Robert Seethaler – Das Feld

Paulstadt ist eine Kleinstadt irgendwo im Nirgendwo einer konturfreien Provinz. Harry Stevens kommt jeden Tag auf den Friedhof, um hier zu sitzen und die Stimmen der Toten zu hören und auch wenn er sie nicht verstehen kann, so malt er sich aus, was diese Stimmen sagen könnten. Und so sprechen die Toten von Paulstadt, von ihrem Leben, von ihren schönsten Tagen, von Begegnungen mit anderen Menschen oder von ihrem Sterben. „Robert Seethaler – Das Feld“ weiterlesen

Stephan Russ-Mohl – Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde

Am 31. August 1997 starb Prinzessin Diana bei einem Autounfall, was ein enormes mediales Echo hervorrief. Ich erinnere mich, an jenem Tag auf der Internationalen Funkausstellung gewesen zu sein. Überall flimmerten die neuesten Fernseher und überall sah man Bilder des Unfalls und ein Gefühl tiefer Abscheu überkam mich, wie sehr das Schicksal einer Frau, die mir bisher eigentlich ziemlich egal war, global medial breitgesendet wurde. Ich fing an, Medien zu misstrauen, denn das Entsetzen und die Trauer erschien mir gespielt, weil man gleich im Anschluss an die dick aufgetragene Gefühlssoße, die neusten Bilder und Entwicklungen zeigen wollte oder die eine Millionste Emotion breitdrückte.
Es war auch in jener Zeit, als erste Fernsehformate wie „Canale Grande“ auf Vox oder „Zapp“ im NDR auftauchten, welche als Medienmagazine über die Rolle der Massenmedien sprachen und ich sah diese Sendungen mit großem Interesse, denn hier konnte ich mein kritisches Bewusstsein füttern. Es waren wohl die Tage und Jahre ganz am Anfang einer damals noch unbemerkten Revolution, der digitalen Veränderung unseres Lebens, die uns bis heute die Welt auf ein handtellergroßes Gerät brachte, mit der Möglichkeit, jeden Blickwinkel menschlicher Interpretationsmöglichkeiten auf den Planeten abzurufen.
Das hat viel verändert. Wenn heute über Medien gesprochen wird, dann sehr gern in einem abschätzigen Ton. „Mainstream-Medien“, die auf die eine oder andere hinterlistige Art zu versuchen scheinen, uns zu manipulieren, aber zum Glück hätte man ja diesen einen, total authentischen Artikel im Netz gefunden, der uns davor warnt. War ich nach dem Tod Diana erschüttert und stellte die Rolle der Medien in Frage, so sehr bin ich nun von einer Tendenz des heutigen Zeitgeistes erschüttert, der allen glauben an vorgesetzten Informationen negiert, diesen glauben aber interessanterweise nicht in Frage stellt. Es ist an der Zeit zu hinterfragen, was passiert da? Welche Rolle spielen Medien, was hat sich verändert? Wie wird unsere Welt heute vermittelt? „Stephan Russ-Mohl – Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ weiterlesen

Dirk van Laak – Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft. Geschichte und Zukunft der Infrastruktur

Straßen, Plätze, Abwasserleitungen, Funkmasten, Stromleitungen… Unsere Welt ist voller Infrastruktur. Sie bestimmt unser Leben, sie leitet es in Bahnen und bleibt gleichzeitig unsichtbar, wenn Sie funktioniert. Eine Geschichte der Infrastruktur interessierte mich daher sehr und mit großer Freude nahm ich Dirk van Laaks Buch zum Thema zur Hand. „Dirk van Laak – Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft. Geschichte und Zukunft der Infrastruktur“ weiterlesen

