Jonathan Letham – Der Garten der Dissidenten

Es sind diese 1€ Wühlkisten, die mich anziehen. Allerdings nur, wenn Bücher zu erwühlen sind. Als Kind habe ich Papier beim Sero-Händler abgegeben und dafür sogar Geld bekommen. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Wert des Papiers nicht schon höher ist, als der Preis jedes einzelnen Buches. Das stimmt nachdenklich über die Marktwirtschaft, macht mich als Kunden aber froh, vielleicht kann ich etwas Billiges erwühlen. Nachteil der 1€ Wühlkiste, neben der fehlenden Übersicht und Ordnung, ist die große Anzahl an Büchern, bei denen mir klar ist, warum sie keiner kaufen will, wobei man dann gegen rechnen muss, dass im gegenwärtigen Kapitalismus Produkte verkauft werden, bei den man nicht für möglich halten würde, dass tatsächlich auch nur ein einziger Cent dafür transferiert wird.

Doch da – Jonathan Letham – Amerikaner – Könnte was sein – Ich treten einen Schritt zurück (Bücherwühlkisten sind nie besonders belegt) und studiere schnell seinen wikipedia-Eintrag – Oha, Nachfolger von David Foster Wallace an Pomona College für Creative Writing – Überzeugt, ab zur Kasse! „Jonathan Letham – Der Garten der Dissidenten“ weiterlesen

Martin Walser – Brandung

Einige Jahre sind nach der Lektüre von „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser ins Land gegangen und seit diesem Zeitpunkt war meine Aufmerksamkeit auf seinen Roman „Brandung“ gelegt worden, denn die Geschichte der beiden Hauptcharaktere Helmuth und Sabine Halm wird darin wieder aufgenommen. Diesmal jedoch verbringen die Beiden keinen Urlaub am Bodensee, sondern gehen für mehrere Monate nach Kalifornien.
Helmuths alter Studienfreund Rainer Meersjohann bittet ihn kurzfristig für ein Semester einzuspringen, da die eigentlich vorgesehene Lehrkraft nach dem Besuch eines privaten Skatabends der anderen Lehrkräfte kurzfristig abgesprungen ist. Obwohl Sabines Mutter erst vor kurzen einem Krebsleiden erlag, gelingt es den Plan umzusetzen und an der Westküste der USA das Leben in Deutschland, wann auch nur für eine Zeit, hinter sich zu lassen, was insbesondere den mittlerweile 55-jährigen Helmuth entgegen kommt, denn seine Existenz als Lehrer an einem Stuttgarter Gymnasium ärgerlich anstrengend geworden ist, da ihm die Kollegenschaft, insbesondere Vizedirektor Kiderlen mit ihrer frischen Art nerven. Helmuth, Sabine und die jüngst von ihrem Lebenspartner verlassene und daher zu Antriebslosigkeit neigende Tochter Lena fliegen nach Oakland und können dort in einem etwas eigenwillig eingerichteten Professorenhaus wohnen. Der Neustart kann beginnen! Meersjohann jedoch, den Helmuth als strahlenden Lebemann in Erinnerung hatte, ist zu einem dicklichen Alkoholiker geworden, dessen Ehe gescheitert ist. Die zwei Kurse an der wundervoll gelegenen Universität, die Halm übernimmt, verlaufen nicht wirklich schlecht und schließlich ist da die 22-jährige Fran, deren Verhalten ihr Dozent als Avancen liest und sich dabei gleichzeitig Hals über Kopf in seine Studentin verliebt. Und so springt Helmuth beim ersten Familienausflug ans Meer in den Pazifik und die Brandung erwischt ihn voll, wirbelt ihn durchs Wasser und spült ich ihn wieder am Strand aus. „Martin Walser – Brandung“ weiterlesen

Jaroslav Kalfar – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Wenn man mal in der Nähe von Wiesbaden ist, dann geht man ins „Zweitbuch“ – einem der besten Buchläden die ich kenne – und wenn man nur seiner Nichte ein Dinosaurierbuch kauft. Aber im Zweitbuch findet sich fast immer was, so wie diesmal der preisreduzierte Erstlingsroman von Jaroslav Kalfar, einen in New York lebenden tschechischen Autoren, das neben dem Dinosaurierbuch gekauft wurde. Ich konnte mich nicht erinnern, wann und wo ich über das Buch Gutes hörte, doch ich meinte mich zu erinnern, dass es Gutes gewesen sei, also waren 7,99€ ein gutes Investment, in einen phantastischen Roman über die böhmische Raumfahrt. „Jaroslav Kalfar – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ weiterlesen

Paul Auster – Sunset Park

Ein Zwischentext! Nachdem mir im letzten Jahr Paul Austers „Unsichtbar“ sehr gefallen hat und in diesem Jahr sein recht umfangreiches Werk „4321“ von der Kritik scheinbar positiv angenommen wurde, dachte ich daran mich diesem neuesten Werk des Meisters aus New York anzunähern, durch die Lektüre von, „Sunset Park“, erschienen 2010, dem Roman der zwischen dem Erscheinen der beiden erstgenannten liegt.

