Originaltitel: „Swan Song“ | Jahr: 2021 | Regie & Drehbuch: Benjamin Cleary | Science-Fiction-Drama | 116min |
Ein Schwanengesang bezeichnet das letzte Werk eines Künstlers. Der Ausdruck geht auf einen alten griechischen Mythos zurück, der besagt, dass Schwäne vor ihrem Tod noch einmal mit trauriger, aber wunderschöner Stimme ein letztes Lied anstimmen. Ich muss zugeben, dass ich das erst bei Wikipedia nachlesen musste – oder besser gesagt: dass ich diese Information dort im Zusammenhang mit dem Film „Schwanengesang“ gefunden habe. An dieser Stelle kann ich vorgreifend feststellen, dass wir eigentlich den Abgesang auf den besten Film, den ich dieses Jahr gesehen habe, schon jetzt halten können. Denn Benjamin Clearys Science-Fiction-Drama ist ein brillantes, filmisches Meisterwerk.
Cameron Turner (Mahershala Ali) ist unheilbar krank. Seine Frau – und große Liebe seines Lebens – Poppy (Naomie Harris) ist schwanger, und ihr Sohn Cory wächst und gedeiht. Wäre nicht der baldige Tod, könnte das Leben ganz normal weiter gehen und Cameron entscheidet, weder Poppy noch Cory wissen etwas von seiner Erkrankung Wissen zu lassen. Ein Abschied aus diesem Leben scheint unvermeidlich, schmerzhaft und wird eine Familie in Trümmern zurücklassen. Doch der Film spielt in einer futuristischen Zukunftswelt, und es gibt einen Ausweg – oder besser gesagt: eine Milderung, eine Art Abfederung. Dr. Jo Scott (Glenn Close) betreibt auf einer einsamen Insel irgendwo an einem kanadischen Fjord einen Klonservice, der perfekte Replikate anbietet, nicht was den Körper, sondern auch den Geist (mit allen Erinnerungen etc.) angeht. Cameron lässt sich selbst 1:1 kopieren, um einen Nachfolger für sich weiterleben zu lassen – ohne dass jemand es jemals bemerken wird. Kann er so beruhigter sterben?
„Schwanengesang“ ist in erster Linie ein Film über den Abschied vom Leben, über das Ende des eigenen Ichs und das Vermächtnis, das man seinen Liebsten mitgeben möchte. Die Grundaussage des Films erinnert an Isabel Coixets wunderschönen und tieftraurigen Film „Mein Leben ohne mich“. Doch „Schwanengesang“ nutzt die Möglichkeiten der Science-Fiction, um erhebliche Schritte weiterzugehen: Er entwickelt ausgehend von der Frage „Wie soll eine Welt ohne mich aussehen?“ die Problemstellung weiter zu „Kann ich etwas tun, damit meine Welt wenigstens für die anderen weitergeht?“ oder um die Frage umzukehren: „Kann ich mich aus meinem Leben verabschieden, ohne dass die anderen Abschied nehmen müssen?“
In gewisser Weise teilt Cleary im Film den Tod in zwei Themenbereiche ein: in den existentiellen Teil des eigenen Gehens und den lebenspraktischen Teil des Verlustes der geliebten Menschen, des Umfeldes, der sozialen Strukturen. Am existentiellen Teil kann man nicht viel machen. Allerdings könnte es ein Trost sein, wenn das eigene Vermächtnis, der Lebensentwurf, den man mit anderen gelebt hat, bleibt, zumindest für die anderen. Wenn man an sich denkt, ohne noch auf Erden zu sein, stellt man sich nicht die eigene Beerdigung vor, sondern wie das Leben ohne sich (und doch mit einer perfekten Kopie von sich) ganz normal weiter geht. Daher fragt Cleary, wie sehr würde es das Abschiednehmen erleichtern, zu wissen, dass man für die anderen doch dabliebe? Allein diese Frage ist schon ein höchst komplexes Gedankenspiel, denn den anderen nichts vom eigenen Tod zu erzählen und ihnen einen perfekten Replikanten unterzujubeln kann man sowohl egoistisch interpretieren (meine Legacy soll weiterleben), als auch als altruistisch (wenn ich schon sterben muss, müssen die anderen nicht auch noch darunter leiden). In einem nächsten Schritt steigert Cleary aber sein Gedankenexperiment – und hier muss ich spoilern – denn es kommt zu einer Testphase, wo der Clon allein in die Familie des Sterbenden gelassen wird und dort seine Rolle perfekt einnimmt.
