Junot Díaz – Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Erschien 2007 im amerikanischen Original „The Brief Wonderous Life of Oscar Wao“ bei Riverhead | deutsche Übersetzung von Eva Kemper 2009 bei S.Fischer erschienen mit 382 Seiten

Auf die Idee zur Lektüre von Junot Diaz bin ich über eine Liste gekommen. Diese Liste war die New York Times Top100 der besten Romane des 21. Jahrhunderts, in welcher der Roman „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ auf Platz 11 landete. Solche Listen üben einen außerordentlichen Reiz auf mich aus, denn ich nehme an, dass an ihnen sehr belesene und von ausgesuchtem literarischem Wissen und Geschmack zusammengesetzte Kollektive von Experten mitarbeiten, die nach komplexen Diskussionen und kaum wiederlegbaren Auswahlverfahren eine einzigartige Liste zusammenstellen, die als mindestens kanonisch zu bezeichnen ist.
Nach dem Studium der Liste musste ich feststellen, dass ich nur neun der hundert aufgeführten Bücher gelesen habe – ein Umstand, der wohl einiges über den bescheidenen Stand meines kulturellen Kapitals aussagt. Als ich zusätzliche Informationen über Junot Díaz einholte (wo, wenn nicht auf Wikipedia?), stellte ich fest, dass der Roman auch den Pulitzer-Preis gewann. Die Einsicht in die Preisträger der letzten 25 Jahre brachte mir wiederum die Erkenntnis, dass ich teilweise nicht einmal die Autoren kannte, die den Preis in der Kategorie „Best Fiction“ erhielten – und tatsächlich habe ich bisher nur zwei der 25 Werke gelesen. Man kann also sagen, dass eine Literaturbeilage für mich einen größeren Wert hat als ein hübscher Buchrücken (der natürlich ebenfalls begeistern kann). Allerdings hat sie auch die unangenehme Eigenschaft, mir vor Augen zu führen, dass die Welt in ihrer Größe, Vielfalt und Schönheit zu einem kaum fassbaren Gegenstand geworden ist. „Junot Díaz – Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ weiterlesen

Ryūichi Sakamoto Coda

Jahr: 2017 | Regie: Stephen Nomura Schible | Dokumentation | Länge: 101min

Ryūichi Sakamoto ist mir schon mehrfach musikalisch begegnet, aber wirklich auseinandergesetzt habe ich mich mit seiner Musik kaum, so ist an mir auch vorbeigegangen das der japanische Komponist im Jahr 2023 starb. Dem ein oder anderen ist Sakamoto vielleicht für seine vielen Soundtracks in Erinnerung geblieben, unter anderem zu „The Revenant“, einem Film der epischen Bilder mit wundervoller Musik von Sakamoto vereint (aber eine sehr übersichtliche Story hat). In der rechten Spalte habe ich das musikalische Hauptmotiv für Sie verlinkt. „Ryūichi Sakamoto Coda“ weiterlesen

One Battle After Another

Regie & Drehbuch: Paul Thomas Anderson | Jahr: 2025 | Spielfilm | Länge: 162min |

Es gibt verschiedene Dinge, die mich schnell einfangen. Dazu gehört zum Beispiel, wenn man mir erzählt, dass ein Film auf einer Romanvorlage von Thomas Pynchon basiert. Paul Thomas Anderson, der 2014 schon Pynchons „Inherent Vice“ verfilmte, nahm sich nun Pynchons Roman „Vineland“ als Filmvorlage für seinen neuesten Film „One Battle After Another“, der gerade in den Kinos läuft. „One Battle After Another“ weiterlesen

Christian Kracht – Air

Erschien 2025 bei Kiepenheuer & Witsch mit 224 Seiten

Aus der Reihe: aus fremden Regalen

Der neue Kracht liegt vor mir. Ein wunderschönes Buch, ein hervorragendes Cover auf dem Schutzumschlag, die drei Buchstaben in ausgewählten Lettern verzieren den Einband. Wieder dieses Format von 21 mal 14,5 cm, das ich schon bei Lethem so gemocht habe. Es fühlt sich wie ein Privileg an, dass Buch lesen zu können, weil Inhalt vielleicht mit Haptik korrespondieren könnte.[1] Ich starte zu lesen und Hoch über den Wolken Frankreichs erfahre ich,[2] dass ein von mir gern gehörter Podcast eine eigene Episode dem Roman gewidmet hat.[3] Das muss ein bedeutendes Buch sein. „Christian Kracht – Air“ weiterlesen

Grey Gardens

Regie & Drehbuch: Michael Sucsy | Jahr: 2009 | Bio-Pic Drama | 104min

„Grey Gardens“ ist ein Spielfilm des Anbieters HBO von Michael Sucsy, der wiederum auf einen Dokumentarfilm referiert, welcher 1975 veröffentlicht wurde und zu einer der besten Dokus des 20. Jahrhunderts zählen soll (mehr kann ich dazu nicht sagen, da ich diese Dokumentation noch nicht gesehen haben). Darin geht es um eine ältere Frau, Big Edie Bouvier (Jessica Lange) und ihre ebenso in die Jahre gekommene Tochter „Little Edie“ (Drew Barrymore), die in den wohlbegüterten Hamptons in ihrem heruntergekommenen Anwesen residieren und die insbesondere für die Nachbarschaft wunderlich erscheinen, die aber einen markanten Anziehungspunkt der Aufmerksamkeit haben. Sie sind eng mit der ehemaligen First Lady Jackie Kennedy (Jeannie Tripplehorn) verwandt. „Grey Gardens“ weiterlesen