Miles Heller räumt in Florida Wohnungen aus, die durch die Immobilenkrise von ihren Bewohnern aufgegeben werden mussten. Es ist eine traurige Tätigkeit, die zum 28-järhigen aber gut passt, denn er lebt ein verlassenes Leben. Vor 7 Jahren hat er seine Eltern in New York zurückgelassen und ist ohne ein Wort des Abschieds gegangen. Zu sehr lasteten die Erinnerungen an den Tod seines Stiefbruders auf ihm, an dem er sich eine Mitschuld gibt. Der Lichtstrahl in seinem Leben ist Pilar, eine 17-jährige Highschool Schülerin, in die sich Miles verliebt hat. Doch in ihrem Alter liegt ein Problem, denn es wird von Pilars ältester Schwester als Druckmittel benutzt, um Miles zu erpressen. Also muss eine Lösung her und die heißt wiederum; weggehen. Es treibt Miles zurück nach New York, da er dort von seinem alten Kumpel Nate das Angebot erhalten hat, ein leerstehendes Haus in Sunset Park zu besetzen. „Paul Auster – Sunset Park“ weiterlesen

Christoph Hein – Landnahme

Bernhard Haber ist ein schweigsamer und schulisch leistungsschwacher Schüler. Trotzdem hat er eine beachtliche Präsenz, niemand in der Klasse würde sich mit ihm anlegen, obwohl man es allzu gern täte, den ein Merkmal ist es das ihn scheinbar am besten beschreibt und gleichzeitig zum großen Außenseiter macht, in den 1950er Jahren im kleinen fiktiven Städtchen Guldenberg an der Mulde: er ist ein aus Schlesien vertriebener Umsiedler.

In Christoph Heins 2004 erschienenen Roman „Landnahme“ wird ein Großteil des Lebens eines Vertriebenen erzählt, der noch in Kindheitstagen aus Breslau nach Sachsen kommt, mit einem behinderten, einarmigen Vater, der als Tischler kaum mehr arbeiten kann und deren gemeinsam größtes Problem vielleicht nicht einmal die große Armut ist, in welcher sie leben, sondern das sie keine Heimat mehr haben und das der neue Lebensort sie argwöhnisch und feindlich begrüßt und ihnen klar machen möchte, ihr seit hier Fremde und Fremde sind nun mal keine Einheimischen. „Christoph Hein – Landnahme“ weiterlesen

Marc-Uwe Kling – Qualityland

Dystopien sind ein gern genutztes Genre, um heutige Entwicklungen kritisch zu durchleuchten, um sie in einer entfernten Zukunft zu spiegeln. Interessanterweise sind sie weitaus jünger als Utopien, die einen fiktiven Nicht-Ort, ein herbeigewünschtes Nirgendwo beschreiben. Dystopien tauchen erstmals seit der industriellen Revolution auf und in den letzten Jahren scheint diese Gattung durchaus Konjunktur zu haben, was vielleicht dafür spricht, dass wir in bewegenden Zeiten leben. „Marc-Uwe Kling – Qualityland“ weiterlesen

Juli Zeh – Nullzeit

Die Schönheit Lanzarotes sieht Sven schon lange nicht mehr, wenn er sie denn je beachtete. Seit fast 14 Jahren ist er Tauchlehrer auf der Kanareninsel und betreibt eine Tauchschule mit angeschlossenem Gästehaus in einem abgelegenen Teil des Archipels, gemeinsam mit seiner Jugendfreundin Antje. Bald wird er 40 Jahre alt werden und für seinen Geburtstag hat er sich etwas Besonderes ausgedacht. Er möchte auf 80m Tiefe steigen und ein altes Schiffswrack erkunden, was nahezu unbekannt vor der Insel auf Grund liegt. Doch vorher muss er noch einen Großauftrag abarbeiten. Die Schauspielerin Jola von der Pahlen, eine bezaubernd gut aussehende B-Prominente und der Schriftsteller Theo Hast, dessen literarische Veröffentlichungen bei der Zahl eins stehen blieb, wollen einen zwei wöchigen Intensivtauchkurs aufnehmen, dem Sven die stattliche Summe von 14.000€ bescheren wird. Jolas und Theos Beziehung scheint dabei außergewöhnlich, denn Liebe und Hass, Zärtlichkeit und Gewalt lösen sich bei ihnen unvermittelt ab und Sven wird in eine nicht ungefährliche Dreiecksbeziehung getrieben. „Juli Zeh – Nullzeit“ weiterlesen