Und hier kommen wir zu einem bemerkenswerten Experiment über uns und die hier etwas erweiterte Frage, wer wir sind. Denn Clon und Original sind quasi die gleiche Erscheinung, das gleiche Sein, aber mit zwei Körpern. Doch was schlummert eigentlich in uns selbst und wie sehr sind wir Herr unserer Handlungen? „Schwanengesang“ zeigt ein sehr anschauliches Beispiel. In einer Szene nervt der 8-jährige Junge Cory seinen Clon-Vater, weil er einfach nicht sein Handy weglegen will und nach unzähligen Ermahnungen verliert der Clon-Vater seine Beherrschung. Wir bemerken aber schnell, dass dies nur ein Traum ist, des sterbenden Originalvaters. Und hier sind wir an der gerade formulierten Frage angekommen. Wer sind wir und welche Vorstellung haben wir von uns selbst? Sind wir nicht auch die dunklen Fantasien in uns, die wir aber nie tun würden? Als selbstbewusster Mensch mag man sich sicher sein, immer im Rahmen seiner zivilisatorisch-sozialisierten Grenzen zu reagieren, aber kann man das auch für seinen Clon garantieren? Sind wir also die Idee, die wir von uns haben, unsere Vorstellungen von Gut und Falsch oder sind wir letztendlich doch einfach nur ein Handlungsbündel, also unser konkretes Tun?
Neben diesen Themen, die fast schon spielerisch am Rande der Handlung aufgegriffen werden, ist das Hauptthema von „Schwanengesang“ der Abschied vom Leben, von den geliebten Menschen, bei denen wir unsere Zeit auf Erden verbringen durften, und diesen Abschied zu inszenieren ist Cleary großartig gelungen, mit einer finalen Pointe, die ziemlich grandios ist und die uns vielleicht zeigt, dass man niemals „ich liebe dich“ einfach so sagen sollte.
Umrandet werden diese Themengeschichte von einer Liebesgeschichte, die sehr originell und vor allem wunderschön erzählt, vom Kennenlernen bei einem Schokoladenriegel im Zug, über die Tragik des Lebens, der existentiellen Einsamkeit und der Verantwortung um die eigene Familie, bis zum Abschiednehmen, dass wenigstens nur halb ist, da nur einer davon weiß und der andere diesen Abschied nie mitbekommen wird.
All das wäre schon genug für einen großartigen Film, aber „Schwanengesang“ ist auch als Zukunftsversion sehr eindrücklich. Etwas einklammern müsste man allerdings die Gedankenkonstruktion des Klonservice für unheilbar Kranke, denn hier ergeben sich zahlreiche Probleme.[1] Aber wie diese Menschen in einer Zukunft von bedienenden Robotern und selbstfahrenden Autos leben erscheint mir gerade in seiner Liebe zum Detail faszinierend und nachvollziehbar inszeniert. Man kann hier von einer kühlen Zukunft sprechen, ich würde sie vielleicht eher als clean beschreiben, mir scheint sie aber sehr realistisch zu sein.
Und auch damit bin ich nicht mit meinem Lobpreisungen fertig, denn wenigstens ganz kurz muss die Brillanz von Mahershala Ali benannt werden, wie er Cameron und seinen Clon spielt ist mehr als eindrücklich.
Und zu guter Letzt noch ein Wort zum hervorragenden Soundtrack des Films, der mir absolut passend erscheint, sich nie in den Vordergrund spielt, aber genau das macht, was er soll, eine Atmosphäre erweitern.
Dieser Film war der letzte, den ich auf meinem Apple TV Abo gesehen habe (der Film kam nicht in die Kinos und wurde nur auf Apple TV veröffentlicht), aber es war ein Schwanengesang der absoluten Extraklasse und ich zweifle schon etwas an mir, wie lange ich Abschied von Film-Abos nehmen sollte.
Zusatz:
Nachdem ich meinen Text fertiggestellt habe, habe ich selbst noch etwas Zukünftiges gemacht (quasi ein Science-Fiction Ausflug hier im Blog) und so etwas wie einen geistigen Klon zur Hilfe genommen. Ich habe die KI Claude gefragt, was es über den Film denkt (Prompt: „Ich habe gestern den Film „Schwanengesang“ von Benjamin Cleary gesehen. Gib mir bitte einige Ideen, Deutungen und Interpretationen zum Film wieder.“)
Das möchte ich an dieser Stelle gern wiedergeben, gleichzeitig aber kommentieren. Meine Kommentare sind kursiv geschrieben.
„Swan Song“ (2021) von Benjamin Cleary ist ein nachdenklicher Science-Fiction-Film, der eine Fülle von philosophischen und emotionalen Themen aufwirft. Hier sind einige Deutungsansätze:
Identität und das Selbst
Der Film stellt die zentrale Frage: Was macht uns zu dem, wer wir sind? Ist es unsere DNA, unsere Erinnerungen, unsere Gewohnheiten – oder die Art, wie andere uns wahrnehmen? Wenn Cameron einen Klon erschafft, der seine Frau und Kinder „behalten“ soll, impliziert das eine erschreckend materialistische Sicht auf Identität: dass das Selbst replizierbar, ja sogar austauschbar ist.
