft an Bedeutung einbüßen, sie bleibt nur dann im Fokus der Aufmerksamkeit, wenn einige Erfolge zu erwarten sind. Durch die neuen politischen Richtlinien ist der Fußball im heutigen Spanien aber nicht mehr der einzige Platz, bei welchem man politische bzw. eigene kulturelle Gefühle ausdrücken kann. Trotzdem erhält man in Barcelona weiter seine katalanische Identität. Dies drückt sich unter anderem auch in einer intensiven Pflege der katalanischen Sprache aus. Das Clubmagazin ist schon seit den 50er Jahren in Katalanisch (damit hinterging es die Richtlinien der Franco-Diktatur) und die Spieler des Vereines werden vertraglich verpflichtet Katalanisch zu lernen.17 Seit den 90er Jahren wird dabei die Rivalität auch als eine erfolgreiche Marketing-Strategie verwendet, welche Barcelona als den Club darstellt, welcher die „Galaktischen“ von Real Madrid aufhalten kann und damit die führenden Rolle im sportlichen Kampf gegen den selbsternannten übermächtigen Verein des spanischen Fußballs spielt. Damit ist aber eben nicht nur ein rein wirtschaftliches Vorgehen bestimmt, sondern ebenso ein Reflex auf die der Rivalität innewohnenden Anti-Communitas gegenüber bestimmten anderen Vereinen. Aus der heutigen Perspektive lässt sich sagen, dass die kulturellen Implikationen in der Rivalität nicht mehr so beeinflussend sind, wie noch in der Zeit der Diktatur. Es ist jedoch zu bemerken, dass auch in den 90er Jahren in Spanien eine Politisierung vorher a-politischer Fanclubs stattgefunden hat, welche sich auf diese Traditionen stürzen.18 Dennoch bleibt die Rivalität zwischen beiden Vereinen bestehen, eine Rivalität, aus der beide Vereine ihre eigene Fan-Identität ziehen (auch wenn dies für Barcelona stärker der Fall zu sein scheint als für Real). Es ist weiterhin eine Möglichkeit der Bemessung der kollektiven Identitäten. Dabei ist insbesondere für den FC Barcelona die Rivalität zu Real besonders wichtig, würde man in einer eigenen katalanischen Liga spielen, wäre es sicherlich schwerer, die Fan-Identität als Symbol Kataloniens aufrecht zu erhalten.
- Duke/Grolley 1996 [↩]
- Joan Josep Artelles zitiert nach Colomé (1999) S.121 [↩]
- Duke/Crolley (1996) S.27 [↩]
- Zwei Ereignisse 1911 und 1916 bekräftigten die Paranoia gegenüber Zentralspanien. Siehe ebd. S.27 [↩]
- Eine Interpretation, welche auch heute noch in Spanien bestand hat. [↩]
- Dabei sollen bei diesem Bericht nur die Blickwinkel dargestellt werden, eine mögliche Einschätzung dieser gehört nicht zu den Zielen. [↩]
- Ebenso wie dies baskische Mannschaften versuchten mit ihren Reisen für eine eigenständige baskische Nation zu werben. [↩]
- In diese Zeit fällt die Etablierung zahlreicher täglicher Fußballzeitungen, welche andere Blätter schnell verdrängten. So wurde die Zeitung Marca im Dezember 1938 gegründet. Bald darauf erschien sie bereits täglich und wurde zur meistgelesenen Tageszeitung Spaniens. Siehe González Aja (1999) S.131f. [↩]
- Real Madrid gewann fünfmal in Folge den neu eingeführten Europapokal der Landesmeister, ein bisher nicht zu wiederholender Triumph. [↩]
- Wegen der großen Erfolge der ganz in weiß spielenden Madrilenen haben auch Bundesligaklubs, wie Köln und Mönchengladbach, ihre Trikotfarben geändert. [↩]
- CF steht als Abkürzung für „Club de Fútbol“ und sollte den spanischen Charakter des Vereins symbolisieren. Der Verein nannte sich später wieder in FC um. [↩]
- Hier muss für den deutschen Leser die eigenartige Definition des Nationalen in Spanien beleuchtet werden. Nationalisten sind in Spanien im Gegensatz zu Deutschland politische Kräfte, welche sich für die stärkere Abtrennung der eigenen Nation (beispielsweise Basken oder Katalanen) vom spanischen Zentralstaat stark machen. [↩]
- King (2001) S.9. [↩]
- González Aja (1999) S.142. [↩]
- Zu beiden Fällen genauer bei Duke/Crolley (1996) S.39. [↩]
- Vergleichbar den deutschen Bundesländern. [↩]
- Für diesen Hinweis dankt der Autor Emilio Montaner. [↩]
- Siehe für den Fall Italien de Biasi (1996). [↩]