Kekulés Corona Podcast

Aus der (neuen) Reihe: „an-geHÖRT

Podcats spielen seit einigen Jahren in meinem Leben eine immer größere Rolle und das gilt wohl nicht nur für mich, sondern ist gerade eine neue Welle des Medienkonsums. Ich gehöre nun auch zu den Leuten, die in der Öffentlichkeit mit Kopfhörern unterwegs sind und sich von anderen Leuten aus dem Internet beschallen lassen, während man, wie in einem akustischen Kokon, durch die Straßen der Stadt zieht.[1] Dieses Abwenden von der eigentlichen Welt ist verbunden mit einem Eintauchen in ein Hörgelage, dass sich – so hoffe ich mindestens – vermeintlich tiefer mit der Welt beschäftigt.
Wie bei allen Medien ist es irgendwo eine Frage der Perspektive der Weltschau und ebenso zahlreich wie die Facetten unserer Zeit, sind dann auch die Themen von Podcasts. Er kann dich unterhalten, informieren (aber auch desinformieren) und amüsieren. Aber – und hier liegt ein Wesenskern des Mediums, er kann dies tun, während du unterwegs bist, oder etwas anderes machst, er lässt dir die Möglichkeit, den Podcast zusätzlich zu einer anderen Tätigkeit ablaufen zu lassen (was bei Lesen oder Fernsehschauen eben nicht möglich ist). Podcasts sind ein weiteres Puzzleteil für die vermeintliche Effektivierung unserer zeitlichen Ressourcen, für das Ausquetschen von Nützlichkeiten unseres Alltages und für eine Abwendung von der Möglichkeit direkter Kommunikation um uns herum. Sie sind – wie so viele Neuerungen – Gewinn und Verlust zur gleichen Zeit.

