Jahr: 2025 | Regie & Drehbuch: Chloé Zhao (Drehbuch mit Maggie O’Farrell) | Drama | 125 min | Location: England im 16. Jahrhundert
Man konnte sich in der kinematografischen Welt in den letzten Wochen kaum dem neuen Film „Hamnet“ von Chloé Zhao entziehen, die vielleicht dem einen oder anderen (also z. B. mir) vom wundervollen Spielfilm „Nomadland“ bekannt ist. Ihr neuestes Werk, immerhin von Steven Spielberg und Sam Mendes produziert, heimste acht Oscar-Nominierungen ein und beschäftigt sich mit dem vielleicht größten Werk der Literaturgeschichte, „Hamlet“ – oder eben auch nicht.
Agnes (Jessie Buckley) und William Shakespeare (Paul Mescal) verlieben sich in der englischen Provinz von Stratford-upon-Avon. Trotz Widerständen in der Familie (besonders bei den Shakespeares) heiraten sie und bekommen drei Kinder, wobei die Geburt der Zwillinge Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe) eine gefährliche und nervenaufreibende Sache ist, die Agnes ohne die Hilfe ihres Mannes durchstehen muss, da dieser zumeist geschäftlich oder künstlerisch in London verweilt. Das Leben in Stratford gleitet dahin, wie man es sich für die frühe Neuzeit so vorstellt: Menschen werden geboren, Menschen sterben, und in der Zwischenzeit baut man etwas im Garten an.
„Hamnet“ ist ein vielversprechender Film mit vielen wirklich sehr schön gemachten Szenen, der aber leider viel zu viele Elemente hat, die mich gewaltig genervt haben. Schauspielerisch beeindrucken Paul Mescal als William Shakespeare und der junge Jacobi Jupe als sein Sohn; auch Emily Watson als Schwiegermutter ist großartig. Nur leider trifft das in keinster Weise auf Jessie Buckley zu, die wahrscheinlich von der Regie getrieben, ihre emotionale Lage mit solchem übertriebenen Pathos in die viel zu nahe Kamera hineinbrüllt, dass auch taubstummblinde Zuschauer in der letzten Reihe noch mitbekommen müssen, was sie gerade durchmacht. Ich weiß, dass man das anders sehen kann, aber ich habe ihr so gut wie nichts an ihrer Rolle abgenommen. Dass sie dafür für einen Oscar nominiert wurde, aber nicht Paul Mescal, der viel tiefer spielt, ist mir absolut schleierhaft.
Auch bei der Kamera bin ich maximal zwiegespalten. Teilweise sind einige Fahrten von großer Schönheit, dann aber wieder fokussiert sich das Geschehen auf fast schon Selfie-mäßige Großaufnahmen, die wahrscheinlich Emotionalität unterstreichen sollen, in letzter Instanz aber den eigenen Schauspielern nicht zutraut, diese zu spielen. Erschwerend kommt die Angewohnheit hinzu, selbst wunderbare Bilder, wie beispielsweise den allein Backstage sitzenden William, mit einer leicht verwackelten Perspektive einzufangen. Was hätte das für ein großartiges, stilles und tiefes Bild werden können, wenn man nicht auf die Idee gekommen wäre, man könne ja auch ein bisschen an der Kamera rütteln – so, als ob das eine größere Bewegtheit beim darzustellenden Bild erzeugen würde, oder schlimmer noch, als müsse man dem Zuschauer suggerieren, hier dürfe er jetzt gern auch bewegt sein.
Das ist dann auch etwas ärgerlich, denn der Film gefällt sich etwas zu sehr darin, sein Publikum zum Weinen zu bringen, als wäre das ein Gütekriterium für einen guten Film. Der Film folgt hier dem doch eher als plump zu bezeichnenden zeitgenössischen Impuls, einfach Emotionen zu triggern.
Doch all meine hier mit ebenso großer Emphase vorgetragenen Vorhaltungen müssen ebenso zugeben, dass die grundsätzliche Aussage des Films sehr spannend ist. Denn auch wenn man an vielen historischen Darstellungen zweifeln mag (Liebesheiraten waren in der frühen Neuzeit kaum gewöhnlich, das weiße Kleid als Hochzeitskleid gab es noch nicht und man muss leider auch sagen, dass der Tod der eigenen Kinder leider allzu viele Familien ereilte), so kann man auf der einen Seite „Hamnet“ als Film über einen nicht zu verkraftenden Verlust verstehen, aber auch als Film darüber, wie man durch künstlerisches Wirken der Sterblichkeit des Lebens etwas Unsterbliches, Bleibendes für die Menschheit abtrotzen kann. Und auch wenn mich der Film eher geärgert hat, ist dieses Thema wunderbar inszeniert und eine große Inspiration, sich mehr über die Geschichte des Theaters und Shakespeares zu informieren.