Decín (Tetschen)

Die wenigsten Menschen kommen wegen Tetschen nach Tetschen. Die Stadt mit ihren knapp 50.000 Einwohnern liegt einfach auf dem Weg. Die Meisten werden hier nur kurz halten, da der Zug der von Dresden nach Prag fährt, hier hält oder man kreuzt die Stadt weil man in die Böhmische Schweiz wollte und Decin (so heißt die Stadt im Tschechischen) im Weg lag. Ich selbst kannte sie nur wegen eines 24h offenen Supermarktes der belgisches Bier anbietet und deshalb meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ich musste neulich feststellen, dass diese Unaufmerksamkeit gegenüber der Stadt nicht fair ist. Zwar fallen in der Stadt zahlreiche wild in die Gegend gesetzte Plattenbauten auf, die einen grauen Ostblockcharme vermitteln, aber das Schloss von Tetschen ist nach dem zweiten Blick ein wahrhaft faszinierender Ort. Wenigstens dieser Gebäudekomplex sollte ausreichen, um eine kleine Pause im Ort zu machen.

Die Stadt Tetschen ist ohne das Schloss geschichtlich nicht denkbar. Bereits im 10. Jahrhundert wurde eine Burg hier erstmalig erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte das Anwesen mehrmals seine Besitzer. Einen ersten Höhepunkt erlebte das Areal mit dem Kauf der Burg unter Rudolf von Bünau im Jahr 1534. Dieser sächsische Adlige (dem auch die Güter Weesenstein und Lauenstein gehörten) baute die Burg in einen Renaissancebau um und verhalf ebenso der Stadt zu einer ersten Blütezeit durch einen gesteigerten Handel u.a. mit Holz und der erstmals in Böhmen eingeführten Schafzucht. Allerdings wurde die Herrschaft der Familie Bünau mit dem 30-Jährigen Krieg beendet. Die protestantischen Bünaus mussten Böhmen verlassen, da hier unter der Herrschaft des habsburgischen Ferdinands des II. eine auf die Unterdrückung aller Nicht-Katholiken angelegte Gegenreformation seinen Lauf nahm.

Die neuen Besitzer wurde die südtiroler Familie Thun. Insbesondere Maximilian Graf von Thun erzielte große Verdienste beim Ausbau der Festung. Er gestaltete sie in ein Barockschloss um (ab 1674). Da der Felsen, der auf dem das Areal stand zu wenig Platz her gab, wurde er durch die Hilfe von Bergmännern aus Kraupen (tsch. Krupka) bearbeitet. So entstand eine auch für den heutigen Besucher noch erstaunlich wirkende Besonderheit, die Lange Fahrt. Diese ist eine 292m lange Schlosszufahrt, die rechts und links von bis zu 7,5m hohen Mauern umschlossen ist. Da die Mauern im oberen Abschnitt etwas niedriger sind, verstärkt sich sogar noch der optische Eindruck der Entfernung. Am Anfang der Langen fahrt steht das Untere Tor, welches als doppelter Triumphbogen auch Eingang zur Stadt gewährt. Dort befindet sich die ebenso im Barockstil erbaute Kreuzkirche, ein wahrlich beeindruckender Sakralbau, der dem Schloss angeschlossen wurde. Einen weiteren Höhepunkt des durch den Barockumbau geschaffenen Schlosses ist der Rosengarten (erst seit dem 19. Jh. so genannt). Auf dem terrassierten Areal befindet sich eine Gloriette, auf der man einen schönen Blick über die Stadt werfen kann. Bis heute konnten sich diese Sehenswürdigkeiten ihren Charme erhalten, auch wenn das Schloss noch einmal von Maximilians Urenkel Wenzel Josef Thun umgebaut wurde. Zwar wurde ein schlanker Turm an der Spitze der Westseite angebaut, das Schloss aber insgesamt etwas nüchterner gestaltet. Am Ende des 18. Jahrhundert verlor das Schloss dann seinen Festungscharakter, da die Befestigungsanlagen nicht mehr gegen die verbesserte Militärtechnik (insbesondere der okkupierenden Preußen) ankam.

Die Zeit der industriellen Revolution brachte dem an der anderen Seite des Elbufers gelegenen Ort Bodenbach einen Bahnhof der Dresdner-Bodenbacher Eisenbahn und damit eine infrastrukturelle Anbindung, die der gesamten Region zum Aufschwung verhalf. Sehr schnell siedelt sich Industrie an und schon bald wurde Bodenbach größer als Tetschen (beide Städte vereinigten sich im Jahr 1942). Diesen industriellen Charakter bewahrt sich Decin auch heute noch (Europas größte Geothermie-Anlage befindet sich beispielsweise hier), was dem Aussehen der Stadt nicht immer zuträglich ist.
Für das Schloss waren die letzten Jahre vom Verfall geprägt. Die Familie Thun musste aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten das Schloss 1932 verkaufen. Der neue Besitzer, der tschecheslowakische Staat nutze das Schloss für Grenztruppen und Militär. Nach dem Prager Frühling zog dann die Sowjetarmee ins Schloss. Insgesamt verfiel das Areal durch die militärische Nutzung zunehmend und war 1991 beim Auszug des letzten Soldaten auf einem sehr baufälligem Niveau angekommen. Seit dieser Zeit wird das Schloss aber von der Stadt und seinen Bürgern liebevoll aufgebaut und ist heute wieder ein touristische Highlight der Region, was auch dem Leser dieser Seiten zum Besuch sehr ans Herz gelegt wird. Der Eintrittspreis für den Rosengarten beläuft sich auf 60ct; Führungen im Schloss werden ebenso angeboten.

Literatur:

Frantisek Suman “Schloss Decin” im Schloss für 2,40€ erhältlich