The Divine Comedy – Our Mutual Friend

aus der Reihe: Musik liegt in der Luft

Ich schreibe eigentlich nicht über Musik. Zum einen würde ich mich nicht gerade als Experten bezeichnen und zum zweiten finde ich tatsächlich, dass man über Musik nur schwer sprechen kann. Ein schönes Beispiel dafür habe ich erst gerade wieder auf einem Festival erlebt. Im Programmheft bekamen dabei einige Musiker eine ganze Seite mit Beschreibung zur Verfügung gestellt (andere etwas weniger), zum anderen wurde jeder Künstler vor seinem Auftritt extra vorgestellt. Die Vorstellung von „The Divine Comedy“ verlief dann auch so, dass ich gar nicht so richtig wusste, was da auf einen zukam, so eklektisch fand ich den scheinbar aus Wikipedia herausgenommenen Beitrag des Ankündigers, dessen Job mir etwas antiquiert vorkommt (ähnlich dem Programmansagerinnen im Fernsehen, den man sich in den 90ern entledigt hat).

Tatsächlich sollten aber „The Divine Comedy“ meine persönliche Entdeckung des Festivals werden. Stilvoll, mit Hang zu (Selbst-) Ironie und großer Geste, die man vielleicht mit Pulp vergleichen könnte, auch wenn die letztgenannte Band etwas tanzbarer ist. Ich möchte am Beispiel des auch auf dem Konzert vorgetragenen Songs „Our Mutual Friend“ kurz vorstellen, was ich an „The Divine Comedy“ so schätze.
Ich gebe zu, zwar schon vorher[1] von der nordirischen Band, die sich im Grunde ganz nur um Neil Hannon (als einziges beständiges Mitglied) dreht, gehört zu haben, aber wirklich Songs kannte ich nicht und das ganze Konzert war für mich voller positiver Überraschungen.[2]

Der Song „Our Mutual Friend“ ist mir auf dem Konzert gar nicht mal so sehr aufgefallen. Das kam dann aber sofort beim Anhören, des 2020 erschienenen Best Of Albums „Charmed Life“. Ich konnte fast nicht ablassen, diesen Song wieder und wieder zu hören. Normalerweise höre ich beim Joggen Podcasts, aber am Sonntag nach dem Festival legte ich „Charmed Life“ als Renn-Musik ein und es war tatsächlich so, dass ich bei „Our Mutual Friend“ mehrmals mit den Tränen kämpfen musste und sehr versucht war, mich einfach an die Elbe zu setzen und das Lied zu hören, wieder und wieder und immer wieder.[3] Das „Our Mutual Friend“ auf einem Best Of Album erscheint und auf einem Konzert der Band gespielt wird, ist insofern erstaunlich, weil der Song nie von seinem ursprünglichen Album „Absent Friends“ (2004 erschienen, als 8. Von 12 Studioalben der Band) ausgekoppelt wurde und für das es auch kein Video gibt. Das ist insofern sehr schade, weil es kaum ein Lied gibt, dass erzählerisch so nachvollziehbar ist wie „Our Mutual Friend“. Wobei erwähnt werden sollte, dass ich es für eine große Stärke der Band halte, Geschichten in ihren Songs zu erzählen, ein anderes (von vielen) sehr schönes Beispiel dafür ist „Norman and Norma“.
„Our Mutual Friend“ ist eine tragische Liebesgeschichte. Der Sänger (und Ich-Erzähler) trifft dabei auf eine Frau, die ihm von einem gemeinsamen Freund vorgestellt wurde. Sie verbringen einen wundervollen Abend, sie reden stundenlang, trinken Bier und küssen sich final in der Wohnung des gemeinsamen Freundes, bevor der Sänger wohl in einer Mischung aus Glück, Liebe und Alkohol in Ohnmacht fällt. Er erwacht am nächsten Morgen und versucht – kopfschmerzgeprägt – das Bad zu finden, stolpert aber vorher fast über seine Geliebte, welcher er umschlungen mit dem gemeinsamen Freund auffindet.
Bei „Our Mutual friend“ lohnt sich ein Blick auf den wundervollen Text, den ich hier wiedergeben möchte:

No matter how I try
I just can’t get her out of my mind
And I when I sleep I visualize her

