Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil der Reihe „our pathetic age“Er stellt nicht nur den Roman vor, dessen Gegenwartsdiagnose genauer besprochen werden soll. Neben einer etwas intensiveren Darstellungen des Textes führt dies auch dazu, dass einige Passagen aus dem Roman gespoilert werden.

Literatur – ein weites Feld! Man kann sie lesen, rezipieren, auswendig lernen, interpretieren, selbst schreiben, und tatsächlich kann man sie auch hören. Beispielsweise im Autoradio.
Ich erinnere mich auf dem Weg zu einem coronabedingten Großeinkauf im Frühjahr 2020 im mir übertragenen KfZ, Ingo Schulze gehört zu haben, als er aus seinem aktuellen Werk „die rechtschaffenen Mörder“ las. Der Weg zum Rewe ist nun leider nicht sehr lang (und seit einigen Monaten ist er sogar kürzest möglich, aber das ist eine ganz andere Geschichte) und der Empfang in der Tiefgarage kann mit den besten Störsendern weltweit mithalten, weshalb mir nicht viel mehr als ein kurzer Eindruck bleib. Dieser war aber so, dass ich mir vornahm, nach dem Öffnen der Buchläden, welche sich im Lockdown Schlaf der ersten Viruswelle befanden, zu meinem Buchhändler zu eilen, um mir eine Ausgabe zu besorgen. Wie vieles aus der ersten und den weiter folgenden Wellen, vergaß oder ignorierte ich dieses Vorhaben. Vor einigen Wochen kam ich beim großen Buchhaus am Ende der Prager Straße vorbei, wo ich ein günstig eingepreistes Mängelexemplar sah und es kurzentschlossen erwarb.
In den Monaten zwischen erstem Hören und letztendlichem Kauf, hatte ich, ohne es recht zu wollen, etwas über den Inhalt des Buches aufgeschnappt. Nicht nur, dass es bald im Staatsschauspiel Dresden aufgeführt werden soll, sondern auch, dass es eine Geschichte erzählt, die einen Nerv unserer Zeit trifft, nämlich den Drift einer gebildeten Bevölkerung zum rechten politischen Rand hin.

Schulzes 2020 veröffentlichter Roman scheint diesen Drift nachzuzeichnen, in der Person des Buchhändlers Norbert Paulini, der im Laufe der 1980er Jahre einen angesehenen Laden mit antiquarischen Büchern in Dresden aufbaut. Aus allen Teilen der DDR strömen Buchliebhaber zu ihm, um Schätze zu heben, die sonst nirgends im Lande zu finden sind. Der Laden wird der Treffpunkt einer Intelligenz, die sich im Studium klassischer, deutschsprachiger Literatur vertieft. Deren Zentrum bildet Paulini, nicht nur, weil er es schafft, immer wieder neue – alte Bücher zu finden, sondern weil er sich weniger als Buchhändler und mehr als Weiterreicher von Büchern sieht. Sein Geschäft wird gleichfalls eine Bühne des intellektuellen Austauschs, in welchem er Vorträge und Ausstellungen organisiert. Hauptattraktion ist aber Paulini selbst, weil er als manischer Leser und Büchernarr ein universelles Wissen über Ausgaben, Auflagen und Erscheinungsformen von gedruckten Werken besitzt und sich liebend gern mit Zitaten aus diesen schmückt. Mit der Wende kommen für Paulini zahlreiche Veränderungen. Zwar kann er auf der einen Seite nun fast unbegrenzt Bücher für seinen Laden anbieten und Buchschätze präsentieren, von denen er und seine Leser vorher nur träumen konnten, aber auf der anderen Seite bleibt die Kundschaft aus. Statt sich weiter der Literatur hinzugeben, scheint diese nun anderen Leidenschaften, als dem Studium des gedruckten Wortes zu frönen. Paulini gerät sowohl in familiäre als auch in finanzielle Schieflage und je mehr Zeit die Elbe herunterfließt, umso wunderlicher werden die ein oder anderen seiner Statements.
Es ist dieser Teil des Buches, welcher der oben erwähnten Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Tatsächlich ist der gerade beschriebene Inhalt aber nur der Erste von drei Teilen eines durchaus bemerkenswerten Romans, der vieles was man auf den ersten Blick von ihm annimmt gar nicht wirklich ist.

