Carmen Stephan – Mal Aria

Kennen Sie Menschen denen Mücken sympathisch sind? Zugegeben es sind nicht wirklich possierliche Tierchen (wie, sagen wir mal – Igel), machen keine verzückenden Laute (wie Wale) und was wirklich nervt ist die Stecherei dieser Biester. Mensch und Mücke – so kann ich als Vertreter der erstgenannten Gattung sagen – sind nicht wirklich Freunde fürs Leben. Carmen Stephan macht jedoch eine Mücke zum Haupthelden ihres Romans „Mal Aria“. Diese sticht im brasilianischen Urwald die Deutsche Carmen, welche hier gerade mit ihrem Freund Carl Urlaub macht. Bei der Mücke handelt es sich um eine Anopheles-Mücke, welche Malaria Parasiten in sich trägt und Carmen mit der Krankheit ansteckt. Die Mücke – sich ihrer Tat bewusst – verfolgt im weiteren Verlauf Carmen und bemerkt bald, wie die Krankheit bei Carmen ausbricht und die Patientin von Krankenhaus zu Krankenhaus in Rio de Janeiro führt. „Carmen Stephan – Mal Aria“ weiterlesen

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen

Gute Bücher laden irgendwie automatisch dazu ein, sie nochmal zu lesen. Man beendet die letzte Seite und alles rattert in einem, die eigene Interpretationsmaschine springt an und je nachdem wie diese gerade arbeitet, möchte man dieses, oder jenes, oder lieber alles nochmal studieren, einzelne entscheidende Sätze oder gar nur Wörter finden. So ging es mir auch bei Daniel Kehlmanns Erzählung „Du hättest gehen sollen“, die im Jahr 2016 erschien. Das fällt hier sogar leichter als bei anderen Werken, da sie nicht einmal 100 Seiten zählt. Doch in der Kürze liegt hier trotzdem sehr viel Spannung. Man verlässt das Buch und bleibt doch darin gefangen, denn was genau ist hier eigentlich vorgefallen? „Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen“ weiterlesen

Gabriel Garcia Marquez – 100 Jahre Einsamkeit

Als einer der bedeutendsten Autoren des sogenannten „magischen Realismus“ Südamerikas gilt der Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez. Um einen Eindruck zu bekommen, habe ich mir eines seiner Hauptwerke zukommen lassen, „100 Jahre Einsamkeit“. Immerhin hat Gabo, wie der Schriftsteller von scheinbar fast jedem genannt wurde, gerade wegen dieses Buches 1982 den Nobelpreis für Literatur bekommen. Das Buch wurde über 30 Millionen mal verkauft und in nicht weniger als 35 Sprachen übersetzt, seit es 1967 erstmals in Buenos Aires verlegt wurde.

Nach dem Titel zu urteilen, dachte ich an eine Geschichte eines Verschollenen in der Karibik, etwas Existenzialistischen, aber vorgefunden habe ich eine Familiengeschichte. Und eigentlich ist das Buch noch mehr als das, es ist die Geschichte einer ganzen Familiendynastie.
Die Buendías sind es, die irgendwo – nicht weit weg, aber weit genug weg, von der Küste der Karibik – ein Dorf namens Macondo gründen. Auf rund 450 Seiten werden dem Leser nun sechs Generationen der Familie vorgestellt und beschrieben, wie aus dem verlassenen Flecken Macondo im Nichts Kolumbiens, eine blühende Stadt wird. Gleichzeitig ist damit der Aufstieg des Familienclans verbunden, der den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgeht, vom Erfinden über Militärkarrieren bis hin zum ausschweifenden Leben. In einer schwer zu beschreibenden Zeit, in welche allerdings die Industrialisierung und die Kolonialisierung des Landes fällt, fallen zahlreiche und in schneller Abfloge erzählte Ereignisse; Hochzeiten und Feste aber auch Bürgerkriege, Hinrichtungen und Massaker. „Gabriel Garcia Marquez – 100 Jahre Einsamkeit“ weiterlesen

Thomas Melle – 3000 Euro

In einem Literaturzirkel im Fernsehen hörte ich vor einiger Zeit erstmals den Namen Thomas Melle und weil mich das Gesagte offensichtlich begeisterte, ließ ich mir vor geraumer Zeit ein Roman von ihm kommen, für wenige Euro, denn er war in gebrauchten Zustand.