Marie-Janine Calic – Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region

Die Münchner Geschichtswissenschaftlerin beschreibt in ihrem 2016 erschienenen Buch „Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region“ in die Geschichte des Südostens Europas ein, der gemeinhin gern auch als Balkan bezeichnet wird (warum sie diesen Begriff lieber vermeidet, erfährt der Leser recht bald). In über 600 Seiten führt uns die Geschichte von Alexander dem Großen bis zum Jugoslawien-Krieg. Calic vermittelt dabei nicht nur die Historie dieses Teils des Kontinents, sondern zeigt wie verflochten er ist in die Geschicke Europas und der Welt. Sie beleuchtet die Herrschaft großer Imperien, wie dem Osmanischen Reich oder der Habsburger Dynastie, die erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Region hatten, ebenso wie sie das bunte Gemisch aus Ethnien und Religionen beschreibt, aus denen im 19. und 20. Jahrhundert eigene Nationalstaaten wurden, die sich wiederum (manchmal recht fantasievoll) der Geschichte bedienten, um ihre geistige Legitimation zu erklären. „Marie-Janine Calic – Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region“ weiterlesen

Gerd Gigerenzer – Risiko

Gerd Gigerenzers Buch „Risiko“ trägt den etwas verwirrenden Untertitel: „Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“. Wer daher einen Lebensratgeber erwartet, der einen sagt, bei Risiko 1 tue A und bei Risiko 2 tue B, der ist bei diesem wunderbaren Sachbuch nicht richtig. Gigerenzer geht es um etwas viel grundsätzlicheres, er möchte uns von der Wichtigkeit individueller Risikokompetenz überzeugen. Damit ist gemeint, dass Bürger gestärkt werden sollen, mit Risiken und Ungewissheiten besser selbstbestimmt umzugehen und sich weniger auf angebliche Argumente von Produktproduzenten oder Lobbygruppen zu verlassen. Er gibt dafür drei Themenkomplexe vor: Gesundheitskompetenz (die Stärkung des selbstbestimmten Patienten), Finanzkompetenz (die Stärkung des seine Investitionen verstehenden Investors) und digitale Risikokompetenz (also dem „gesunden“ Umgang mit neuen Technologien des Internets). „Gerd Gigerenzer – Risiko“ weiterlesen

Juli Zeh – Die Stille ist ein Geräusch

Seit langem hörte ich immer mal wieder von Juli Zeh, besonders von meiner Schwester, die mehrere Bücher von ihr besitzt. Da traf sich ein Familientreffen prächtig, als ich mir eines ihrer Werke mitbringen ließ. Es war ein Reise(tage)buch einer Unternehmung nach Bosnien, im Sommer 2001; allein mit Hund. „Ich will sehen, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist.“ (S.11). Tatsächlich existiert natürlich das Land, zum Reisezeitpunkt 5,5 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton (es wurde übrigens nur in Dayton (Ohio) paraphiert und deshalb so genannt, aber in Paris unterzeichnet), der den dreieinhalbjährigen Krieg in Bosnien beendete. Natürlich ist dieser Krieg noch immer präsent (wenngleich der Kosovo-Krieg zu jener Zeit vielleicht noch mehr in den Köpfen mitspuckte) als Zeh mit etwas Mühe nach Bosnien-Herzegowina einreist. In ein Land, das keiner in Europa so richtig wahrnimmt und das Ort wie Srebrenica in die Weltöffentlichkeit brachte, deren Schrecken die jüngere Vergangenheit Europas prägte. Das – grob formuliert – in zwei Teile gespaltene Bosnien-Herzegowina, ist dann jedoch ein Ort an denen sich nicht nur die Wunden des Krieges noch nachfühlen lassen, sondern vor allem der Aufbruch im Frieden. Zeh möchte herausfinden, warum dieser Krieg stattfand, aber wirklich klar wird ihr dies nicht (und vielleicht wäre dies auch eine zu große Aufgabe für eine einzige Reise nach Bosnien). Überhaupt ist dieses Buch keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Lande. Es enthält fast keine geschichtlichen Einordnungen und auch geografische Eigenheiten werden nur im Einzelfall beleuchtet. Viel mehr ist es ein Portrait, wie es sich anfühlt, im Sommer 2001 durch Bosnien-Herzegowina zu reisen, als junge deutsche Frau mit Hund. Das gelingt Juli Zeh ganz wundervoll, denn die Stärke des Buches ist ihr feiner, aber auch sehr humorvoller Schreibstil. So ist „Die Stille ist ein Geräusch“ ein lesenswertes Zeitdokument über einen der vielen Staaten Südosteuropas, die in Mitteleuropa gern vergessen werden. Wer ein Buch sucht, dass in die Region einführt, der liegt hier falsch, wer aber eine eindrucksvolle Sommerreise begleiten möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.