Wolf Haas – Wackelkontakt

Erschien 2025 bei Carl Hanser mit 240 Seiten

Sich selbst Geschenke zu machen, hat den entscheidenden Vorteil, dass man sich nichts Falsches schenken kann – und so schenkte ich mir zum Geburtstag den neuen Roman von Wolf Haas. Haas legte Anfang des Jahres sein neuestes Buch vor. Es ist ein Werk, das von den Bildern M. C. Eschers geprägt zu sein scheint. Ich muss Ihnen das sicherlich nicht erklären, geneigter, der Kunstwelt zugetaner Leser, aber Eschers Bildwelten waren immer Ausflüge in eigentümliche gestalterische Paradoxien, die Sehgewohnheiten infrage stellten. „Wackelkontakt“ könnte man als die Romanform von Eschers Lithografie „Drawing Hands“[1] sehen, und wie die Zeichnungen des Niederländers ist auch Haas’ Romankonstruktion ein intelligenter Genuss. „Wolf Haas – Wackelkontakt“ weiterlesen

The Batman

Regie & Drehbuch: Matt Reeves (Drehbuch mit Peter Craig) | Jahr: 2022 | Comicverfilmung | Länge: 177min

Eigentlich dachte ich, dass mit dem Ende von Christopher Nolans Batman-Filmtrilogie über den Fledermaus-Superhelden ich mir keinen Batman mehr ansehen müsste – zumal der letzte Teil von Nolans Arbeit, „The Dark Knight Rises“, mich alles andere als umgehauen hat (die beiden ersten Teile waren jedoch sehr, sehr gut). Aber wenn man, wie ich, eigentlich nur die großen Batman-Filme seit Tim Burton verfolgt hat (und die eher als putzig zu bezeichnende Serie mit Adam West), dann hat man schon beträchtliche Bildungslücken, gerade wenn man sich ansieht, was an Batman-Adaptionen überhaupt alles existiert.[1]

„The Batman“ weiterlesen

High Life

Regie & Drehbuch: Claire Denis | Jahr: 2018 | Science-Fiction Film | Länge: 112min

Gut gemachte Science-Fiction kann uns in fremde, kaum vorstellbare und spannende Welten führen, zumeist irgendwo im Weltall unserer Fantasien. Wenn wir in diesen fernen Zeiten einer vermeintlichen Zukunft etwas erkennen, dass wir als Abbild unserer Welt interpretieren können, dann hat die Science-Fiction Darstellung nicht nur unterhaltenden, sondern sogar erkennenden Wert. Frühere Darstellungen des Genres von Jules Verne bis zu Star Trek waren immer dabei technikbegeistert und man musste einige Abstriche bei den physikalischen Grundlagen der Darstellung machen (z.B. in Star Trek bei der Frage der Überlichtgeschwindigkeit, des Worp-Speeds, die einfach mal unmöglich ist, auch wenn die Menschheit daran noch eine Millionen Jahre bastelt[1]). Heute hat sich die Science-Fiction gewandelt und versucht ein Mindestmaß an Anschlussfähigkeit herzustellen, das heißt, der Science-Fiction Plot muss irgendwie eine nachvollziehbare Zukunft und Technik zeigen. Claire Denis zeigt in „High Life“, jedoch, dass letztgenannten Aussage nicht immer stimmt, denn ihr Film „High Life“ ist Science-Fiction mit einer möglichst unlogischen und sozial absolut nicht nachvollziehbaren Dimension. „High Life“ weiterlesen

Jonathan Lethem – Der Stillstand

Erschien 2020 im amerikanischen Original als „The Arrest“ bei HarperCollins | deutsche Übersetzung von Ulrich Blumenbach 2024 bei Tropen mit 328 Seiten

Jonathan Lethem gehört zu den großen amerikanischen Romanautoren, die etwas zu selten auf meiner Leseliste auftauchen. Nachdem mir Chronic City als wundervoller Roman in Erinnerung geblieben ist, wollte ich mit „Der Stillstand“ einen Teil meines Freibadsommers verbringen. „Jonathan Lethem – Der Stillstand“ weiterlesen

Charles Yu – Handbuch für Zeitreisende

Erschien 2010 im englischen Original als „How to Live Safely in a Science Fictional Universe“ bei Pantheon Books | deutsche Übersetzung von Peter Robert hier vorliegend in der 2012 erschienen Taschenbuchausgabe bei rowohlt mit 272 Seiten

Im Frühjahr hatte ich auf diesen in Schwarz und Weiß gehaltenen digitalen Seiten über die Serie Interior Chinatown geschrieben und meine große Begeisterung kundgetan. Solche Begeisterung verleitet mich schnell dazu, mich mit den Machern solcher Serien auseinanderzusetzen – in diesem Fall mit Charles Yu, von dem ich wahrnahm, dass er einen Roman veröffentlicht hatte. Dieser landete daraufhin auf meiner Sommerleseliste (weil ich ihn darauf gesetzt hatte und ich auf dieser nicht immer nur alte Bekannte wiederfinden möchte). „Charles Yu – Handbuch für Zeitreisende“ weiterlesen