Wien

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Als bei einem Quiz vor einiger Zeit nach den fünf größten Städten im Jahr 1900 gefragt wurde, da konnte ich mir vier davon recht schnell zusammenreimen; London, Paris, New York und Berlin, doch auf die Fünfte wäre ich nie gekommen; es war Wien. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg war Wien eine absolute Weltstadt. Sie hatte rund 2 Millionen Einwohner (im Gegensatz zu den anderen genannten Städten hat sie heute weniger Einwohner als damals!) und war ein kulturelles Zentrum, das sich keinesfalls vor den anderen Städten verstecken brauchte. Doch mit dem Krieg kam der langsam einsetzende Bedeutungsverlust der Stadt, der sich nach dem 2.Weltkrieg noch verstärkte. Wien ist zwar immer noch eine Metropole - und eine sehr anziehende noch dazu - aber den Anschluss an New York hat sie verloren und auch mit den neuen Weltstädte (wie Peking oder Tokyo) kann sie sich nicht mehr messen. Trotzdem lohnt sich ein Besuch in der österreichischen Hauptstadt ganz ohne Zweifel, denn die Ausstrahlung des Glanzes vergangener Zeiten paart sich hier mit neuen interessanten Ideen.

Wiens Glanz begann aber schon weit vor dem 19. Jahrhundert. Mit dem Aufstieg der Habsburger Dynastie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, deren Kaiser sie seit 1438 stellen (ausgenommen von 1742 bis 45). Die europäische Großmacht Österreich lies ihre Hauptstadt erstrahlen. So prägt die Architektur des Spätbarock die Stadt bzw. ihr damaliges Umland. Großartige Projekte wurden geplant und zeigen den Reichtum des Adels, angefangen beim Schloss Schönbrunn über das Belvedere bis hin zur sakralen Architektur, wie der Karlskirche.

Anschluss an diese monumentale Architektur kommt im 19. Jahrhundert zum Vorschein und ist wohl am besten auf der Ringstraße zu sehen, deren Architektur sogar begiffsbildend (sogenannte Ringstraßenarchitektur) war. Die Pläne für den Wiener Stadtring stammen von Christian Friedrich Ludwig Förster aus den Jahren 1859 bis 1872. Auf dem Gelände des alten Befestigungsrings wurden öffentliche Gebäude, Denkmäler, Plätze und Grünflächen angelegt, als monumentales Zentrum der Repräsentanz der damaligen Institutionen. Städteplanerisch geht von hier die Ordnung der Stadt aus, der Ring erlaubt es die alte Ordnung zu erhalten und von ihm aus radial in alle Richtungen Straßen, in die neuen Stadtgebiete zu führen. „Wien ist vielleicht die Stadt, die mehr als jede andere ihre monozentristische Stadtgestalt mit Ring- und Radialstraßen, hierarchisch gegliedert, bewahrt hat”1(was sich bspw. auch aus der Tatsache ergibt, das die 23 Stadtbezirke nummeriert sind und vom Ring erfassten Stadtzentrum mit der Nr.1 nach außen hin immer höhere Nummern bekommen) „-eine Stadtgestalt, in der das Paradigma der Aggregation und der Repräsentation in einem adäquaten Maßstab neu durchdacht ist.”2 Ein Rundgang von der Votivkirche, über das Rathaus (das sehr an das weitaus ältere Brüsseler Rathaus erinnert) und das Parlament zur Hofburg lässt diesen Drang nach Repräsentation bildlich erscheinen. Dadurch ist Wiens Innenstadt klar gekennzeichnet und für den Touristen klar, wo man sich aufzuhalten hat, nur um vielleicht einmal kurz auszubrechen, um das Hundertwasser-Haus zu besuchen.

