Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten

Aus der Reihe „our pathetic age“
Der erste Eintrag unserer neuen Reihe „our patehtic age“ ist einem Beitrag gewidmet, der aus einem Fach stammt, für welches ich einst große Begeisterung besaß und nach dessen Re-Entry in meinem Leben mir wieder klar wurde, dass ich dieses Fach immer noch sehr schätze.

Es ist leider schon viele Jahre her, dass ich letztmals einen soziologischen Text las. Nach all der Beschäftigung mit anderen spannenden Feldern des Wissens ist es aber die Soziologie, welche quasi meinen Weg ebnete, wie ich auf die Welt schaue (wenngleich natürlich viele weitere Faktoren dafür gleichfalls von großem Einfluss waren, aber die Struktur des Sehens, hat mir die Soziologie angelegt). Was mich an der Soziologie schon seit dem Besuch meines ersten Seminars begeisterte, war die Themenstellung dieses Faches, zu zeigen, in was für Zeiten wir leben und wie das Zusammenleben der Menschen aktuell stattfindet. Die Soziologie ist dabei eines der allgemeinsten Herangehensweisen an diesen Fragenkomplex (sieht man von der Philosophie einmal ab) und das macht dieses Fach so spannend, so umfangreich, so kompliziert, manchmal so blumig, so abstrakt, so fantasievoll, so klar, so….

In was für Zeiten leben wir also? Was bestimmt unser Handeln und Tun? Welche Gesellschaft haben wir Menschen uns geschaffen? Antworten darauf zu finden, ist eine der Hauptaufgaben der Soziologie, weshalb sicherlich auch fachlich in der Soziologie nicht besonders bewanderten Geistern (wie mittlerweile auch mir) schnell Begriffe wie „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) oder „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze) einfallen, oder Niklas Luhmanns gewaltige Geschichte der Gesellschaft oder genauer, dessen was wir Gesellschaft nennen, als „Gesellschaft der Gesellschaft“. „Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten“ weiterlesen

our pathetic age

Beiträge

Als ich das erste Mal DJ Shadows 2019er Album „our pathetic age“ sah, wusste ich sofort, dass zumindest der Titel des Albums eine wundervolle Beschreibung unserer heutigen Zeit ist.

– Our pathetic age –

„Pathetic“ (nicht so sehr das deutsche Wort „pathetisch“, bei dem bedeutungstechnisch zu sehr „übertrieben feierlich“ mit schwingt) als mehr das englische Original, was als „jämmerlich“, „erbärmlich“ oder „kläglich“ übersetzt werden kann, ist tatsächlich ein sowohl ironisch verstärkter, als auch kritischer Ausdruck unserer Zeit, unseres Gefühls für die Gegenwart in der wir leben, die den großen Zweifel, den wir scheinbar in irgendeiner Art und Weise mit unserem Jetzt (unabhängig, aber vielleicht sogar verstärkt von der Viruskrise) haben, ganz passend wiederspiegelt.

Aber es ist nicht nur das Gefühl des „discomfort“ (wie Jonathan Franzen vielleicht sagen würde, allerdings in einem persönlichen, nicht in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. Hier jedoch finde ich die deutsche Übersetzung des Buches „The Discomfort Zone“ als „Unruhezone“ sehr treffend. Siehe Jonathan Franzen „Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir“), sondern eigentlich auch, die ziemlich Unklarheit, was gerade mit uns, mit den Menschen, mit der Welt, dem Planeten geschieht. Unsere Gegenwart scheint ebenso kompliziert wie unverständlich zu sein (wobei das vielleicht auf so viele Gegenwarten der Menschheitsgeschichte zutraf, wenn man sie aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwarten betrachtet) und es ist ein eher jämmerliches und vielleicht auch klägliches Gefühl, nicht zu wissen, wie man das was ist, auf den Punkt bringen könnte.
Es gehört unbedingt ebenso in unsere Zeit, dass ich erst nach der Bewunderung für diesen – für mein Verständnis grandios gewählten – Albumtitel, tatsächlich auch das Lied „Our Pathetic Age“ anhörte, oder um es andersherum zu formulieren, die Überschrift hat meine Fantasie eigentlich schon ausreichend animiert und der folgende Song ist dann eher Untermalung dieser:

Jetzt wäre unsere Gegenwart nicht unsere Gegenwart, wenn sie nicht die vorgefertigte Erwartung radikal enttäuschte und gleichzeitig einen neuen Weg vorschlagen würde. Wie Sie sicherlich schnell bemerkt haben, singt die einzigartige Stimme des Future Island Sängers Samuel T. Herring in diesem Lied zumindest nicht vordergründig über die Tücken unseres Zeitalters, sondern über die Tücken des Lebens, oder vielleicht noch besser des Lebensalters und dabei fällt auch mir wieder auf, dass mein Leben nicht mehr die inbrünstige Tonalität einer Säuglingsstation hat, sondern eher dem ständigen Ausrollen einer Frischhaltefolie gleicht. Doch das ist nur die Oberfläche des Älterwerdens. Seine Essenz ist wohl eher die Ansammlung von Erfahrungen und Erlebnissen. Auf den Song bezogen, könnte man den Liedzeilen entnehmen, heißt Leben dann auch Niederlagen und Verluste hinzunehmen, aber es gebietet auch eins; wieder aufzustehen:

Come to life
Come to life, come to life
All the leaves are golden in the dark
Come to life
Come to life, come to life

It’s time
Time to raise the ashes from the heat
I’ve been blind
Open my eyes for the first time this year

„Our pathetic age“ ist ein Song, der antreibt, der nach dem Moment des Stillstandes, nach der Reflektion was passierte, an ein Aufwachen, ein Bewusstwerden, ein Sehen der Welt appelliert. Den Leben bedeutet nicht nur Erleben, sondern auch Entdecken und Lernen.

Und auch wenn das was ich hier gerade geschrieben habe, ein ziemlicher interpretatorischer Kreisel ist, in welchem man eine Überschrift liest, daraus eine Idee entwickelt (die man vielleicht durch einhundert andere ähnliche Ideen schon irgendwie im Kopf hatte), dann den eigentlichen Text versteht, der mit der Idee der Überschrift nicht unbedingt korrespondiert und trotzdem denkt, ach egal, die Idee war gut, das fügt sich schon; so möchte ich mit „our pathetic age“ eine neue Kategorie auf tommr.de einführen. Sie soll auf die Frage, in was für einer Zeit wir leben, Antworten suchen.

Was macht unsere Gegenwart aus, was beschreibt sie, was ist sie gerade nicht (mehr)? Jeder Text, jeder Film oder jede Serie, die in diesem Blog besprochen werden und die etwas zu diesem Thema aussagen, sollen in Zukunft hier gelistet werden, um ein Panorama unserer Gegenwart zu zeichnen. Das soll natürlich ein ständiger „work in progress“ sein, wo nur der Startpunkt klar ist, aber Inhalte und Strukturen sich erst schärfen werden, nur um dann wieder verändert werden zu können, einzig ein Aspekt soll immer im Mittelpunkt stehen, das Öffnen der Augen, um zu versuchen, etwas mehr zu erfahren über den kurzen Moment, den wir hier zusammen auf der Welt verbringen.

Beiträge

Soziologie:
Andreas Reckwitz: „Die Gesellschaft der Singularitäten“; eine Gesellschaftsanalyse, die herausarbeitet, dass das Besondere, das Allgemeine in unserer spätmodernen Gesellschaft ablöst.

Wirtschaft:
Adam Tooze: „Crashed“; eine sehr tiefe und fundierte Analyse der politisch-wirtschaftlichen Entwicklungen der Zeit von 2000 bis ca. 2016 mit dem Schwerpunkt Finanzkrise ab 2008