Peter Geimer – Theorien der Fotografie

Sachbuch | erschien 2009 bei Junius mit 232 Seiten

Meine erste Digitalkamera hatte ich mir nach langer Krankheit irgendwann im Frühsommer 2003 gekauft, doch wirklich richtig angefangen, mehr oder weniger bewusst zu fotografieren, habe ich erst mit dem Kauf einer Spiegelreflexkamera um 2010 herum.[1] Und auch da habe ich eine langsame Entwicklung genommen, bis ich irgendwann später, nach Fotokursen bei der VHS und im riesa efau, Tipps von Freunden und vielen youtube Videos, endlich mit meinen Bildern etwas zufriedener war.[2] Dabei stellte ich mir häufiger die Frage, warum ich überhaupt fotografiere, wann und für welches Motiv ich den Auslöser abdrücke und wie ich Bilder dann digital bearbeite. Seit 2019 muss ich feststellen, dass mein praktisches Interesse an der Fotografie etwas ermüdet. Selbst der Kauf einer neuen Kamera 2020 konnte diesen Trend nicht stoppen, was vielleicht auch daran liegt, dass ich gern urbane Motive und Architektur aufnehme, Städtetouren in Zeiten zirkulierender Corona-Viren, mehr möglich waren. Ich hoffe sehr, dass sich dieser Trend bald umdreht, zumal mein theoretisches Interesse an der Fotografie weiterhin hoch ist. Denn bei allen youtube Videos, die ich über das Fotografieren trotzdem noch schaue,[3] hätte ich gern eine tiefere Einordnung über theoretische Fragen der Fotografie, weshalb ich zu Peter Geimers Einführung „Theorien der Fotografie“ griff. „Peter Geimer – Theorien der Fotografie“ weiterlesen

Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit. Zwölf historische Miniaturen

Erschien erstmals 1927 bei Insel (mit 5 Miniaturen) | hier vorliegende Ausgabe von 1984 bei Aufbau (12 Miniaturen) mit 218 Seiten

In letzter Zeit sehe ich beim Lesen häufig Josef Hader vor meinem geistigen Auge und dass obwohl ich überhaupt noch nie etwas von Josef Hader gelesen habe.[1] Diese Faszinationen bedingen sich zweier filmischer Themen, denn zum einen spielt der österreichische Kabarettist und Schauspieler die Rolle des Kommissar Brenners, aus der Krimireihe von Wolf Haas,[2] zum anderen verkörperte er Stefan Zweig in Maria Schraders wunderbaren Film „Vor der Morgenröte“. „Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit. Zwölf historische Miniaturen“ weiterlesen

D.T. Max – Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben

Originaltitel: „Every Love Story is a Ghost Story: A Life of David Foster Wallace“ | deutsche Übersetzung von: Eva Kemper | 2014 bei Kipenheuer & Witsch erschienen | 502 Seiten

Ich kann mich noch an so viel erinnern.  Ich sitze im Zug und lese zum ersten Mal in meinem Leben David Foster Wallace, oder DFW[1], wie seine, mit einem unsichtbaren Band gemeinsamer Begeisterung verbundenen, Fans ihn nennen.[2] Ich kann mich auch daran erinnern, wie ich den „Unendlichen Spaß“ begann und ich erinnere mich, wie ich die letzten Zeilen las, nur um sofort wieder mit der ersten Seite des Buches neu zu beginnen, doch ich wusste in diesem Moment, dass es das beste Buch war, das ich je gelesen hatte. Ich erinnere mich daran, am Tag des erscheinen des „Bleichen Königs“ DFWs unvollendeten letzten Roman in einer Buchhandlung gesehen zu haben.[3] Wie ich verführt wurde von der Idee, das Werk an jenem symbolischen Tag gleich erwerben zu müssen, wie es ein Fan nun einmal tun müsste, aber mir klar wurde, dass ich ihn nicht gleich lesen würde (wie es ein richtiger Hardcore Fan eigentlich auch tun müsste[4]), ließ ich davon ab. Es gibt so viele Erinnerungen, an die vielen Stunden mit seinen Texten. Und da es keine neuen Texte mehr von ihm gibt, lese ich nun etwas über ihn, denn wenn ich mal meine Biographie schreiben sollte, dann ist nach Don DeLillo, DFW – chronologisch gesehen – so etwas wie der zweite große Autor meines Lesens.[5] [6]