Zum einen ist zu sagen, dass Cameron nicht selbst den Klon erschafft, aber das ist vielleicht weniger wichtig. Die Interpretation der materialistischen Sicht der Dinge jedoch ist bedenkenswert, denn tatsächlich erscheint in der Zukunft von Schwanengesang das Leben materialistisch austauschbar. Aber wie unrealistisch ist das? Schließlich kenne ich einige Menschen, die schon heute künstliche Knie oder Hüften tragen und es ist auch denkbar das die Biotechnologie noch das ein oder andere Ersatzteillager anbieten wird, denn eines der zukunftstreibendsten Themen der Gegenwart ist sicherlich Longevity und wie weit ist der Schritt vom Ersatzteil zum völlig neuen Produkt? Natürlich kann man hier von körperlichen Ersatzteilen sprechen, aber öffnet uns KI vielleicht momentan den Weg hin zur Möglichkeit eines geistigen Substrats?
Liebe als Selbstaufopferung
Camerons Entscheidung lässt sich als ultimativer Liebesbeweis lesen – er löscht sich selbst aus, um seiner Familie Schmerz zu ersparen. Gleichzeitig ist sie zutiefst ambivalent: Ist es wirklich Liebe, wenn man der Familie die Chance auf echte Trauer, echtes Loslassen, echtes Wachstum nimmt?
Diese Interpretation ist etwas dümmlich, denn Cameron löscht sich ja nicht selbst aus, er ist halt unheilbar krank und das hat er sich nicht ausgesucht. Was er sich aussucht, ist das einsame Sterben und das Wissen darum, dass niemand für ihn da ist in dem Moment wenn er die Welt verlässt, den er liebt. Das erscheint mir tatsächlich als extrem großes Opfer.
Das Recht auf den eigenen Tod
Der Film berührt Themen aus der Bioethik rund um Sterbehilfe und das Selbstbestimmungsrecht. Cameron trifft diese Entscheidung mehr oder weniger allein – ohne das Wissen seiner Frau. Das wirft die Frage auf, ob Fürsorge ohne Einverständnis überhaupt ethisch vertretbar ist.
Leider ist auch diese Bemerkung recht sinnfrei, denn Sterbehilfe geht ja vom Sterbenden aus, nicht von den Hinterbleibenden. Ein wunderbarer Film zu diesem Thema ist „Das Meer in mir“.
Erinnerung und Kontinuität
Eine interessante Lesart ist die des Films als Parabel über das Vergessen. Der Klon übernimmt Camerons Leben nahtlos – doch ist eine Beziehung, die auf einer Lüge aufgebaut ist, wirklich dieselbe? Das Publikum wird eingeladen zu fragen, ob emotionale Kontinuität ohne Wahrheit überhaupt möglich ist.
Es ist immer schön, wenn die KI über Wahrheit referiert, aber sie hat einen Punkt, denn die objektiven Faktoren sind tatsächlich anders, als die Familie denkt. Insbesondere nachdem der neue Clon die Erinnerung an seine Existenz als Clon verliert ist aber zu fragen, was soll eine Lüge sein, wenn es niemanden mehr gibt, der von einer anderen Wahrheit wüsste.
Grief Avoidance – das Vermeiden von Trauer
Die Technologie im Film ist im Grunde ein Werkzeug zur Vermeidung von Verlustschmerz. Cleary scheint zu fragen, ob wir durch den technologischen Fortschritt nicht lernen, dem Tod – und damit einem wesentlichen Teil des Menschseins – auszuweichen. Trauer hat eine Funktion; ihre Abschaffung hat einen Preis.
Diese Bemerkung gefällt mir sehr, denn tatsächlich ist die Vermeidung von Trauer und Schmerz ein sehr zeitgenössisches Phänomen, ebenso übrigens wie der Menschheitstraum des ewigen Lebens.
Fazit
„Swan Song“ ist letztlich kein klassischer Sci-Fi-Film, sondern ein Kammerspiel über Sterblichkeit, das die Technologie als Spiegel benutzt. Die eigentliche Frage ist keine technische, sondern eine zutiefst menschliche: Wie gehen wir mit dem Unvermeidlichen um – und dürfen wir es für andere verbergen?
Dieses Fazit finde ich dann aber schon wieder ziemlich, wenngleich ich dann doch etwas überrascht bin, dass Claude nicht einmal das Wort Abschied benutzt, in seiner Filmanalyse.
[1] Ohne diesen Gedanken funktioniert aber der Film nicht und deshalb bin ich gern gewillt hier die logischen Probleme zu übersehen. Wie soll so ein Service wirtschaftlich operieren, denn mit Sicherheit kostet so ein Klon Geld und wie soll diese Geschäftsidee je publik werden, wo doch das wichtigste Anliegen des Firmenproduktes es ist, nie an die Öffentlichkeit zu gelangen?