T.C. Boyle – Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte

Im Juli habe ich an dieser Stelle vom ungeschriebenen Gesetz geschrieben, zwei T.C. Boyle Romane pro Jahr zu lesen. In jenen Tagen war mir nicht bewusst, dass ich noch auf einen Bücherwühltisch treffen würde und ich muss gestehen, es gibt nicht viele Sachen in der weiten Welt des Konsums, die mich mehr affizieren, als gute Bücher aus den Tiefen eines Wühltisches zu angeln. Dort fand ich „Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte“, einen Erzählband des US-Amerikaners, der mit „die besten Stories“ untertitelt war, also so etwas, was man übersetzt auf den Musikmarkt mit „Best Of“ bezeichnen könnte, daher eine Sammlung von Kurzgeschichten, die als solche in jeweils in getrennten Bänden erschienen. So gesehen, bleibt es vorerst bei der Regel zwei Romane von Boyle pro Jahr zu lesen (denn Erzählungen sind eben keine Romane), gleichzeitig habe ich aber das Vergnügen, einen Eindruck von Boyles Short Stories gewonnen zu haben. „T.C. Boyle – Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte“ weiterlesen

Judith Hermann – Lettipark

Judith Hermans Erzählungen sind schon vor über zwei Jahren auf meinem Lese-Sofa in Form von „Sommerhaus, später“ gelandet und in guter Erinnerung geblieben. Ich war sehr froh, mir nun mal „Lettipark“ ausleihen zu können, mit 17 tatsächlich allesamt ziemlich kurzen Geschichten. „Judith Hermann – Lettipark“ weiterlesen

Ferdinand von Schirach – Kaffee und Zigaretten

Weder Kaffee und noch weniger Zigaretten gehören zu Genussmitteln, die meinen Appetit in irgendeiner Weise anregen. Es ist aber ein großes Glück das Ferdinand von Schirachs neueste Veröffentlichung keine Betrachtung der Vor- oder Nachteile von oben genannten Stoffen ist, sondern eine Sammlung von kurzen autobiographischen Erzählungen, Beobachtungen, Statements und Notizen, die in 48 Beiträgen gesammelt sind. „Ferdinand von Schirach – Kaffee und Zigaretten“ weiterlesen

Philip Roth – Goodbye, Columbus

Philip Roth Frühwerk „Goodbye, Columbus“ aus dem Jahr 1958 besteht aus einem kurzen Roman und fünf weiteren Erzählungen, die sich alle um die Frage der jüdischen Identität in den USA drehen. Am eindrucksvollsten ist die Titelgeschichte, eine rund 170 Seiten lange Novelle, über die Liebe eines Sommers zwischen dem eher kleinbürgerlichen Juden Neil Klugman, der sich in Brenda verliebt, einer Tochter aus wohlhabendem und strenggläubigem jüdischem Hause. Obwohl Brendas Familie ihn schnell als neuen Freund akzeptiert, sind die moralischen Grenzen der Gesellschaft der 1950er Jahre für eine erste Liebe beherrschend für die beiden jungen Leute.  Die Geschichte dreht sich darum zwischen Traditionen, Assimilation und freiheitlichem Leben zu entscheiden und das macht diese Liebesgeschichte sehr lesenswert, obwohl ihre moralischen Bezugspunkte in den 1950er Jahren angesiedelt sind und heute eigentümlich wirken. „Philip Roth – Goodbye, Columbus“ weiterlesen

Judith Hermann – Sommerhaus, später

Im Winter in Deutschland tendiert man je eher dazu, sich in sein gemütliches Lesesofa zurück zu ziehen und zu lesen. Dabei eignet sich ganz prima ruhige, vielleicht sogar etwas melancholische Literatur, während draußen der Schnee fallen sollte, es aber eigentlich nur regnet.
Judith Hermanns Durchbruch gelang ihr mit dem 1998 erschienen Erzählband „Sommerhaus, später“ und wurde mir als sehr lesenswerte Literatur beschrieben. Die neun Geschichten im Buch halten mehrere Merkmale zusammen. Sie alle haben einen ruhigen Ton, dessen Handlung sehr klar überschaubar ist, der aber auch recht großen interpretatorischen Spielraum lässt. „Judith Hermann – Sommerhaus, später“ weiterlesen

Ted Chiang – Arrival. Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

Im Frühjahr dieses Jahres sah ich Denis Villeneuve’s Kinofilm „Arrival“, der auf einer Kurzgeschichte von Ted Chaing beruht. Die außergewöhnliche Science-Fiction Story erweckte mein Interesse an der Erzählung mit dem Titel „Geschichte deines Lebens“, welche hinter dem Drehbuch stand. Tatsächlich erschien diese Kurzgeschichte zusammen mit vier anderen unter dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“, war aber bereits nicht mehr erhältlich, als ich den Kaufwunsch bei meinem Buchhändler vortrug. Nach einem halben Jahr warten auf die Neuauflage, bekam ich im Herbst ein Buch des Golkonda Verlages in die Hand gedrückt, das den eigentlichen Buchtitel zugunsten des Filmtitels zurückgestellt hat und nun mit der recht eigenartig anmutenden Aufschrift: „Arrival. Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ daherkommt. Das ändert aber günstiger Weise nichts am Text. „Ted Chiang – Arrival. Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ weiterlesen

Peter Stamm – Wir fliegen

Peter Stamm ist der erste Schriftsteller, den ich erst bei einer Lesung kennen lernte und der mich dann gleich so beeindruckte, dass ich ein Buch von ihm erwarb. Bei der Frankfurter Buchmesse – sie wissen schon, das Ereignis was meinen Kinokonsum minimierte und dafür meine Leseliste anschwellen ließ – gibt es die schöne Veranstaltungsreihe namens „Open Books“, bei der Autoren aus Ihren neuesten Werken lesen. Bei Peter Stamm war ich sofort von seiner Sprache begeistert, der Klarheit seiner Sätze, die nie umständlich wirken und dem Leser trotzdem genügend Raum für die eigene Fantasie lassen.

