Jahr: 2025 | Regie: Wolfgang Becker (Achim von Borries) | Drehbuch: Wolfgang Becker, Constantin Lieb, Maxim Leo | Komödie | Länge: 112min | Location: Berlin
Als Wolfgang Becker im Dezember 2024 starb, blieb mir dieser große Verlust für das deutsche Kino nicht lange im Gedächtnis. So musste ich im Dezember 2025 feststellen, dass mit der Komödie „Der Held von Bahnhof Friedrichstraße“ sein letzter Film in die Kinos kam. Ich wusste nicht einmal mehr, dass Becker verstorben war, und meine Erwartungen an eine weitere DDR-Heldenverfilmung waren ohnehin nicht besonders hoch. Doch Beckers letzter Film erinnert an den Charme und den Witz von Beckers größtem Erfolg „Good Bye, Lenin“ und widmet sich einem zweifellos spannenden Thema: Geschichtserzählung, Leben und Wahrhaftigkeit.
Micha Hartung (Charly Hübner) betreibt eine Videothek in Berlin, die einer vergangenen Zeit angehört. Der Ladentitel „The Last Tycoon“ ist mittlerweile nur noch sarkastisch zu verstehen. Da kommt ihm der etwas zähe, aber zahlungsbereite Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) nicht ungelegen, als dieser bei Hartung eine große Geschichte wittert. Hartung soll 1984 eine Weiche am Bahnhof Friedrichstraße so gestellt haben, dass 127 Passagiere einer S-Bahn, die eigentlich nur im Ostteil Berlins umherfuhr, versehentlich in den Westen der Stadt umgeleitet wurde. Damit gelang diesen 127 Menschen die „Flucht“ in den Westen, sodass man von einer Massenflucht sprechen könnte. Allerdings ist Hartung die Geschichte eher unangenehm, denn bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich als gewaltige Aufbauschung eines unabsichtlichen und durch Faulheit und Inkompetenz verursachten Zustands im Gleissystem. Landmann jedoch wittert seine große journalistische Chance, und die Geschichte entwickelt ein Eigenleben, das nicht nur die Politik (Bernhard Schütz als etwas zu eifriger Befürworter der innovativen Politik-Erinnerungskultur in der Rolle des Bundespräsidenten), die Opferverbände (großartig Thomas Merten als DDR-Dissident und Erinnerungsstiftungschef, der seine Arbeit der letzten 30 Jahre – also allesamt Jahre nach der Wiedervereinigung (!) – in Verruf geraten sieht), sondern auch persönliche Erinnerungen und Sinnstiftungen von Zuginsassen betrifft. So sucht etwa Paula Kurz (Christiane Paul) Micha auf, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen.
„Der Held von Bahnhof Friedrichstraße“ ähnelt ein wenig „Good Bye, Lenin“, denn wieder ist es ein Film, der die DDR-Geschichte aufnimmt, aber nicht in der DDR spielt. In Beckers letztem Film geht es jedoch um die Frage der Wahrhaftigkeit und darum, wie DDR-Geschichte inszeniert, dargestellt und politisiert wird – was nicht nur für die DDR-Geschichte, sondern ganz generell für Geschichtsschreibung gilt. So ist diese teilweise herrlich komische Komödie auch als Kritik an Politik und Medien zu verstehen, die ein zunehmend losgelösteres Storytelling betreiben, das an tatsächlichen Fakten kein Interesse mehr hat. Der Film erzählt seine Geschichte gern sehr subtil und referenziert nach Herzenslust dabei (Kati Witt als sie selbst und als Romy Schneider Talkshowerinnerung, Peter Kurth und Daniel Brühl werden so geschnitten, dass man sich kurz an „Nebenan“ erinnert, und natürlich taucht Brühl später als Filmschauspieler auf) und er hat ein unspektakuläres, aber sehr kluges Ende. Dabei wird auch das Filmemachen selbst in die Frage nach Wahrhaftigkeit und Tatsächlichkeit der Ereignisse und einer guten Geschichte einbezogen.
Obwohl Wolfgang Becker die Dreharbeiten nur um zwei Wochen überlebte und an der Postproduktion nicht mehr teilnehmen konnte, ist „Der Held von Bahnhof Friedrichstraße“ großartiges deutsches Kino. Zudem tritt in fast jeder zweiten Szene ein weiterer Filmstar dieses Landes auf. Ein sehr lohnender Film.