I saw her in the pub
I met her later at the nightclub
A mutual friend introduced us
We talked about the noise
And how its hard to hear your own voice

Above the beat and the sub-bass
We talked and talked for hours
We talked in the back of our friend’s car
As we all went back to his place

On our friend’s settee
She told me that she really liked me
And I said, „Cool, the feeling’s mutual“
We played old 45’s
And said it’s like the soundtrack to our lives

And she said, „True, it’s not unusual“
Then privately we danced
We couldn’t seem to keep our balance
A drunken haze had come upon us

We sank down to the floor
And we sang a song that I can’t sing anymore
And then we kissed and fell unconscious

I woke up the next day, all alone but for a headache
I stumbled out to find the bathroom
But all I found was her, wrapped around another lover
No longer then is he our mutual friend

 

Ich möchte einige Textpassagen herausgreifen, weil sie eine überaus große Wirkung entfalten.[4] Da haben wir diese wunderbare Beschreibung eines ganz besonderen Abends in welchem der Sänger sich in eine Frau verliebt, dann aber doch ganz cool bleibt, um bloß nicht zu viel von seinen Gefühlen preis zu geben. Hannon textet dabei diese wunderbare Zurückhaltung, bei der Darstellung der eigenen Emotionen:

She told me that she really liked me
And I said, „Cool, the feeling’s mutual“

Wie sehr er eigentlich verliebt ist, zeigen die ersten beiden Zeilen, in welchem er den Schmerz beschreibt, denn diese unerfüllte Liebe hinterlässt, wenn der Protagonist singt:

No matter how I try
I just can’t get her out of my mind

Oder auch bei der Passage:

And we sang a song that I can’t sing anymore

Das alles ist natürlich tief tragisch und an dieser Stelle sei die ewige Weisheit des Geschichten-Erzählens nur noch einmal kurz in Erinnerung gerufen, dass es wohl nichts wundervolleres als dramatische Liebesgeschichten gibt. Und genau diese Tragik mündet schließlich im wunderbaren Finale des Songs, in welchem gleichsam als Titel und Resümee der gemeinsame Freund besungen wird, der nun ganz offensichtlich diesen Status verloren hat.

But all I found was her, wrapped around another lover
No longer then is he our mutual friend

Es ist dieses langgezogene gesungene Wort „friend“ die den Song gesanglich beendet. Hier kommt man nicht umhin, die besondere Tragik, das fast Weinerliche in Hannons Gesang herauszuhören, der diese wunderbare Melancholie mitschwingen lässt, die sich über das gesamte Lied ausbreitet.

Ich möchte nicht viele Worte zur Instrumentierung verlieren, denn dort liegt wirklich nicht meine Kernkompetenz. Ich möchte nur auf zwei Sachen kurz hinweisen. Das Lied hat keinen gesungenen Refrain, sondern ein instrumentales und ziemlich hymnisches Zwischenspiel. Das wirkt für mich auch sehr eingängig. Auch möchte ich auf den Stimmungsumschwung, der mit der Erzählung des nächsten Morgens beginnt, hinweisen, wo dann auch musikalisch aus Liebe, Drama und Bitterkeit werden.

Ich halte das alles für perfekt gemachten Pop, der mit einer großen Emphase vorgetragen wird und wie ein tragisches Theaterstück wirkt.

Nun aber genug von meinen Worten, hören und genießen – Sie bitte selbst:

[1] Allerdings war mir nur der Name geläufig und ich konnte keinen Zusammenhang festmachen. Nach einiger Beschäftigung mit der Band konnte ich ihn aber finden. „The Divince Comedy“ haben den Soundtrack für die irische Comedyserie „Father Ted” geliefert.

[2] Das ist für mich ein sehr wichtiges Erfolgskriterium eines Festivals (neben anderen natürlich), dass man für sich neue Musik entdeckt.

[3] Ich bin im Nachhinein nicht sicher, warum ich das nicht gemacht habe.

[4] Überhaupt darf man nicht vergessen, dass Neil Hannon ganz bemerkenswerte Texte liefert. Nehmen wir „Indie Disko“ eine wundervolle Hommage an die Diskoabende meiner Jugend (mehrheitlich waren die aber nicht wie im Song donnerstags, sondern eher Mittwoch, oder freitags)

Schreibe einen Kommentar