T.C. Boyle – Drop City

Die 1970er Jahre sind angebrochen und in der Hippie-Kommune Drop-City findet der ganz normale Hippie-Alltag statt; Drogen, freie Liebe, gemeinsame Essenzubereitung und Verspeisung, eine gesunde Skepsis bezüglich des kapitalistischen Systems bei gleichzeitiger Inanspruchnahme von sozialstaatlichen Leistungen. Wechselnde Bewohner und Besucher kommen nach Drop City auf der Suche nach einem Leben, das versucht dem konformen Dasein eine Alternative aufzuzeigen, oder besser noch, diese Alternative in vollen Zügen zu leben.
Star und Pan sind schon eine kleine Weile im Camp, nachdem sie von der Ostküste hier nach Kalifornien gekommen sind. Während Star ihr Leben, der Freiheit des eigenen Lebensentwurfes widmet, ist Pan eher der hedonistische Typ, der Drogen und andere „Weiber“, so die offizielle Terminologie für Frauen im Camp, ausprobiert. Dazu gesellt sich Marco, Neuankömmling in Drop City, der ein neues Leben beginnen will, weil er vor seinem alten Leben reißaus genommen hat. Und so leben sie in den Hippie-Tag hinein unter der Sommersonne irgendwo im Sonoma County im Norden Kaliforniens.
Sehr viel weiter im Norden der USA, in Alaska, ist der Sommer eher kurz, aber heftig. In Boynton, einer Siedlung die man ohne Übertreibung als das letzte Nest, vor dem Nichts bezeichnen kann, holt der Einsiedler Sess Harder eine Frau ab, die sich als potenzielle neue Lebenspartnerin entpuppen könnte. Pamela möchte ein Leben in der Wildnis führen und schaut sich drei Kandidaten für je drei Tage an, um dann zu entscheiden, mit wem sie den Rest ihrer Tage verbringen möchte. „T.C. Boyle – Drop City“ weiterlesen

Marcus Hernig – China. Ein Länderporträt

Nachdem die letzte Lektüre über China von Stefan Baron mich nicht wirklich überzeugte, war ich erfreut ein weiteres ungelesenes Buch in meiner Bibliothek zum Thema China zu finden (die Bundes- bzw. Landeszentralen für politische Bildung sind beim Thema China glücklicherweise großzügig mit Veröffentlichungen). „Marcus Hernig – China. Ein Länderporträt“ weiterlesen

Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron – Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht

China ist momentan ein beliebter Themenschwerpunkt von negativ konnotierten Nachrichten. Die Chinesen produzieren global agierende Vieren, überwachen ihre Bürger und frönen einen Hyperkapitalismus und nennen das Ganze Kommunismus.
Es ist an der Zeit sich ein etwas genaueres Bild zu machen, vom bevölkerungsreichsten Staat der Welt und einer Kulturnation, die historisch soweit zurück geht, dass man selbst als stolzer Europäer neidvoll nach Osten schaut. „Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron – Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ weiterlesen

Rafael Chirbes – Am Ufer

In der Buchhandlung „La Batisfera“ in Valencias meeresnahen Stadtteil Cabanyal werden einige Bücher noch mit einer Papierschärpe ummantelt und mit einer kleinen Inhaltsangabe versehen. Ich mag so etwas sehr und wenn auf dem Papierchen dann noch steht, es würde sich um Spaniens feinsten Autoren handeln, dann bin ich angefixt. „Rafael Chirbes – Am Ufer“ weiterlesen

Jürgen Osterhammel – Die Verwandlung der Welt

Es ist Gründonnerstag und ich lese die Seiten 1300 und 1301 eines der besten Fachbücher, die ich in den letzten Jahren las, Jürgen Osterhammels „Die Verwandlung der Welt“, eine fulminante Geschichte der Welt des 19. Jahrhunderts. Ich habe Monate an diesem Buch gesessen, irgendwann im Herbst des letzten Jahres begonnen, in einer Zeit als meine persönliche Welt ebenso normal schien, wie die Globale. „Jürgen Osterhammel – Die Verwandlung der Welt“ weiterlesen

Judith Hermann – Lettipark

Judith Hermans Erzählungen sind schon vor über zwei Jahren auf meinem Lese-Sofa in Form von „Sommerhaus, später“ gelandet und in guter Erinnerung geblieben. Ich war sehr froh, mir nun mal „Lettipark“ ausleihen zu können, mit 17 tatsächlich allesamt ziemlich kurzen Geschichten. „Judith Hermann – Lettipark“ weiterlesen

Ferdinand von Schirach – Kaffee und Zigaretten

Weder Kaffee und noch weniger Zigaretten gehören zu Genussmitteln, die meinen Appetit in irgendeiner Weise anregen. Es ist aber ein großes Glück das Ferdinand von Schirachs neueste Veröffentlichung keine Betrachtung der Vor- oder Nachteile von oben genannten Stoffen ist, sondern eine Sammlung von kurzen autobiographischen Erzählungen, Beobachtungen, Statements und Notizen, die in 48 Beiträgen gesammelt sind. „Ferdinand von Schirach – Kaffee und Zigaretten“ weiterlesen