Vom Buchtitel her könnte man eine Kriminalgeschichte erwarten, aber eigentlich spielt die Handlung mehr mit der Vermutung einer Straftat (und das auch nur ganz am Ende), als mit einem tatsächlich geschehenen Mord. Ob ein Kriminalfall wirklich stattfindet, wird nie wirklich klar. Zwar wird im ersten Teil der Geschichte die politischen Radikalisierung eines (alten, weißen) Mannes erzählt, aber dann stellt sich heraus, dass dies nur die politische Hintergrundgeschichte eines Romanes ist, der zuvorderst ein Buch über das Bücher lesen, aber auch über das Bücher schreiben und Bücher verlegen ist. Das wird in den zwei folgenden Abschnitten von „die rechtschaffenen Mörder“ deutlich. Im zweiten Teil erzählt der Autor Schultze[1], eine Art von Entstehungsbericht seines Textes über Paulini (daher des Teil 1), der dritte (und kürzeste) Teil, ist eine Reportage der Lektorin von Schultze, über die Frage der möglichen Fertigstellung des Textes über Paulini (daher Teil 1) und das Verhältnis des Autors Schultze zu seinen Sujet[2] (daher Teil 2).
Erst aus dieser Gesamtschau heraus lässt sich der Roman wirklich wertschätzen. Ich kann mich an kein Buch der letzten Jahre erinnern, dass erst durch die Verschmelzung der drei Einzelteile so stark wurde. Das Gesamtwerk hebt sich hier über seine Teile deutlich ab und das tut es, weil aus den drei Blickwinkeln Multiperspektivität entsteht, die sich jeweils wieder ausleuchtet. Würde man diese Teile als abgeschlossene Kurzgeschichten lesen, würden diese bei weitem nicht an ihre zusammengenommene Wirkung reichen.