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Adam Tooze – Welt im Lockdown

Originaltitel: “Shutdown. How Covid Shook the World’s Economy”| deutsche Übersetzung von Andreas Wirthensohn | 2021 bei C.H.Beck erschienen | 408 Seiten

Stellen sie sich vor, sie wären ziemlich clever (jeder kann sich das eigentlich ganz gut vorstellen, ich stelle es mir manchmal vor – na gut ich gebe zu, öfters vor – ich stelle mir sogar vor, ich wäre besonders clever). Sie sitzen bei der Premiere eines neuen Films und weil sie clever sind und weil unklar ist, wie lange der Film noch geht, gehen aus dem Kino heraus und erzählen dem gespannten Publikum, das keinen Einlass zur Premiere hatte, aber eigentlich echt gern wissen würde, worum es geht, was sie über den Film denken. Ihre Einlassungen sind geprägt von großer Kenntnis und Sachverstand, und sie haben den großen Vorteil, dass sie der Einzige waren, der vorher aus dem Kino rausgegangen ist und können somit erstmal frei erzählen, weil die anderen Typen noch im Saal sitzen. Es gibt eben nur ein winziges Problem, sie kennen das Ende des Filmes nicht, sie wissen noch nicht mal, wie nah oder fern sie am Abspann waren.

Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, den ich durch sein Buch „Crashed“ außerordentlich schätze, hat Ende des letzten Jahres, ein Buch über die Corona-Krise veröffentlicht.[1] Es wurde im April 2021 fertiggestellt und beleuchtet das erste Jahr der Pandemie auf dem Planeten. Eigentlich könnte ich an dieser Stelle schon aufhören zu schreiben, denn dem einen oder anderen mag es aufgefallen sein, die Coronapandemie ist weder im April 2021 noch heute im Januar 2022 wirklich vorbei (vielleicht bald, aber heute noch nicht). Das ist das große Manko, eines Buches, das eigentlich nicht wirklich ein Buch über die Pandemie sein will (so suggeriert es auch der Originaltitel, aber nicht die deutsche Übersetzung!), dessen Hauptschwerpunkt aber die Reaktion auf die Viruskrise ist. Für Adam Tooze ist damit „das Jahr 2020 keineswegs ein Kulminationspunkt, sondern lediglich ein Moment in einem Prozess der Eskalation“ (S.338), der zu einer Politik des Krisenmanagements geführt hat. Als Diagnose ist das aber ein bisschen wenig und man könnte den Vergleich ziehen, dass sie als Arzt einen kranken Menschen vor sich haben, dieser mit einer Grippe vor ihnen steht. Sie diagnostizieren die Krankheit, geben ein Medikament und stellen noch allerhand andere Probleme fest und erklären dem Patienten, darum müsse man sich später auch kümmern. Bei der Darstellung die wir in „Lockdown. Welt am Abgrund“ bekommen, ist die Geschichte aber schon an dieser Stelle zu Ende, ob die Medikamente des Doktors (die Politik) wirken, ob es Nebeneffekte gibt und was wir heilen können und was chronisch werden könnte, werden wir von diesem Buch nicht erfahren, noch nicht mal, wie das mit der ansteckenden Krankheit ausging. „Adam Tooze – Welt im Lockdown“ weiterlesen

Hartmut Rosa – Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen

In unserer kleinen Reihe „our pathetic age“, welche sich den Ideen und Beschreibungen unserer Gegenwart widmet, soll als nächstes eines der wirkmächtigsten Soziologiewerke der letzten Jahre vorgestellt werden, Hartmut Rosas „Resonanz“.

