Samantha Harvey – Umlaufbahnen

Erschien 2023 im englischen Original als „Orbital“ | deutsche Übersetzung von Julia Wolf | 2024 bei dtv erschienen mit 226 Seiten

Manche Bücher fliegen einen zu, ohne dass man sich eigentlich im Wege stehen sieht, so wie „Umlaufbahnen“ von Samantha Harvey. Die Engländerin Harvey wiederum lässt ihren Roman, um die Erde kreisen, wo in einer Raumstation sechs Menschen ihren Dienst am wissenschaftlichen Fortschritt nachgehen. Während auf der Erde ein zerstörerischer Taifun über Südostasien aufzieht, fliegt eine weitere Rakete andere Astronauten zum Mond und so ziehen die Sonnenauf- und Untergänge an der Raumstation und ihrem fliegenden Personal vorbei und der Blick richtet sich immer wieder hinab auf den blauen Planeten und hinauf in die unendliche Weite des Weltraums. „Samantha Harvey – Umlaufbahnen“ weiterlesen

Jonathan Lethem – Die Festung der Einsamkeit

Erschien 2003 im amerikanischen Original als „The Fortress of Solitude“ bei Doubleday | deutsche Übersetzung von Michael Zöllner 2004 bei Tropen mit 668 Seiten

Langsam, aber sehr, sehr sicher, entwickelt sich Jonathan Lethem zu einem meiner neuen Lieblingsautoren. Sein sechster Roman „Die Festung der Einsamkeit“ wurde 2003 von der New York Times zum besten Roman des Jahres gekürt. Das Werk orientiert sich an Lethems eigenem Werdegang, und man kann Michael Chabon – der auf dem Buchrücken zitiert wird – nur zustimmen, wenn er schreibt:

„Jonathan Lethem beschreibt mit höchster Präzision – wie es nur ein großer Schriftsteller vermag – das Gefühl, eine Welt zu lieben, die einem Tag für Tag in den Hintern tritt.“

„Jonathan Lethem – Die Festung der Einsamkeit“ weiterlesen

Der tommr.de Jahresrückblick 2025

Auch für das Jahr 2025 möchte ich wieder kurz die besten Filme, Bücher und Serien zusammenfassen, die mir in diesen 365 Tagen unter die Augen gekommen sind.

Literatur

Es ist mir nicht leichtgefallen, mich für das beste Buch des Jahres 2025 zu entscheiden. Umso mehr freut es mich, dass einige herausragende Werke der Belletristik in Erinnerung geblieben sind. Letztendlich habe ich mich für Peter Stamms Roman In einer dunkelblauen Stunde entschieden – nicht nur, weil 2025 so etwas wie ein „Peter-Stamm-Jahr“ für mich war (da ich drei Werke von ihm gelesen habe und damit so viele wie nie zuvor), sondern auch, weil dieser Roman ein außerordentlich tiefer Text ist, der in Stamms ruhiger Sprache dahinfließt. „Der tommr.de Jahresrückblick 2025“ weiterlesen

Alexander Osang – Winterschwimmer

Erschien 2017 bei Aufbau | hier vorliegend als Aufbau Taschenbuch mit 240 Seiten

Das Weihnachtsfest rückt immer näher, und für gewöhnlich ist die Adventszeit mit allerlei Besorgungen verbunden, damit das Fest etwas ganz Besonderes wird und man dann in besinnliche Weihnachtsstimmung abdriftet. Soweit die Idee, die nicht immer in der Realität umzusetzen ist. Eine Maßnahme, um die atmosphärischen Schwingungen des heiligen Festes besser aufzunehmen, sind Alexander Osangs 14 Weihnachtsgeschichten, die im Band „Winterschwimmer“ zu finden sind. Sie erinnern einen nicht nur daran, dass der 24.12. doch irgendwie ein besonderer Tag ist, sondern funktionieren vor allem als wundervolle Kurzgeschichten, die eine Menge über das Leben aussagen. „Alexander Osang – Winterschwimmer“ weiterlesen

Paul Lynch – Jenseits der See

Aus der Reihe: aus fremden Regalen

Erschien 2019 im englischen Original als „Beyond the Sea“ | deutsche Übersetzung von Eike Schönfeld erschien 2025 bei Klett-Cotta mit 184 Seiten

Es gibt ja gute Gründe, im November in stimmungsmäßige Tiefs zu fallen – ich sage nur Novemberblues und so. Mag das Missfallen der Gesamtsituation auch temporär ein paar graue Wolken zum seelischen Durchzug bringen, so ist das eigentlich keine wirklich existentielle Krise. Diese trifft im Regelfall erst durch erhebliche Einflüsse von außen ein. Paul Lynch, der 2023 als Gewinner des Booker Prize größere Aufmerksamkeit für seinen letzten Roman „Das Lied der Propheten“ erlangte, stellte 2019 mit seinem vorhergehenden Buch „Jenseits der See“ eine Untergangshandlung vor, dessen existentialistische Krise durchaus in einer rauest möglichen Umwelt besteht, bei welcher ein dahin driftendes Boot partout nicht sinken will. „Paul Lynch – Jenseits der See“ weiterlesen