Schauen wir tiefer auf die Geschichte Norbert Paulinis, bei welcher man zwar erahnen kann, warum er von einem städtischen Literaturpapst, zu einem verkappten Rechten wird, die aber viel zu kurz und oberflächig ist, um wirklich etwas zu erklären. [3] Man fragt sich beim Lesen des ersten Teils vielmehr, warum Paulini zwar sehr viel über Bücher weiß, dutzende Inhalte zitieren kann, Ausgabeformen und Jahreszahlen lexikalisch benennen kann, warum er aber keinen Wissenskanon besitzt, sondern fast schon ärgerlich eklektisch über seine Bücher geneigt ist. Bücher scheinen für den im Teil 1 beschriebenen Paulini ein Wert an und für sich zu sein, ein Kulturgut, etwas Auratisches. Würde man Paulini ein einzigartiges und besonders schön gedrucktes Exemplar des Telefonbuchs geben, so würde er auch das von A bis Z durchlesen.[4] Dabei fällt der inhaltliche Kontext, der Zitation zum Opfer. Bei Paulini werden sie gefühlt zu Briefmarken, die kaum einen inhaltlichen Zusammenhang mit der Welt haben und daher auch nur wenig taugen, um genau diese Welt, die jeden Tag um und in uns entsteht und vergeht zu zeigen. Sie werden zu einem Gut, dass geordnet, gesammelt und zitiert werden kann. Hier möchte man jedoch einwerfen, dass Bücher uns immer eine Geschichte erzählen und diese Geschichte kann man immer interpretieren (so wie ich das vorliegende Buch interpretiere und Sie – geneigter Leser – wiederum diesen Text darüber). Diese Interpretation wiederum sagt immer etwas über unsere Welt aus, sie hilft uns etwas mehr über sie zu lernen, uns selbst in ihre Mannigfaltigkeit einzuordnen und wiederum diese Mannigfaltigkeit ansatzweise zu verstehen, auch wenn man sich heute vom Gedanken nicht befreien kann, dass umso mehr man versucht zu verstehen, umso mehr Folgefragen entstehen. Bei Paulini jedoch scheint dies nie vorzukommen, Texte wirken bei ihm wie die Aneinanderreihung von Buchstaben und jeder Liebhaber von Literatur fremdelt etwas bei dem Gefühl, er lese nur eine beliebige Anzahl von Zeichen. [5] Diese fehlende Aussagekraft der Bücher, die ihm nichts mehr über eine immer schneller werdende Welt sagen kann, führt dann auch dazu, dass Paulini sich aus der Welt zurückzieht, merkwürdig wird, verschroben, hinterwäldlerisch. Die Bücher sprechen zwar noch zu ihm, aber er kann sie nur noch als Vermächtnis einer Vergangenheit interpretieren. Paulini scheint dieser Welt nur noch sagen zu können, dass alles falsch läuft, erspart sich den Aufwand sie verstehen zu wollen, die Welt der Bücher und die Welt draußen scheinen nichts mehr miteiandern zu tun zu haben.[6]
Ingo Schulzes Roman ist, wie oben angedeutet, gleichfalls ein Buch mit einer zeitdiagnostischen Aussage, in welcher meine Heimatstadt Dresden und sein „intellektuelles Klima“[7] beleuchtet wird. Als Dresdner ist man dann in erster Instanz geneigt, dieses Buch über Dresden als ärgerlich zu empfinden. Denn im Text gibt es zwei Arten von Dresdnern, welche die nach der Wende auszogen und beispielsweise nach Berlin gingen. Diese Menschen sind weltoffen und arrangieren sich in einer dynamischen Welt und es gibt „alte Dresdner“, die in Dresden blieben, oder dahin zurückgingen. Diese scheinen sich an einer kulturellen Reinheit zu orientieren, die man gegen den immer stärker werdenden Druck der Dynamik der Welt verteidigen muss.[8]
Das auch diese Einordnung von „Gut und Böse“ zu kurz greift, macht der dritte Teil des Buches klar, der noch einmal die Multiperspektivität betont, da er mit der Lektorin des Paulini Textes erstmals eine andere Person als Erzählerin zu Wort kommen lässt. Besonders gelungen ist dabei der Einbau kleiner Fehler in den Text, etwas was ich beim ersten Lesen als sehr ärgerlich empfand. Erst im Laufe des Lesens entpuppt sich das als eine große Stärke. Zwei Beispiele sollen hier benannt werden. Im ersten Teil des Romans wird beschrieben das Paulini nach der Elbeflut von 2002 in den „Landkreis Sächsische Schweiz Osterzgebirge“ zieht. Mit dieser administrativen Beschreibung, welche sonst im Text nie gebraucht wird, schwingt das (sicherlich nicht vollkommen zu Unrecht gedachte) Vorurteil mit, in eine Gegend zu ziehen, in welcher mehr Menschen mit rechtsradikaler Gesinnung leben als im Bundesdurchschnitt. Der Begriff „Landkreis Sächsische Schweiz Osterzgebirge“ wird mindestens mitschwingend gelabelt gebraucht. Tatsächlich ist dieses Label aber faktisch falsch, denn den „Landkreis Sächsische Schweiz Osterzgebirge“ gibt es erst seit 2008. Nachdem ich beim Lesen erst dachte, der Fehler läge beim Autor Ingo Schulze, so bin ich nach dem Beenden des Romans der Meinung, der Fehler ist von Schulze absichtlich eingebaut worden, um die Erzählung des fiktiven Autors Schultze zu charakterisieren, welcher ja wiederum bemüht ist, die Geschichte Paulinis, als eine Geschichte der Radikalisierung zu schreiben und da passt es gut, wenn man sich in eine „rechtsradikale“ Gegend zurückzieht.[9] Klar wird diese Konstellation des Einbaus von Fehlerchen aber erst im dritten Teil, als die Lektorin von Schultze, als ortsunkundige Touristin von der Neumannsmühle in der Sächsischen Schweiz spricht, die – wie der Ortkenner natürlich weiß – gar kein „s“ im Namen trägt. Schulze lässt also seine Erzähler bewusst Fehler machen und zeigt dem Leser auf, „lass dir nie die Wahrheit von einem Text aufschwatzen, er ist nur eine Sicht der Dinge“. Er macht mit dem Einbau dieser kleinen Fehler deutlich, dass der Roman letztendlich zum Thema hat, dass man Dinge ganz unterschiedlich sehen und ausdrücken kann, das aber jeder Äußerung natürlich eine Wertung zu Grunde liegt. Damit entzieht sich der Roman der eigentlichen politischen Verortung seiner Hauptfiguren und lässt uns Leser mit der Frage zurück, wie wir über die Welt schreiben und wie diese dann erscheint. Es ist das Zusammenspiel von zwei Dingen, nämlich dem Versuch ein Erklärungsmuster zu geben, über ein Abdriften von gebildeten Menschen in eine Radikalität und der Dekonstruktion dieser Erklärungsmuster, welches den Roman zu einem der besten Bücher des Jahres macht. Ziel von „die rechtschaffenen Mörder“ ist es nicht (nur) eine politische Deutung unserer Welt abzugeben, sondern zu zeigen das alle Interpretationen der Welt immer ihre Ausgangspunkte, Motivationen und Muster haben, um die Dinge, die sind, in ein Schema einzubauen und es sind die Bücher der Welt, die uns immer wieder neue Blickwinkel anbieten, mit denen wir unser Leben auf dieser Welt abgleichen können.
Wie sich dies auf die Bretter der Welt im Staatsschauspiel transformieren lässt, werden wir sehen, aber ich bin äußerst gespannt und freue mich darauf, mal wieder in Theater zu gehen.