Wie im Einleitungsbeitrag zu „our pathetic age“ geschrieben wurde, soll diese Kategorie einen kritischen Blick auf die Zustände des Lebens in der Jetztzeit liefern. Einführend möchte ich aber einen kleinen Blick auf den Begriff „kritisch“ werfen. Ich selbst versuche dieses Wort mit einer gewissen Doppeldeutigkeit zu benutzen, zum einen als Bemühen hinter das Offensichtliche zu gelangen, Fragen zu stellen, warum es so ist, wie es sich darstellt, aber auch im Versuch die eigene Perspektive immer wieder zu justieren. Dabei ist natürlich impliziert, dass die Zustände, so wie sie sich zeigen, niemals ideal sind und immer einen Anlass zur Verbesserung geben (wobei man auch diese Bemerkung durchaus kritisch hinterfragen könnte!). Zum anderen schwebt mit diesem Begriff auch eine gewisse Ironie (bei mir) mit, wenn sie so wollen ein Spiel, die eigene Kritik der Weltzustände als fluide, als „work-in-progress“, als diskutabel zu bezeichnen. Genau das soll in „our pathetic age“ erreicht werden, der Versuch unsere Gegenwart zu beleuchten, aber mit der Einsicht, dass auch dieser Belichtungsvorgang – ganz wie der Besuch im Keller mit einer Taschenlampe – von einem Ort ausgeht, von dem man sich wegbewegen kann und mit einer Lichtstärke, die mehr über die Kapazitäten des Haltenden der Lampe aussagt, als über die Möglichkeiten der Beleuchtung. Aber vielleicht finden sich im Keller der Erleuchtung neue, stärkere Batterien, oder gar eine Stehlampe? „Hartmut Rosa – Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen“ weiterlesen

Stefan Zweig – Die Welt von gestern

Autobiographien geraten bei mir normalerweise nicht so schnell in den Fokus und ich tue mich häufig recht schwer damit, denn ich muss von einem Menschen schon sehr fasziniert sein, wenn ich mehr von ihm erfahren möchte. Von Stefan Zweig bin ich sehr fasziniert und seine Autobiographie „Die Welt von gestern“ stand bei mir schon seit meinen Studienzeiten auf der Leseliste (ich erinnere mich an die Lobpreisung des Autors von einer meiner Geschichtsdozenten in der Uni), aber erst meine neuerliche Hinwendung zum meistverkauften deutschen Schriftsteller der 1.Hälfte des 20. Jahrhunderts, ließ keinen Aufschub mehr zu. Das rund 550 Seiten starke Buch ist persönlich für mich nochmal interessanter, da Zweig mehr oder weniger 100 Jahre vor mir geboren wurde und man dadurch wie durch einen zeitlichen Spiegel schauen kann, mit welchem Alter er die historischen Ereignisse der Kaiserzeit, des 1.Weltkriegs, der Weimarer Republik oder des 3.Reiches beobachtet hat und wie alt ich gewesen wäre, wäre ich ein Jahrhundert früher geboren worden. Die Faszination dieses Buches macht aber nicht wirklich diese Konstellation aus, sie besteht in zwei anderen Punkten. „Stefan Zweig – Die Welt von gestern“ weiterlesen

Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten

Aus der Reihe „our pathetic age“
Der erste Eintrag unserer neuen Reihe „our patehtic age“ ist einem Beitrag gewidmet, der aus einem Fach stammt, für welches ich einst große Begeisterung besaß und nach dessen Re-Entry in meinem Leben mir wieder klar wurde, dass ich dieses Fach immer noch sehr schätze.

