Florian Illies – Zauber der Stille

Erschien 2023 bei Suhrkamp | hier als Hörbuch vom Argon Hörverlag gehört (Hördauer: 6h28min)

Nachdem ich vermelden muss, dass ich in letzter Zeit zwar viel lese, aber nur wenig darüberschreibe, möchte ich über etwas Gehörtes in meiner Literaturrubrik schreiben. Ein recht günstiges Abo-Angebot einer Internet-Hörbuch-Bibliothek erlaubte es mir, Hörbücher zu konsumieren. Ich versuche dort einige Sachbücher zu konsumieren, die ich ganz wunderbar als Ersatz- oder Ergänzungspodcasts insbesondere beim Unterwegs-Sein und Laufen verwenden kann. Beispielsweise wollte ich einmal Florian Illies lesen/respektive hören, denn sein Kunst Podcast bei der Zeit, versteckt sich seit einigen Monaten größtenteils hinter einer Bezahlschranke. Beststellerautor Illies hat ein vielbeachtetes Buch über Caspar David Friedrich geschrieben und da ich eine größere Affinität zum Maler habe, drückte ich geschwind den Play-Button!

In „Zauber der Stille“ lässt uns Florin Illies mit dem Leben von Caspar David Friedrich vertraut werden. Nicht Illies selbst hat das Buch eingelesen, sondern Stephan Schad und man ist anfangs vielleicht etwas befremdet, nicht Illies Stimme zu hören, aber schon nach einigen Minuten freut man sich, dass Schad diese Aufgabe übernommen hat, denn sein wohlmodulierter Ton ist durchaus wohlklingender, als die des Podcasters und Autors des Buches.
Illies Erzähl-Stil, in dem er seine Beschreibung über Leben und Werk Friedrichs ausführt, ist für mich allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Bei Wikipedia steht dazu folgende, sehr treffende Beschreibung:

Im Gegensatz zum Genre des historischen Romans bevorzugt Illies die dokumentarische Schreibweise. Er schildert die Vergangenheit so, als wäre er unmittelbarer Zeitzeuge. Die Distanz zwischen dem Literaturhistoriker und seinem Gegenstand hat sich aufgelöst. Er beschäftigt sich weniger mit der Interpretation von Archivmaterial, sondern vermittelt eine Illusion der Anwesenheit. Das Erzähltempus ist das Präsens, es geht dem Autor darum, eine geschlossene Atmosphäre zu schaffen.

Das befremdet häufig ein wenig, denn als Leser / Hörer findet man sich im Leben von Friedrich und seinen Zeitgenossen wieder und kann nicht wirklich sagen, woher Illies wissen will, ob Friedrich wirklich das gesagt, gedacht oder getan hat, was hier erzählt wird. Auf der anderen Seite erschafft dies ein Bild über den großen Maler der Romantik, dass einen dem Leben und dem Werk schnell näherbringt und auch emotional gefangen nimmt. Illies gliedert sein Buch in vier Kapitel und erzählt Friedrichs Leben dabei anekdotisch, immer wieder streut er auch Geschichten über Friedrichs Bilder ein und erzeugt Querverweise auf die Geschichte (der Kunst, aber auch der Politik und Gesellschaft). Das wirkt sehr informativ, es fehlt jedoch eine Linie, die man erkennen könnte. Wir erfahren einiges über Caspar David Friedrich, z.B. dass er keine Menschen gut malen konnte, aber der Text wirkt sehr häufig so, als hätte ein extrem fleißiger Sammler, alles, was er über CDF erfahren konnte, aufgeschrieben. Aus dieser Datenbank schießt nun Illies Fakten heraus, die er immer wieder literarisch überformt, so dass die Grenze des faktischen und der Fiktion fließend sind, was manchmal etwas kurios wirkt, weil dann insbesondere die Rückschlüsse auf Friedrichs Charakter unklar werden (sind diese nun interpretiert, literarisch erhöht oder beruhen sie auf Fakten?).

Allerdings erschafft Illies für eine erste Auseinandersetzung mit einem der größten Maler der Romantik und einem etwas rätselhaften, aber äußerst faszinierenden Geist der Landschaftsmalerei (und nicht zu vergessen, einem der berühmtesten Dresdner – wenngleich in Greifswald geboren) eine sehr lesbare Einführung in sein Werk (wobei beim Hören, die Bilder natürlich nur imaginiert werden müssen, mir ist nicht klar, ob sie im Buch zu sehen sind). Hier bietet „Zauber der Stille“ genau das, was es soll, es macht neugierig darauf, die Bilder Capar David Friedrich (nochmal) anzuschauen und sich mehr mit ihm zu beschäftigen. Das ist vielleicht kein „Zauberbuch“ (wie Elke Heidenreich behauptet), aber eine sehr gute Hinführung an das Werk eines großartigen Malers.

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