Doch würde man in Wien lediglich die monumentale Architektur des Historismus des 19. Jahrhunderts sehen, würde man sehr viel verpassen. Denn Wien war die Heimstätte der Secession, einer Gruppe von Künstlern u.a. mit dem Maler Gustav Kliemt oder dem Architekten Otto Wagner. Gegründet wurde diese Künstlervereinigung 1897 und wie es im Namen der „Secession” (Lateinisch secessio für Abspaltung) ging es um eine Abspaltung von der traditionellen und konservativen Form der Kunst vom Wiener Künstlerhaus. Diese Bewegung versuchte sich vom Historismus zu lösen und strebte nach Gesamtkunstwerken. In der Architektur manifestierte sich das in der Zurückweisung von barocken Ornamenten „… zugunsten eines Dekors, der imstande ist, das architektonische Thema ablesbar zu machen. Die Gebäudehülle ist also nicht der zu überziehende nackte Baukörper, sondern Ausdruck von dessen Anordnung und Organisation.”3 Paradebeispiel dieser Kunstform, die sich hin zum Jugendstil entwickelte ist das Ausstellungsgebäude des Secession von Joseph Maria Olbrich aus dem Jahr 1898. Doch auch mit dem Jugendstil wurde in Wien gebrochen, federführend dafür war Adolf Loos gewesen, der sich als kritischer Autor ebenso einen Namen machte wie als Architekt des nach ihm benannten Haus am Michaelisplatz, direkt neben der Hofburg. Dort wagte es Loos 1911 ein Haus zu bauen, das auf jegliches Ornament verzichtete, eine Provokation in einer der edelsten Quartiere der kaiserlichen Hauptstadt. So wurde das Gebäude der Edelmodemarke Goldmann & Salatsch als „Haus ohne Augenbraun” verpönt. Doch diese Abkehr von Historismus und Jugendstil gleichermaßen, von Loos im Artikel „Ornament und Verbrechen” plakativ auf den Punkt gebracht, bedeutet einen der vielen Geburtsstunden der modernen Architektur. Dabei ist das Haus kein einfacher Zweckbau. Vielmehr weißt das Gebäude von außen auf seine unterschiedliche Nutzung hin. Der untere Teil, mit Marmor verkleidet beherbergt die Geschäftsräume (die heute von einer Bank genutzt werden und eine kleine öffentliche Ausstellung beherbergen), während der obere Teil der Schneiderei beherbergte. Loos schnitt das Haus ganz auf seine Nutzung zu, ein Nachteil der bei späteren Besitzerwechseln nicht zum Vorteil gereichen sollte. Mit dem Verzicht auf ornamentale Ausschmückung, dem Anzeigen von Nutzung und der zweckdienlichen Gestaltung schuf Loos ein Haus, das wegweisend für die sich entwickelnde moderne Architektur wurde.

Auch wenn Wien nach dem ersten Weltkrieg an internationaler Bedeutung einbüßte, ebenso wie das Kaiserreich Österreich-Ungarn, das zur Republik Österreich verkleinerte, behielt sich Wien seinen innovativen Geist, gespeist von zumeist linken Kräften, die in Wien bis heute die Oberhand haben. So wie die großen Wohnungsbauprogramme der 1920er Jahre, die ganz nach dem politischen Bauherrn „das rote Wien” genannt wurden. Doch auch heute ist Wien mehr als nur die Hauptstadt eines recht kleinen Flächenstaats Europas. Sie ist dritter offizieller Amtssitz der UNO, Sitz der OPEC (was bei den Ölvorkommen Austrias auf den ersten Blick verwundert), der OSZE (der Nachfolgeorganisation der KSZE) und die IAEO (welche 2005 gemeinsam mit ihrem Vorsitzenden Mohammed el-Baradei den Friedensnobelpreis bekam). Wien ist ein Schmelztiegel am Zusammenfluss von mittel- und osteuropäischer Kultur, die Stadt verfügt über eine außerordentlich hohe Lebensqualität (nach der Mercer-Studie liegt sie auf Platz 1) und auch wenn sie keine der wichtigsten globalen Metropolen mehr ist, ist die Anzahl an Sehenswerten fast unüberschaubar (allein die reiche Sammlung an Museen ist atemberaubend). Nicht zu vergessen sollten auch die zahlreichen avantgardistischen neuen Bauwerke in der Stadt sein, mit denen sich nicht nur Friedensreich Hundertwasser einen Namen machte, sondern beispielsweise auch das Büro Coop Himmelb(l)au.

  1. Francesca Prina mit Elena Demartini „Atlas der Architektur“ S.270 []
  2. Ebd. S.270 []
  3. Ebd. S.282 []