[1] Den Einschub des „t“ im Namen fand ich erst dümmlich, später dann aber sehr passend. Ein reaktiv-emotionales Schema, dass mir noch mehrmals beim Lesen des Buches begegnete. Man könnte an dieser Stelle über den „t-Einschub“ länger sprechen, vielleicht hier nur kurz. Jedem Leser sollte klar sein, wenn Schulze seinen eigenen Namen im Roman genommen hätte, dass es trotzdem nicht die Person Ingo Schulze wäre, die hier im Originalton spricht, sondern eine Kunstfigur im Roman. Weshalb also das „t“? Weil es wunderbar das Spiel beleuchtet, um dessen Thema sich der Roman dreht. Schultze hat zwar irgendetwas mit dem Autor Ingo Schulze zu tun, ist es aber eben gerade nicht. Die Betonung liegt auf der Nähe, bei gleichzeitiger nicht Einheitlichkeit, es betont die Autorenschaft eines jeden Textes.

[2] Tatsächlich erweitert sich das Sujet im Laufe des Textes und handelt von einem immer größer werdenden Personenkreis. Das Sujet des ersten Teils ist nur Norbert Paulini, allerdings ändert sich das im Verlauf von Teil 2, in dem Lisa ein immer größeres Thema wird, aber immer noch mit der Stimme Schultzes gesprochen wird. Teil 3 steht dann vor der Frage, welche Rolle Lisa nicht nur für den Text über Paulini, sondern auch im Leben von Schultze hatte und was die weiteren Ereignisse über ihn sagen. Spätestens hier haben wir drei Personenbeschreibungen aus unterschiedlichen Quellen und wir können uns ungefähr denken, wie diese Personen so sind, aber umso mehr wir über die Charaktere wissen, umso unklarer werden auch schnelle Zuschreibungen für diese immer komplexer erscheinenden Charaktere.

[3] Rechtsradikalismus wird nicht wirklich diskutiert in „die rechtschaffenden Mörder“. Aus den Aussagen, welche der Roman trifft, geht sehr wohl hervor, dass Paulini einige Ansichten teilt, die man diesem politischen Spektrum zuordnen würde. Gleichzeitig lebt Paulini sehr zurückgezogen, anti-konsumistisch könnte man sagen, aber auch umweltbewusst, ohne dass er etwas „Grünes“ an sich hätte. Von einem Ausländer wird Paulini als guter Mensch bezeichnet. Auch hier zeigt Schulze sehr gut, das einfache Label auf Menschen anzuwenden ebenso verkürzt ist, wie das menschliche Leben komplex und voller Widersprüche ist. Das Buch ist keine Bestandsaufnahme, wie weit rechts, Rechtsaußen ist, aber es lädt dazu ein, über politische Einordnungen nachzudenken.

[4] Eine Idee, welcher der begnadete und leider viel zu früh verstorbene, Olaf Böhme in einem außergewöhnlich humorvollen Bühnenprogramm einst umsetzte.