„3000 Euro“, Melles zweitem Roman, aus dem Jahr 2014, erzählt über zwei Menschen, die in der soziologischen Aufteilung der Gesellschaft eher im Bereich des Prekariats zu verorten sind. Denise sitzt bei lidl an der Kasse und hat vor einigen Wochen etwas Geld hinzuverdient, als sie in einem Porno mitspielte. Jetzt kreisen ihre Gedanken nicht mehr nur noch um die eigene Tochter, die für ihr Alter etwas hinten dran ist, sondern auch um die Gedanken der Menschen die sie täglich begegnet und die Frage, ob diese sie von ihrem freizügigen Auftritt her erkennen. Ihr fällt der Flaschenpfandsammler Anton auf, der scheinbar auf der Straße lebt. Dieser begann seine Karriere einst als begeisterter Student der Jurisprudenz, verfiel aber immer mehr dem Ausgehen, den Partys und dem Alkohol und verlor nicht nur sein Studium, sondern irgendwie auch sein Leben dabei. Jetzt hat er 3000 Euro Schulden bei der Bank und hofft in einem Gerichtsprozess für geschäftsunfähig erklärt zu werden, womit er seine dringendsten Sorgen los wäre. Denise und Anton begegnen sich und fühlen sich zu einander hingezogen und eine Romanze am unteren Ende des gesellschaftlichen Randes beginnt. „Thomas Melle – 3000 Euro“ weiterlesen

Peter Richter – 89/90

Ein sonniger Tag im Herbst 1989. Ein Freund steht vor meiner Tür und fragt ob ich mit in den Fichtepark spielen komme. Ich bin 11 Jahre alt und gebe eher informativ als fragend meiner Mutter meine Absichten bekannt. Und es passiert etwas, was mir bis zu jenem Moment noch nie passiert war, meine Mutter zögert mir zu erlauben, in den Fichtepark zu gehen. Schließlich lässt sie mich doch gehen, betont aber ihr sonst ebenso ausgesprochen, aber zunehmend eher ritualisiertes „Vorsichtig sein“. Irgendetwas musste nicht stimmen und ich hatte keine Ahnung was, jedenfalls war im Fichtepark und dem angrenzenden Spielplatz noch alles beim Alten. Trotzdem hatte sich in mir ein Verdacht eingenistet, irgendetwas geht hier vor sich.

Es sollte sehr viel vor sich gehen, im Herbst 1989 und meine Mutter wusste viel besser als ich das die Stimmung in der Stadt, nein im ganzen Land sich aufgeheizt hatte. Bis zu jenem Moment war ich ein kleines Kind, dass im System gut aufgehoben war und vieles nicht verstand. Erst mit der nun einsetzenden Wende veränderte sich auch mein Blick auf die Welt und Politik wurde erstmals etwas real erfahrbares, weil scheinbar jeder Tag politisch wurde. Die Ereignisse die im Herbst 1989 ihren Lauf nahmen waren also nicht nur weltgeschichtlich von etwas Interesse, sondern sind es auch persönlich für mich geworden.
Genau diese Wendezeit in Dresden beschreibt Peter Richter in seinem Roman „89/90“ ebenfalls, nur war er schon 16, als der Herbst anbrach. Lediglich fünf Jahre älter als ich! Was allerdings fast Generationen der Welterfahrung sind, wenn diese fünf Jahre zwischen 16 und 11 liegen. „Peter Richter – 89/90“ weiterlesen

Christian Kracht – Faserland

Ein Namenloser Ich-Erzähler reist durch Deutschland, von Nord nach Süd. Er ist noch keine 30 Jahre alt, hat reiche Eltern und kann es sich erlauben, von Party zu Party zu ziehen. Erst Sylt, dann Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München, Meersburg und abschließend Zürich (was dann auch die einzige Station ist, die nicht in Deutschland liegt). Geldsorgen hat der Ich-Erzähler, dessen Namen der Leser nicht kennt, keine. Auch sonst erfährt man nur wenig von seinem Leben. Von der Eliteschule Salem geschmissen, hat er entweder keinen Job, oder benötigt keinen. Obwohl er von Party zu Party reist, ist er kein kontaktfreudiger Lebemann, sondern ein konservativ zurückhaltender Typ, der allerdings ein massives Alkoholproblem hat und der geradezu versunken in seine eigene Welt ist. „Christian Kracht – Faserland“ weiterlesen

Peter Richter – Dresden revisited

Dresden im Jahr 2016. Deutschlandweit bekannt für seinen schlechten Ruf. Der gebürtige Dresdner Peter Richter wird zu den Dresdener Reden eingeladen und hält einen Vortrag, wie er die Stadt von seiner neuen Wahlheimat New York aus sieht.

Schon mit 19 verließ Richter die Stadt um Kunstgeschichte zu studieren, jedoch kehr er regelmäßig zurück nach heeme. Die Einladung zu den renommierten Dresdner Reden lässt ihn nun über die Heimatstadt nachdenken, die seit jüngster Zeit mit Bewegungen wie Pegida zu den Hochburgen des rechtskonservativen Anti-Establishments gehört. Dabei spricht er als Dresdner, der Dresden für die weite Welt verlassen hat und eben von dieser Welt viel gesehen hat, was man nicht zu Unrecht den „protestierenden Dresdnern“ vorhält nicht getan zu haben. In den 30, recht kleinen, Abschnitten sind es zwei Themenbereiche die Richter umtreiben. „Peter Richter – Dresden revisited“ weiterlesen

