Memento

Jahr: 2000 | Regie und Drehbuch: Christopher Nolan | Krimi |  Länge: 109 min |

Es ist an der Zeit ab und an einen Klassiker der letzten Jahre wieder neu anzusehen. Ein solcher ist mit Sicherheit „Memento“, ein Krimi, mit dem Christopher Nolan Anfang der 2000er Jahre seinen Durchbruch schaffte. Den Film zeichnet eine – in jenen Jahren der Jahrtausendwende so gern und kreativ angewendete – innovative Erzählstruktur aus. Memento besteht aus zwei Ebenen; bei der ersten Ebene laufen die verschiedenen Szenen rückwärts ab, jede Szene erklärt also was vorher passierte. Die zweite Ebene – in schwarz-weiß gedreht – erzählt chronologisch, den Vorlauf der Handlungen der ersten Ebene und erläutert gleichzeitig, was im Leben des Haupthelden Leonard (Guy Pierce) passierte.

Dieser hat einen tragischen gesundheitlichen Defekt. Er hat kein Kurzzeitgedächtnis mehr. Seit einem Überfall, bei dem seine Frau getötet wurde, kann er sich nur für wenige Minuten konzentrieren und vergisst danach den komplexen Kontext, wo er gerade ist und welche Personen er gerade sieht. Einzig seine Langzeiterinnerungen, von vor dem Überfall sind intakt, so dass seine letzte Erinnerung der Tod seiner Frau ist. Leonards Leben wird daher vom Wunsch bestimmt, den Mord an seiner Frau zu klären und zu rächen, was ein schwieriges Unterfangen ist, wenn man bedenkt, dass er nach 15min den Fall jedes Mal neu aufrollen muss. Deshalb hat er sich ein System aus Polaroid-Fotos, Notizen und Tattoos geschaffen, die ihm schnell erklären, was er schon weiß und sein weiteres Handeln ermöglichen sollen. Und so erleben wir, wie Leonard, Teddy (Joe Pantoliano), den vermeintlichen Mörder seiner Frau umbringt, und wie es dazu kam (denn wie bereits erwähnt, wird die erste Ebene rückwärts erzählt) und wie er auf dem Weg zum Mord an Teddy, Hilfe von der Kellnerin Natalie (Carrie-Ann Moss) bekam, die wiederum ihren Freund vermisst.

In den 2000er Jahren (tatsächlich wurde „Memento“ 2000 in Großbritannien veröffentlicht, aber erst 2001 in den USA und Deutschland und ich glaube ich sah den Film erst 2002 in den Kinos) wurde der Film als experimenteller und existentialistischer Film Noir gefeiert, der als Gedankenexperiment zu zeigen versucht, wie ein Mensch sich in einer fast kontextlosen Welt Sinn zu erschaffen mag. Im Jahr 2020 ist dieses Thema tatsächlich nochmal aktueller und es ist die – vielleicht sogar ungewollte – Stärke des Films die Situation zu beleuchten, wie wir unsere Welt und dabei insbesondere die medial vermittelte Welt erfahren.
Wir leben in Zeiten, in der soviel Wissen angesammelt wurde, dass es fast unmöglich ist, auch nur in einem der ständig öffentlich verhandelten Wissensfelder wirklich tiefgehende Erkenntnis zu erhalten. Die Welt ist zutiefst komplex und diffizil geworden und wir müssen versuchen, mit dem was wir wissen und meinen zu wissen, uns einen Weg durch diese Welt zu suchen. Doch diese Welt lebt gleichzeitig davon, dass durch die Fülle von Komplexität nicht so sehr das Ergründen von Sachverhalten im Mittelpunkt steht, sondern das permanente Generieren von Aufmerksamkeit. Es geht daher weniger darum, was gesagt wird, sondern wie etwas gesagt wird. Wir sind heute quasi einem nie anhaltenden Bombardement von immer wieder neuen Fakten, Themen und Ideen ausgesetzt, deren Kontext sich nicht immer gleich erschließt bzw. umso dramatischer, für dessen Hinterfragung keinerlei Zeit mehr bleibt, weil schon die nächsten Fakten, Themen und Ideen vor der Tür stehen und um Aufmerksamkeit begehren. Und so suchen wir uns die Fakten heraus, die uns emotional ansprechen, da sie unser Weltbild angenehm ergänzen und basteln aus der Fülle von Möglichkeiten und Komplexitäten eine halbwegs erklärbare Welt.

Was uns in der großen, medial vermittelten Welt passiert, dass passiert Lenny in seiner kleinen alltäglichen Umwelt, in der Frage, was er an diesem konkreten Ort, mit diesen Menschen, die er scheinbar alle zum ersten mal in seinem Leben sieht, macht. Er findet sich immer wieder in Situationen wieder, deren Kontext er sich durch die Fotos, Bilder und kurzen Notizen, die er vorher gemacht hat, erschließen muss. In nur wenigen Augenblicken muss er einen Kontext herstellen und seinem Handeln Sinn geben, mit nur einem flüchtigen Blick auf die von ihm so empfundenen objektiven Fakten, die sich vor ihm auftuen. Doch diese Fakten bleiben, schon wegen ihrer notwendigen Verkürzung, auch nur an der Oberfläche. Er muss ihnen vertrauen, obwohl er den Entstehungsprozess der ihn anweisenden Fakten nicht (mehr) kennt und auch deren Kontextualität nicht verstehen kann. Die Frage, warum er sich diese Notiz auf ein Foto, ein Tattoo oder einen Zettel gefertigt hat, ob ihn Emotionen wie Angst oder Wut dazu gebracht haben oder gar, ob er von anderen manipuliert wurde ist für ihn unmöglich zu lösen. Ihm bleibt nur das ständige Neuinterpretieren der Tatsachen, die ihm vorliegen und das ist, wie „Memento“ zeigt, nicht gerade viel.
Und wie Kenny im Kleinen, so leben wir in der großen aher abstrakten Welt und versuchen uns ein Bild davon zu machen was gerade passiert, auf diesem Planeten und gerade in dem Moment, wo wir die Hoffnung haben uns etwas klarer über Migration, Klimaveränderung oder Virusbelastung zu werden, erscheint das nächste Thema und es scheint so, als würden wir gerade das Thema, von dem wir uns gerade eine Meinung zu bilden trauten, wieder vergessen.

Es ist die Darstellung dieser Erfahrung, die „Memento“ zu einem zeitlosen Meisterwerk macht, einem Film, der uns eine Facette unseres heutigen Lebens mit einem faszinierenden Gedankenexperiment aufzeigt.

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