[5] Es ist eine weitere Stärke des Romans, dass er den Leser über sein Verhältnis zu Büchern fragt. Warum lesen wir? Wie behandeln wir unsere Bücher? Warum kaufen oder leihen wir Bücher? Wie behandeln wir Bücher? Aber eben auch – und vor vielleicht allem anderen – was sagen uns die Texte in den Büchern? Das dieser Blogbeitrag so lang geworden ist, hat genau damit zu tun (und weniger mit der Heimatfrage, denn Romane im weitesten Sinne über Dresden liest man als Dresdner auch nicht jeden Tag). Dieser Blog ist meine Antwort auf die Frage, was mir Bücher bedeuten. Diese Antwort fällt nicht nur für jedes Buch unterschiedlich aus, sondern sie reflektiert auch mein Verhältnis zur Welt des Buches insgesamt.

[6] Am Ende des Romans wird erwähnt das Paulini das Lesen von Büchern zugunsten des Lesens im Internet aufgibt. Ich bin mir nichts sicher, in welche Richtung das zu interpretieren ist, aber tatsächlich ist auch bei mir der Eindruck vorhanden, dass es einige Leser gibt, die lieber „authentischere“ Texte aus den Weiten des Netzes fischen, als das sie in Bibliotheken stöbern. Es scheint fast so, als wäre ein „authentischer Text“ (mit der Eigenschaft, dass man den Autoren eine reine Absicht unterstellt, weil diese von sich aus gegen eine angenommene dunkle Macht anzuschreiben, sich ermutigen), der einzelne Fakten, die für eine emotionale Erzählung der Welt günstig erscheinen auswählt und diese mit einer Brise von Emotionen anreichert, die ideale Welterklärung, um uns in unserer Meinungsblase, die wir beständig suchen, zu bestätigen. Das hat den Charme das die Komplexität der Welt endlich wieder überblickt werden kann und dass man beim Denken über die Welt nicht ständig an Hindernisse gerät. Leider ist dieses Vorgehen nicht grundverschieden von öffentlichen Welterklärungsmustern, welche die Politik anbietet.

[7][7] Ob Städte so etwas wie ein intellektuelles Klima haben sei an dieser Stelle ausgeklammert. Sicherlich kann man aber davon sprechen, dass Städte ebenso wie Region, Länder oder gar ganze Kontinente mit verschiedenen Images aufgeladen werden können. Als Dresdner drängt sich mir der Verdacht auf, das Image der Stadt hat sich in den letzten Jahren nicht nur positiv entwickelt, was mich in eine ärgerliche Lage gebracht hat. Sehr lange war ich ausnehmend kritisch meiner Heimatstadt gegenüber. Jetzt, da die Kritik an ihr quasi zu einem gesellschaftlichen (oder mehr noch medialen?) Reflex geworden ist, schlüpfe ich vermehrt in eine Verteidigungshaltung (insbesondere gegen die zahlreichen vereinfachenden Zuschreibungen die es gibt, ich könnte darüber Roman füllen) und so wird mein Befinden gegenüber Dresden ständig von sich sehr wiedersprechenden Gedanken bewegt. Das hat nichts mit meinem persönlichen Umfeld zu tun, mehr mit dem was mir in der Stadt und über die Stadt tagtäglich entgegenkommt.

[8] Eine Interpretation des Romanes könnte es sein, dass die „alten Dresdner“ einen anderen Begriff von Kultur und Kunst haben. Dieser ist konservativer geprägt, als etwas reinhaltiges, eine Kunstform die nicht geprägt von Innovation, sondern von Kunstfertigkeit ist. Von daher hat sie etwas bewahrendes, fast schon anti-dynamisches, weil sie Neues weniger schnell zulässt. Sie hat auch etwas auratisches, denn Kunst zeigt sich nicht daraus, dass sie etwas über die Welt ausdrückt, sondern durch ihre pure Existenz. Gleichzeitig hat Kunst dabei immer den Anspruch, um ihrer selbst willen Kunst zu sein, sie darf sie nie in die Gefahr der Kommerzialisierung begeben, daher ist der Künstler, der qua seiner Erzeugnisse (viel) Geld verdient kein Künstler mehr, sondern ein Kapitalist, der nur eine Idee verkauft. Es ist dieser nicht ganz einfach zu greifende Anspruch an Authentizität der hier betont wird und der in der Darstellung von Paulini, aber noch mehr von Lisa bei Ingo Schulze herausgearbeitet wird und den ich sehr spannend finde.

[9] Um dies – eigentlich unnötigerweise – klar zu machen, hier wird das Label wiedergegeben. Ist für mich dieser Landkreis mehr als dieses Label? Selbstverständlich, viel mehr sogar!

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