Daniel Kehlmann – Der fernste Ort

Wer kennt das nicht, eine richtig wichtige Aufgabe steht an und man hat rein gar nichts dafür gemacht. Der Termin rückt immer näher, aber wie benebelt macht man weiterhin nichts. Unvorbereitet – Hilfsausdruck. Der Verstand sagt einem, mach was – jetzt, sofort! Doch das Leben läuft weiter und die Gedanken schweben dahin. Könnte man doch einfach aus seinem Leben flüchten, abtauchen, neu beginnen.
So geht es Julian, zu einer Konferenz mit seinem Chef nach Italien gekommen, wo er in wenigen Stunden einen Vortrag halten soll, auf den er nicht nur wenig, sondern rein gar nicht vorbereitet ist. Trotzdem geht er lieber erstmal schwimmen, im See am Hotel. Denn es ist Oktober und da muss man schon ehrlich sein, wenn er jetzt nicht nochmal schwimmen geht, dann wird das dieses Jahr nichts mehr, in Deutschland startet ja schon der Winter. Und so schwimmt Julian und taucht ab. „Daniel Kehlmann – Der fernste Ort“ weiterlesen

Ernest Shackelton – Mit der Endurance ins ewige Eis

Es war ein langer Weg und unser dritter Bus des Tages hat mittlerweile rund 5 Stunden Verspätung angesammelt. Es stürmte immer noch und das obwohl die Sonne schien, die jedoch langsam über den Horizont Patagoniens unterging, es war schließlich fast 21 Uhr. Die Uferpromenade tauchte auf, hinter ihr die Magellanstraße und ich war überrascht wie schön der erste Anblick von Punta Arenas, der südlichsten Großstadt der Welt, war. Das könnte (noch) schöner hier werden, als ich erwartet hatte. Der Name unseres Hostels war „Pardo&Shackelton“. Ich hatte von beiden Namen nie etwas gehört und durchstöberte die herumliegenden Bücher, im wunderschönen Aufenthaltsraum mit Blick auf die Stadt.

Sir Ernest Shackelton war Polarforscher und Abenteurer. Er leitete die „Endurance“ Expedition, welche sich 1914 zur Aufgabe machen wollte, Antarktika über den Landweg zu durchqueren, vom Weddellmeer zum Rossmeer. Die Expedition hatte erhebliche Probleme. Das Schiff, die Endurance, fror im Eis ein und wurde bald darauf zerdrückt. Ohne Schiff irrte die Mannschaft unter Shackelton auf den Eisplatten des Weddelmeers umher, bis sie sich schließlich mit drei kleinen Ersatzbooten auf die frostige Elephant Island retten konnten. Doch dieses Eiland, mitten in der Antarktis war keine wirkliche Hilfe. Niemand würde die Crew hier je suchen kommen und die Zivilisation war fern. Also beschloss Shackelton mit einem der Rettungsboote und fünf weiteren Männern über den stürmischen und kalten Ozean in das über 1.000km entfernte South Georgia zu segeln. Dies gilt bis heute, als eine der heldenhaftesten und schwierigsten Segelfahrten der Seefahrtsgeschichte. Nach langen Mühen gelang es Shackelton schließlich, die gesamte Crew der Endurance zu retten. Am 3.September 1916 fuhr sie unter dem Jubel der Einwohner nach Punta Arenas ein. „Ernest Shackelton – Mit der Endurance ins ewige Eis“ weiterlesen

Daniel Kehlmann – Beerholms Vorstellung

Daniel Kehlmanns Debütroman „Beerholms Vorstellung“ erschien im Jahr 1997. Er ist in der Form eines Lebensberichts des Magiers Arthur Beerholm geschrieben. Artur wird von Adoptiveltern groß gezogen und hat eine recht unbeschwerte Kindheit bis seine Adoptivmutter vom Blitz erschlagen wird, der aus fast heiterem Himmel auf sie niederschlägt. Sein wohlhabender Adoptivvater lernt eine neue Frau kennen und schickt ihn aufs Internat, wo Artur eine Leidenschaft für Mathematik entwickelt. Doch immer wieder stößt er auf Probleme in der logischen Welt der Mathematik, rätselhaftes und unlösbares in einem Bereich, der eigentlich nur Lösungen bereithalten sollte. Von der mangelnden Wahrhaftigkeit enttäuscht, wird Beerholm Theologe, nicht ohne aber vorher eine fast schon geheim, zu nennende Leidenschaft für die Zauberei zu entwickeln. Denn die Magie „bedeutet schlicht, daß der Geist dem Stoff vorschreiben kann, wie er sich zu verhalten hat, daß dieser gehorchen muß, wo jener befiehlt. Was unvernünftig scheint ist in Wahrheit Offenbarung der Vernunft.“ (S.40) Die Theologen-Laufbahn verläuft für Beerholm recht gradlinig, bis er eine Vorstellung des Zauberers Jan von Rode besucht und seine alte Leidenschaft immer stärker an der Sinnhaftigkeit des kirchlichen Lebens zweifeln lässt. „Daniel Kehlmann – Beerholms Vorstellung“ weiterlesen