Stephan Thome – Fliehkräfte

Aus der Reihe: „aus fremden Regalen“

Erschien 2012 bei Suhrkamp | 474 Seiten

Ich habe lange überlegt eine neue Reihe für diesen Blog einzuführen, die sich ungefähr „aus fremden Regalen“ oder ähnlich nennen lassen würde. Es geht mir dabei um rezipierte Werke, die eine Ausflucht aus meinen eigenen Listen und Beabsichtigungen darstellen und mir spontan bei anderen Menschen auffallen, oder mir von diesen so überzeugend vorgestellt werden, dass ich diese Werke spontan verschlinge.[1] Beim Abschreiten des Regals meiner Schwester fiel mir Stephan Thome in die Hände, von dem ich vorher nichts wusste. Da ich das Gefühl hatte, meine Leseliste benötigte etwas neuen Pep, nahm ich das Buch, das mich hauptsächlich durch seine ästhetische Ausgabe in Form des Covers, seinen Verlag[2] und dem abgebildeten Hinweis auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis 2012 geführt worden zu sein, überzeugte.

Hartmut Hainbach ist Philosophieprofessor in Bonn, geht auf seinen 60.Geburtstag zu, steht aber vor einer Lebens-Sinn-Frage. Seine Frau arbeitet seit zwei Jahren in Berlin und er ist die räumliche Trennung leid, weshalb er sich ein Jobangebot bei einem Verlag der Hauptstadt anhört, dass er aber eigentlich gar nicht annehmen möchte. Aber die Einsamkeit seines Bonner Lebens schmerzt ihn und ein „Weiter so“ seiner Ehe ist für ihn nicht mehr ertragbar. Nach dem Vorstellungsgespräch isst er zusammen mit seiner Frau zu Mittag, entscheidet sich aber, ihr nichts von dem Termin zu erzählen. In den nächsten zwei Wochen muss er eine Entscheidung treffen!

Normalerweise gibt es ein Szenario, was ich persönlich für den „schlechtest-möglichen“ Anfang für die Lektüre eines Buches halte, nämlich sich die letzten Zeilen des Werkes durchzulesen und dann das Buch beginnen zu lesen! An dieser Stelle möchte ich jedoch trotzdem aus der letzten Seite des Buches einige Zeilen rezitieren, weil sie wunderbar wiedergeben, worum es bei „Fliehkräfte“ geht und gleichzeitig nicht wirklich verraten, was am Ende passiert:

„Wonach hat er gesucht? Wovor ist er weggelaufen? Worin besteht dieses nicht fassbare, sich ständig wandelnde Etwas, das die Gestalt von Liebe und Ehrgeiz, von Sehnsucht wie von Lust annehmen kann, und das beinahe alles zu können scheint außer einem: aufhören.“ (S.474)

Die Zeilen geben die Grundstimmung von „Fliehkräfte“ wieder, einem sehr lesbaren Roman, über die ewigen Fragen, welcher Schritt der Nächste sein soll und wohin dieser führt im Leben. Thome beeindruckt dabei mit einem Gesellschaftsroman, der sowohl ein Buch über die akademische Welt, als auch ein kleiner Road-Trip durch Europa ist, die Biografie eines Philosophen, der aber für sein Leben vor den gleichen Fragen steht, wie wir alle. Ein wirklich wundervolles Buch, von einem sehr lesenswerten Autor, der es aus den fremden Regalen auf meine Leseliste schafft.

[1] An dieser Stelle muss ich ein ehrliches Wort niederschreiben, dass sich insbesondere um meinen Literaturkonsum dreht. Normalerweise lasse ich mich höchst ungern von meiner Leseliste abbringen, Empfehlungen nehme ich gern zur Kenntnis, zögere diese aber heraus, oder lasse sie langsam vergessen. Lediglich wenn mich eine Vorstellung wirklich überzeugt, würde ich einem Buch aus fremden Regalen einen schnellen Platz auf meiner Leseliste einräumen. Eine andere Möglichkeit besteht aber darin, dass ich, die das Buch vorstellende Person, beeindrucken möchte und deshalb das Buch lese, dass passiert aber wirklich nur sehr selten und tatsächlich sind daraus überdurchschnittlich viele Literaturgenüsse entstanden, was dann in allen Fällen einen bedenklichen Schatten auf meine eigene Leseliste wirft, wie ich finde.

[2] Auch hier noch ein ehrlicher (und etwas beschämender) Zwischenton. Für mich bedeuten Bücher aus dem Suhrkamp Verlag, insbesondere Suhrkamp Taschenbuch immer ein wenig die Ansammlung eines etwas höheren kulturellen Kapitals, als ich das bei anderen Verlagen ausmachen würde. Sehe ich irgendwo ein Regal mit vielen „st“ oder „stw“ Buchrücken, dann kann ich mich nicht des Eindrucks erwähnen, hier einen gebildeten Literaturkonsumenten vorzufinden. Ach, wie oberflächlich das (eigene) Leben in letzter Instanz doch immer ist!

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