Leider kann ich das Hördatum meines ersten Podcast nicht mehr verorten. Wenn man so will, war aber das „Radio hören im Auto“ eigentlich nichts anderes, mindestens mal ein Vorläufer der Podcasts.[2] Im Auto – und daran kann ich mich erinnern – hörte ich im Corona-März 2020, also in jenen Tagen als der Virusspuk in Europa jede, aber auch wirklich jede Schlagzeile beherrschte, eine Radiosendung, die wie gerade erwähnt, auch als Podcast veröffentlicht wurde; „Kekulés Corona Podcast“. Die Welt war damals voller Fragen und der Vorteil war, es gab Experten, die einige dieser Fragen beantworten konnten und bei solchen, bei denen das (noch) nicht möglich war, konnten sie dank Vorkenntnissen spekulieren.[3] In seiner anfangs fast täglich ausgestrahlten Sendung beantwortete[4] Prof. Alexander Kekulé dabei Fragen von mdr-Redakteur Camilo Schumann zum Covid-19 Virus. Motto war die Maßgabe, „Orientierung“ zu geben, und das in einer Zeit voll Unwissenheit, Ungewissheit und Angst vor dem Unbekannten sowie potentiell Tödlichen.[5]
In jener Krise machten sich die Professionen der Virologen, Epidemiologen und Ärzte im allgemeinen daran, die Welt (der Krankheit) zu erklären und anders als man von einer naturwissenschaftlichen Betrachtung eines Problems bis dato erwarten konnte, bildeten sich durchaus unterschiedliche Ansichten, welche Maßnahmen nun richtig, korrekt oder gut wären. Mit der Erteilung von Statements pro oder contra von Maßnahmen, etablierten sich öffentliche Zuschreibungen und Kritik an vorher vollkommen unbekannten öffentlichen Personen in einer Geschwindigkeit die schneller als neue Virusvarianten daher lief.[6] An Kekulés Podcast (und ich hörte natürlich anfangs nicht nur seinen, sondern eine ganze Reihe anderer Angebote zum Thema, denn die Aktualität der Problematik brachte einen ungeheuren Hunger an neuen Informationen mit sich bzw. das Verlangen nach Auslegung neuer Information[7]) gefiel mir dabei am meisten, dass in der Sendung tatsächlich dem Motto „Orientierung zu geben“ gefolgt wurde und die Sendung seinen Zuhörern genau diese in der Corona-Krise lieferte. Gemeinsam mit dem Podcast-Host Camillo Schumann (und ab 2022 Tim Kröger) gab Kekulé nicht nur Tipps zum praktischen Umgang mit Infektionskrankheiten, er beleuchtete ebenso das Wirken und den Ablauf von Infektionskrankheiten beim Menschen, referierte über Vor- und Nachteile von Impfungen, Krankheitsverläufen und leuchtete die Corona-Krise bis in tiefste Details aus (beispielsweise mit gelegentlichen Einschätzungen, wie in anderen Staaten z.B. China das Problem gehandelt wird). Dabei tauchte der Podcast tief, manchmal für mich viel zu tief (oder für Virologen vielleicht nicht tief genug) in biologische Themen ein, manchmal spekulierte er über Möglichkeiten, wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommen könnte und immer wurden Fragen der Zuhörer direkt beantwortet. Dabei nutzte Kekulé nicht nur seine jahrelange Expertise[8] als Arzt, sondern insbesondere die Erörterung wissenschaftlicher Studien, deren Ergebnisse er erklärte und die er an der ein oder anderen Stelle auch kritisch durchleuchtete.
Es ist ein Verdienst dieses Podcast, dass ich viel in der Corona-Krise[9] lernte, nicht nur, was Viren von Bakterien unterscheidet und was aerogene Übertragung ist, sondern auch (und dies eher in einem zweiten Schritt, der in meiner Reflektion des Wissens über die Virussituation lag[10]) wie Politik, Wissenschaft und Medien miteiandern interagieren und einen großen Teil unserer erlebten Welt erschaffen und wie sie funktionieren, wenn sie vor vollkommen neuen Schwerpunkten stehen. Die Form der Argumentation des Podcast war in diesem Zusammenhang das Entscheidende, denn sie war nicht belehrend, sondern argumentierte informierend. Dieser Unterschied ist ein kaum zu unterschätzender Umstand in einer Pandemie, in welcher die Belehrung die dominante Form der Kommunikation über den Virus geworden war.[11] Der Anspruch selbst komplizierte Sachverhalte (und geben wir es zu, sehr viel in der Corona Krise war kompliziert) mindestens basal erklären zu wollen, um damit einen Hörer zurückzulassen, der sich selbst ein Bild machen konnte, wenn er denn wollte (die Links zu weiterführenden Texten, Studien etc. wurden immer in den „Shownotes“ nachgeliefert) kann nicht hochgenug gelobt werden. Er erschuf für den Zuhörer die Einsicht, die mindestens eins wusste; das Thema ist eine komplizierte Sache, ich verstehe es vielleicht nur ganz grob, aber ich habe eine Orientierung an die Hand bekommen und kann nun für mich selbstbestimmter entscheiden. Es ging im Podcast darum, etwas über die Welt zu lernen und ich schätze die Herangehensweise von Kekulé sehr, auch von seinen Überlegungen abweichende Ideen ebenfalls mindestens anzusprechen, auch wenn er seinen Ansatz stets versuchte argumentativ fester zu untermauern.
„Kekulés Corona Kompass“ gab mir tatsächlich Orientierung, in einer vom Virus angezogenen Welt. Ich fühlte mich stets gut informiert und habe auch durch die Hinweise im Podcast, eine Infektion mit dem Virus bis Herbst 2023 vermeiden können.[12] Als ich dann tatsächlich Corona hatte, kam eine Art verkürzte Sonderfolge des Podcasts, weil der Moderator wohl auch krank im Bett lag (und irgendwie fand ich das passend und sehr schade zur gleichen Zeit, denn ich hatte erstmals das Gefühl mitreden zu können). Viel wichtiger für mich war aber, dass ich mit dem Wissen aus dem Podcast nicht nur mein Leben bewusster gestalten konnte, ich hatte auch einen gefühlt fundierteren Hintergrund um auf die Geschehnisse, Versäumnisse, Irrlichter, aber auch Erfolgen der Viruskrise zu blicken. Das nun der Corona Podcast nun nach 361 Ausgaben endet, ist bei der heutigen viralen Weltlage nachvollziehbar. Trotzdem bin ich etwas wehmütig, denn mir wird das Abtauchen in die Hintergründe eines aktuellen Themas fehlen, auch wenn Prof. Kekulé nun aller 14 Tage in seinem Gesundheitspodcast weitersprechen wird.[13]

Fun Facts zum Podcast:

Kekulés Lieblingsphrase: „Fast hätte ich gesagt,…“
Anzahl Podcasts insgesamt:361
Erschien: anfangs werktäglich, später immer seltener, am Ende: 14 tägig am Donnerstag

Fußnoten:

[1] Wobei ich feststellen möchte, dass meine Lieblingsbeschäftigung zum Podcast-Hören das Joggen ist.

[2] Weshalb ganz viele Radiosendungen nun auch als Podcasts herausgebracht werden.

[3] Im Grunde ist das eine der wesentlichsten Motivationen für (mein) Podcast hören.

[4] Das hier in der Vergangenheit gesprochen wird liegt daran, dass zum Jahresende 2023 der Podcast nach 361 Folgen eingestellt wurde.  Prof. Kekulé verschwindet aber nicht als Podcaster, sondern in der schon seit über einem Jahr etablierten Show „Kekulés Gesundheits-Kompass“ wird er allgemein über Gesundheitsthemen sprechen.