Es ist leider schon viele Jahre her, dass ich letztmals einen soziologischen Text las. Nach all der Beschäftigung mit anderen spannenden Feldern des Wissens ist es aber die Soziologie, welche quasi meinen Weg ebnete, wie ich auf die Welt schaue (wenngleich natürlich viele weitere Faktoren dafür gleichfalls von großem Einfluss waren, aber die Struktur des Sehens, hat mir die Soziologie angelegt). Was mich an der Soziologie schon seit dem Besuch meines ersten Seminars begeisterte, war die Themenstellung dieses Faches, zu zeigen, in was für Zeiten wir leben und wie das Zusammenleben der Menschen aktuell stattfindet. Die Soziologie ist dabei eines der allgemeinsten Herangehensweisen an diesen Fragenkomplex (sieht man von der Philosophie einmal ab) und das macht dieses Fach so spannend, so umfangreich, so kompliziert, manchmal so blumig, so abstrakt, so fantasievoll, so klar, so….

In was für Zeiten leben wir also? Was bestimmt unser Handeln und Tun? Welche Gesellschaft haben wir Menschen uns geschaffen? Antworten darauf zu finden, ist eine der Hauptaufgaben der Soziologie, weshalb sicherlich auch fachlich in der Soziologie nicht besonders bewanderten Geistern (wie mittlerweile auch mir) schnell Begriffe wie „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) oder „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze) einfallen, oder Niklas Luhmanns gewaltige Geschichte der Gesellschaft oder genauer, dessen was wir Gesellschaft nennen, als „Gesellschaft der Gesellschaft“. „Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten“ weiterlesen

Jan-Otmar Hesse und Sebastian Teupe – Wirtschaftsgeschichte

Wie schon beim letzten in diesem Blog beschriebenen Sachbuch, dem sehr lesenswerten „Crahsed“ von Adam Tooze, spielt das Thema Wirtschaft in unserer heutigen Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle für das Zusammenleben der Menschen. Da kann ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte sicherlich Aufschluss geben, wie sich die „ganze Geschichte“ historisch so entwickelt hat. Dafür liefern Jan-Otmar Hesse und Sebastian Teupe eine praktische, auf rund 200 Seiten komprimierte Einführung. „Jan-Otmar Hesse und Sebastian Teupe – Wirtschaftsgeschichte“ weiterlesen

Adam Tooze – Crashed

Die Finanzkrise 2008 war ein sehr einschneidendes Ereignis in der neueren Wirtschaftsgeschichte unseres immer weiter zusammenwachsenden Planten. Sie war der größte wirtschaftliche Zusammenbruch seit dem 2.Weltkrieg und folgt man der Argumentation des britischen Wirtschaftshistorikers Adam Tooze, war sie eine hochkomplexe Implosion von privaten Finanzmärkten, die Staaten zum massiven finanziellen Eingreifen nötigten, was wiederum starke politische Folgewirkungen hatte. „Adam Tooze – Crashed“ weiterlesen

Angus Deaton – Der große Ausbruch. Von Armut und Wohlstand der Nationen

Angus Deaton ist schottischer Wirtschaftshistoriker und Armutsforscher und erklärt in seinem 2013 erschienen Buch „Der große Ausbruch“, wie es erst einzelne und dann mehrere Staaten geschafft haben, aus dem menschheitsgeschichtlichen Kreislauf von Armut, Elend und Tod auszubrechen und den Reichtum des Landes und seiner Bevölkerung zu steigern und deren Gesundheit zu verbessern. Dabei betrachtet er insbesondere die Entwicklung des Nationaleinkommens und der Lebenserwartung und schildert sehr detailliert, was einige dieser Daten aussagen können und was nicht und was wir damit über den Zustand der Menschen sagen können. Er legt dann seinen Fokus auf die Frage, wie ärmeren Staaten der 3.Welt geholfen werden kann und kommt zu der Einsicht, das Entwicklungshilfe in der Form der letzten 50 Jahre nicht nur nicht zielführend, sonders sogar schädlich für die armen Länder ist, weil sie den Ausbruch aus Armut und Elend verzögert. „Angus Deaton – Der große Ausbruch. Von Armut und Wohlstand der Nationen“ weiterlesen