Jonathan Lethem – Die Festung der Einsamkeit

Erschien 2003 im amerikanischen Original als „The Fortress of Solitude“ bei Doubleday | deutsche Übersetzung von Michael Zöllner 2004 bei Tropen mit 668 Seiten

Langsam, aber sehr, sehr sicher, entwickelt sich Jonathan Lethem zu einem meiner neuen Lieblingsautoren. Sein sechster Roman „Die Festung der Einsamkeit“ wurde 2003 von der New York Times zum besten Roman des Jahres gekürt. Das Werk orientiert sich an Lethems eigenem Werdegang, und man kann Michael Chabon – der auf dem Buchrücken zitiert wird – nur zustimmen, wenn er schreibt:

„Jonathan Lethem beschreibt mit höchster Präzision – wie es nur ein großer Schriftsteller vermag – das Gefühl, eine Welt zu lieben, die einem Tag für Tag in den Hintern tritt.“

Dylan Ebdus wächst in den späten 1970er-Jahren in Brooklyn auf. Sein Vater, ein Maler, zieht sich täglich in sein Studio zurück, um an einem nie enden wollenden Kunstfilm zu arbeiten. Seine Mutter, eine aktivistische, aber mit der Gesamtsituation unzufriedene Frau, hingegen wünscht sich, dass Dylan sich in das Viertel integriert – nicht nur durch Spiele mit dem Spaldeen (eine Art Tennisballflummi) mit den anderen Kindern, sondern auch durch den Besuch der örtlichen Schule. Doch genau das wird für Dylan zunehmend zum Albtraum: Als „Whiteboy“ ist er nicht nur verbalen, sondern auch körperlichen Angriffen ausgesetzt. Das Viertel, im Schatten des Williamsburgh Savings Bank Tower[1] – dem einzigen Wolkenkratzer des Nachbarbezirks von Manhattan – gilt als sozialer Brennpunkt.
Dylans Alltag verwandelt sich in ein ständiges Ausweichmanöver, ein Hindernislauf vor Jugendlichen wie Robert Woolfolk, dessen Abgleiten in die Kriminalität als beschlossene Sache anzusehen ist. Einziger Lichtblick ist der Nachbarsjunge Mingus, der Sohn eines einst erfolgreichen Soulsängers. Er wird nicht nur Dylans bester Freund, weil Dylan mit seiner Hilfe Roberts Schikanen entgeht, sondern weil Mingus ein guter Mensch zu sein scheint – und weil beide durch einen mysteriösen Ring verbunden sind. Einen Ring, den Dylan von einem Obdachlosen geschenkt bekommt. Zur großen Überraschung der beiden birgt er eine Superkraft, wie sie sonst nur aus den Comics bekannt ist, welche die beiden als Lektüre verschlingen.

Jonathan Lethems „Die Festung der Einsamkeit“ ist ein halbautobiografischer Bildungsroman, der die Entwicklung eines aus vielfältigen Gründen einsamen, fast schon zerbrechlich wirkenden Jungen nachzeichnet. Dylan Ebdus muss sich täglich gegen die Härten des Lebens in Brooklyn behaupten – bis er schließlich einen Weg findet, sich aus diesen Umständen zu befreien. Doch der Roman ist weit mehr als eine klassische Coming-of-Age-Geschichte in schwierigem Umfeld: Dylan hasst und liebt sein Viertel zugleich. Als er nach vielen Jahren zurückkehrt ist er schockiert, wie sehr hier die Gentrifizierung etwas ganz anders aus ihm gemacht hat.

Lethem gelingt mit diesem Werk ein weiterer dichter, atmosphärisch intensiver New-York-Roman – vergleichbar mit dem futuristischen Chronic City oder dem politischen Garten der Dissidenten. „Die Festung der Einsamkeit“ lässt sich auch als Zeitdokument lesen, dessen größte Stärke in der meisterhaften Beschreibung des New Yorker Lebensgefühls von den späten 1970er bis in die 1990er Jahre liegt, mit Themen wie: Rassismus (in all seinen komplexen Facetten und mit seinen vielen Opfern), den Aufstieg von Graffiti als Kunstform, die prägende Rolle der Musik und die verheerenden Folgen von Drogen wie Crack. Auf über 600 Seiten zeichnet er nicht nur Dylans Werdegang nach, sondern auch die Schicksale der Menschen, die sein Leben kreuzen – detailreich inszeniert, nachvollziehbar und packend.

Was den Roman besonders macht, ist seine zurückhaltende, fast beiläufige Behandlung des Superhelden-Motivs: Der mysteriöse Ring, der Dylan von einem Obdachlosen geschenkt wird, birgt eine Macht, die nie voll ausgeschöpft wird. Das erinnert an kindliche Träume von geheimen Superkräften – und an die ernüchternde Erkenntnis, dass wir sie in entscheidenden Momenten doch nicht besitzen. Vielleicht ist es genau diese Ambivalenz, die den Roman so faszinierend macht: die Spannung zwischen dem Wunsch nach Flucht und der Notwendigkeit, sich der Realität zu stellen.

Ein wundervolles, vielschichtiges Buch – das Beste, das ich von Lethem bisher gelesen habe, und mit Sicherheit nicht das letzte in meiner Sammlung.

[1] Ein für den Roman vollkommen unwichtiger Punkt, aber bezeichnend für die Entwicklung des Boroughs Brooklyn und der Stadt New York ist, dass der Williamsburgh Savings Bank Tower von 1929 bis 2009 das höchste Gebäude des Stadtteils war und im Jahr 2026 nur noch an Position 14 liegt!

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