Mein erstes Buch von ihm war aber nicht ein Roman, schon gar nicht sein Neuster „Nacht ist der Tag“, dessen Story mir irgendwie langweilig erscheint, auch wenn ich die Begeisterung paradoxerweise über Peter Stamm, eben aus jenen vorgelesenen 10min der Lesung (die Lesung funktioniert nach folgendem Prinzip, 8 Autoren haben je 15min Zeit, 5min plaudert ein Moderator mit ihm und 10min wird aus dem Buch vorgelesen) gezogen habe. Ich entschied mich für „Wir fliegen“, 12 Erzählungen, veröffentlicht 2008, wobei diese Angabe vollkommen unerheblich ist, denn Stamms Erzählungen sind eher zeitlos, sie könnten heute genauso gut spielen, wie vor 20 oder 100 Jahren. In jeder der Erzählungen werden wir zumeist in Alltagssituationen der Protagonisten geworfen. Jedoch ist keine Geschichte schlichte Wiedergabe des tagtäglichen Lebens, sondern immer etwas Besonderes, ein Ausschnitt aus dem großen Spektrum des Daseins. „Peter Stamm – Wir fliegen“ weiterlesen

David Foster Wallace – Alles ist grün

Sie kennen das vielleicht. Sie haben einen Lieblingsautor und saugen begierig alles auf, was Sie von ihm bekommen können. Irgendwann einmal haben Sie dann fast alles gelesen, wägen ab, was wirklich klasse war und was immer noch gut zu lesen ist und stellen fest, dass Ihnen nur noch übrig bleibt, auf das neuste Buch des begnadeten Künstlers zu warten. Bei David Foster Wallace (DFW) ist dies ein gemischtes Vergnügen, denn seit seinem Ableben 2008, ist die Zufuhr neuer Texte arg begrenzt. Was nicht heißt, dass der Buchmarkt nicht noch ein paar Asse im Ärmel hätte. So kam 2011 der Erzählband „Alles ist grün“ heraus. Freilich sind dies nur dem deutschen Leser unvertraute Texte, denn sie stammen allessamt aus dem 1989 veröffentlichen Band „Girl with Curious Hair“, dass in der deutschen Übersetzung „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ zwar 2001 veröffentlicht wurde, allerdings nur in einer um 5 Erzählungen (daher der Hälfte!) gekürzten Version. Jetzt also Teil 2!
Da fragt man sich natürlich schon irgendwie, warum wurde das damals nicht gleich mit veröffentlicht? Sind diese Texte weniger gut? Was zeichnet denn einen guten Text aus und wer darf das entscheiden? „David Foster Wallace – Alles ist grün“ weiterlesen

Gregor Sander – Winterfisch

Hohe Erwartungen sind eigentlich nie sonderlich förderlich, denn sie tendieren dazu, nicht Stand zu halten, dass kann einen bei Konzerten von Lieblingsbands ergehen (wie bei Gus Gus), bei Filmen von Lieblingsregisseuren (wie bei „The Dark Knight Rises“) oder auch bei Büchern. Zu meinem Lieblingsbüchern gehört Gregor Sanders „Ich aber bin hier geboren“, eine Sammlung voller vortrefflich geschriebener und atmosphärisch dichter Erzählungen. Sein darauf folgender Roman „Abwesend“ war dann nicht ganz so berauschend und ich freute mich zu lesen, dass er schon vor zwei Jahren einen weiteren Band mit Kurzgeschichten herausgebracht hat (man sieht, ich verfolge den Literaturbetrieb mit einer gewissen Gelassenheit), mit dem Titel „Winterfisch“. Und da waren sie wieder, die großen Erwartungen, geschürt von wie immer äußerst positiven Rezensionsausschnitten auf der Rückseite (ich komme darauf zurück), war ich frohen Mutes hier wieder angenehme Lesefreuden erleben zu dürfen, denn es handelt sich bei „Winterfisch“ wiederum um Erzählungen. „Gregor Sander – Winterfisch“ weiterlesen

Javier Marias – Während die Frauen schliefen

„Während die Frauen schlafen“ ist eine Sammlung von neun Kurzgeschichten des Spaniers Javier Marías, zumeist Ende der 1980er geschrieben. Der Titel ist dabei nach der ersten Geschichte benannt, kann aber nicht wirklich thematisch für das gesamte Buch gelten, so sind die Haupthelden der Geschichten allesamt Männer. Wie bei der Aufreihung von mehreren Stücken nicht anders zu erwarten, sind einige von ihnen von außerordentlich hohem Lesevergnügen, während man sich durch andere Geschichten eher ein wenig durchquält (wobei dies so, wirklich nur für Eine, und zwar die letzte Geschichte gilt). „Javier Marias – Während die Frauen schliefen“ weiterlesen