[5] Natürlich sind auch diese drei „Un-s“ heute noch als Beschreibungen des aktuellen Zeitgeschehens und der Frage wie es weitergeht, in ihrer Reproduzierbarkeit, fast schon als ewig zu bezeichnen. Aber die Wucht der Einzigartigkeit der Corona-Krise, die Vehemenz, wie sehr sie die ganze Welt aus ihrem gewohnten Alltag riss, war bis dato in den letzten Dekaden nicht vorgekommen.

[6] Tatsächlich ist zu vermerken, dass Kekulé nicht gerade selten kritisiert, und an manchen Stellen, angefeindet wurde, das erging aber fast alle wissenschaftlichen Experten in der Viruskrise so. Unterschiedlich waren aber die Quellen und die Stoßrichtungen der Kritik.

[7] Es sei vermerkt, dass ich keinen anderen Podcast zu Covid 19 kenne, der auch nur annähernd so informativ war.

[8] Was sicherlich für den ein oder anderen Zuhörer gewöhnungsbedürftig war, ist Kekulés Selbstdarstellung (die sich, wie bei fast allen Virologen änderte, umso mehr sie in der Öffentlichkeit standen und deren rauen Wind der Gegenrede abbekamen). Nur wenige Folgen kamen ohne den Hinweis aus, dass er (Kekulé), die ein oder andere Einsicht, bereits vor längerer Zeit geäußert hätte und man das hätte wissen können. Am Ende der über 360 Sendungen kann man sich als Zuhörer sicher sein, dass Kekulé in vielerlei Feldern der Medizin tätig war, davon zu berichten weiß und gleichzeitig klar macht, dass er dabei immer Experte ist. Nichts von dem wirkte aber wirklich überheblich, manchmal vielleicht etwas trotzig, größtenteils aber charmant und in einer Atmosphäre, bei denen der Zuhörer merkte, dass sowohl der Moderator als auch der Experte sich gut die Bälle der Fragen und Argumente hin und her warfen.

[9] Was ich seit der Corona-Krise neues über Gesellschaft, Politik, Wissenschaften und Medien lernte, oder zu lernen vermeinte, hätte nicht in einem Artikel Platz, da wäre ein ganzes Buch wohl besser geeignet.

[10] Der Podcast war neudeutsch gesagt: „enabling“ einer Diskursposition.

[11] Vielleicht ist dies auch ein Grund für eine gewisse gesellschaftliche Skepsis an den gängigen Massenmedien, ihr Anspruch über die Welt zu belehren (einer Tätigkeit, die immer richtig und falsch trennt), statt nur zu informieren. Natürlich ist jede Information per se auch nicht wertfrei, aber der Informationsgehalt eines Mediums sollte mindestens (etwas) Raum zur Positionierung der Information des Empfängers lassen.
Das ist tatsächlich ein sehr weites und komplexes Feld, aber thesenhaft gesprochen, glaube ich, dass Podcasts den großen Vorteil haben, sich tiefer mit einem Thema auseinandersetzen zu können und so dem Zuhörer erlauben, die getätigten Informationen einzuordnen. Das heißt nicht, dass Podcasts nicht auch groben Unfug erzählen können, aber ihr höherer zeitlicher Verfügungsrahmen, macht sie potenziell sensibler für die Darstellung komplexer Inhalte. Ich kenne keinen Podcast, bei dem ich nicht hier und da mal vehement widersprechen würde, aber an solchen Stellen abzuschalten würde bedeuten, dass man dann eben doch den ein oder anderen klugen Gedanken verpassen könnte. Podcasts sind so etwas wie eine Nische in der Weite der Öffentlichkeit, sie sind wie ein (noch nicht redigiertes) Buch in einer sonst twitterhaftigen Diskussionslandschaft über Schlagzeilen und deren Wahrheit, Richtigkeit und moralischem Gewicht.

[12] Natürlich ist mir bewusst, dass ich den großen Vorteil habe, in einer sozialen Umwelt zu leben, die mit Viren viel weniger angereichert ist als bei den allermeisten anderen Menschen. Es ist also keinesfalls ein Verdienst oder eine große Leistung, sondern eigentlich nur Wahrscheinlichkeitsrechnung.

[13] Tatsächlich ist auch dieser Podcast interessant. Ein Nachteil ist es aber eben, dass er aber quasi auf einer anderen Diskursebene liegt, die sich folgenweise mit einem Thema aus Gesundheitspolitik oder der mannigfaltigen Welt der Krankheiten beschäftigt, dieses Thema dann aber mit der nächsten Folge wieder verlässt.

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