Peter Stamm – Wenn es dunkel wird

Erschien 2020 bei S.Fischer Verlag mit 196 Seiten

Am 12.Dezember um 15:58:16 Uhr geht in Dresden die Sonne unter, das ist der Tag im Jahr, an dem es am zeitigsten dunkel wird (ich musste die KI darauf hinweisen, dass sie mir zwar die richtige Quelle, aber ein falsches Datum und eine falsche Uhrzeit geliefert hat!). Das ist nicht der kürzeste Tag im Jahr (das ist natürlich der Tag der Sonnenwende am 21.12. – da haben wir Dresdner weniger als acht Stunden Tageslicht[1]), aber der Tag, an dem man am ehesten das Licht wieder anschalten muss, vielleicht zusätzlich (zur Erzielung behaglicher Atmosphäre und trotz Brandschutzrisiken) eine Kerze entzündet und sich mit einem Buch (und mittlerweile einer Lesebrille) zurückzieht. Peter Stamm liefert mit seinem 2020 erschienenen Erzählband „Wenn es dunkel wird“ dafür jedenfalls genau den richtigen Titel. „Peter Stamm – Wenn es dunkel wird“ weiterlesen

Lutz Seiler – Kruso

Erschienen 2014 bei Suhrkamp mit 488 Seiten

Im Jahr 2014, was mittlerweile schon 11 Jahre her ist, machte Lutz Seilers Debütroman „Kruso“ eine große Welle in der deutschen Literaturlandschaft. Der Roman wurde im Erscheinungsjahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, und die entsprechende Publicity spülte das Buch in jede Auslage eines halbwegs anspruchsvollen Buchladens. Sogar vier Theateradaptionen sind in den darauffolgenden Jahren aufgeführt worden. Mein zunehmendes Interesse an (ost-) deutscher Literatur brachte mich nun dazu, den Roman zu erwerben. „Lutz Seiler – Kruso“ weiterlesen

Junot Díaz – Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Erschien 2007 im amerikanischen Original „The Brief Wonderous Life of Oscar Wao“ bei Riverhead | deutsche Übersetzung von Eva Kemper 2009 bei S.Fischer erschienen mit 382 Seiten

Auf die Idee zur Lektüre von Junot Diaz bin ich über eine Liste gekommen. Diese Liste war die New York Times Top100 der besten Romane des 21. Jahrhunderts, in welcher der Roman „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ auf Platz 11 landete. Solche Listen üben einen außerordentlichen Reiz auf mich aus, denn ich nehme an, dass an ihnen sehr belesene und von ausgesuchtem literarischem Wissen und Geschmack zusammengesetzte Kollektive von Experten mitarbeiten, die nach komplexen Diskussionen und kaum wiederlegbaren Auswahlverfahren eine einzigartige Liste zusammenstellen, die als mindestens kanonisch zu bezeichnen ist.
Nach dem Studium der Liste musste ich feststellen, dass ich nur neun der hundert aufgeführten Bücher gelesen habe – ein Umstand, der wohl einiges über den bescheidenen Stand meines kulturellen Kapitals aussagt. Als ich zusätzliche Informationen über Junot Díaz einholte (wo, wenn nicht auf Wikipedia?), stellte ich fest, dass der Roman auch den Pulitzer-Preis gewann. Die Einsicht in die Preisträger der letzten 25 Jahre brachte mir wiederum die Erkenntnis, dass ich teilweise nicht einmal die Autoren kannte, die den Preis in der Kategorie „Best Fiction“ erhielten – und tatsächlich habe ich bisher nur zwei der 25 Werke gelesen. Man kann also sagen, dass eine Literaturbeilage für mich einen größeren Wert hat als ein hübscher Buchrücken (der natürlich ebenfalls begeistern kann). Allerdings hat sie auch die unangenehme Eigenschaft, mir vor Augen zu führen, dass die Welt in ihrer Größe, Vielfalt und Schönheit zu einem kaum fassbaren Gegenstand geworden ist. „Junot Díaz – Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ weiterlesen

Christian Kracht – Air

Erschien 2025 bei Kiepenheuer & Witsch mit 224 Seiten

Aus der Reihe: aus fremden Regalen

Der neue Kracht liegt vor mir. Ein wunderschönes Buch, ein hervorragendes Cover auf dem Schutzumschlag, die drei Buchstaben in ausgewählten Lettern verzieren den Einband. Wieder dieses Format von 21 mal 14,5 cm, das ich schon bei Lethem so gemocht habe. Es fühlt sich wie ein Privileg an, dass Buch lesen zu können, weil Inhalt vielleicht mit Haptik korrespondieren könnte.[1] Ich starte zu lesen und Hoch über den Wolken Frankreichs erfahre ich,[2] dass ein von mir gern gehörter Podcast eine eigene Episode dem Roman gewidmet hat.[3] Das muss ein bedeutendes Buch sein. „Christian Kracht – Air“ weiterlesen

Wolf Haas – Wackelkontakt

Erschien 2025 bei Carl Hanser mit 240 Seiten

Sich selbst Geschenke zu machen, hat den entscheidenden Vorteil, dass man sich nichts Falsches schenken kann – und so schenkte ich mir zum Geburtstag den neuen Roman von Wolf Haas. Haas legte Anfang des Jahres sein neuestes Buch vor. Es ist ein Werk, das von den Bildern M. C. Eschers geprägt zu sein scheint. Ich muss Ihnen das sicherlich nicht erklären, geneigter, der Kunstwelt zugetaner Leser, aber Eschers Bildwelten waren immer Ausflüge in eigentümliche gestalterische Paradoxien, die Sehgewohnheiten infrage stellten. „Wackelkontakt“ könnte man als die Romanform von Eschers Lithografie „Drawing Hands“[1] sehen, und wie die Zeichnungen des Niederländers ist auch Haas’ Romankonstruktion ein intelligenter Genuss. „Wolf Haas – Wackelkontakt“ weiterlesen