Erschien 2023 im englischen Original als „Orbital“ | deutsche Übersetzung von Julia Wolf | 2024 bei dtv erschienen mit 226 Seiten
Manche Bücher fliegen einen zu, ohne dass man sich eigentlich im Wege stehen sieht, so wie „Umlaufbahnen“ von Samantha Harvey. Die Engländerin Harvey wiederum lässt ihren Roman, um die Erde kreisen, wo in einer Raumstation sechs Menschen ihren Dienst am wissenschaftlichen Fortschritt nachgehen. Während auf der Erde ein zerstörerischer Taifun über Südostasien aufzieht, fliegt eine weitere Rakete andere Astronauten zum Mond und so ziehen die Sonnenauf- und Untergänge an der Raumstation und ihrem fliegenden Personal vorbei und der Blick richtet sich immer wieder hinab auf den blauen Planeten und hinauf in die unendliche Weite des Weltraums.
In einer globalen Krise wie dem Klimawandel, der längst keine regionalen Grenzen mehr kennt, sondern den gesamten Planeten betrifft, wirkt Samantha Harveys Perspektive in „Umlaufbahnen“ wie eine literarische Antwort auf die Herausforderung, die Welt als Ganzes zu denken. Der Roman blickt – ganz wie die Besatzung der Raumstation – aus der Distanz auf den blauen Planeten: eine Perspektive, die sowohl die atemberaubende Schönheit der Erde als auch die unerbittliche Dynamik zeigt, mit der der Mensch sie umgestaltet. Was in planetarischen Zeiträumen als rasender Fortschritt erscheint, hat uns überhaupt erst dazu gebracht, unsere eigene Position im Kosmos zu reflektieren.[1] Dieser menschliche Geist – und das dürfte heutzutage keine neue Erkenntnis sein – führt jedoch dazu, die eigenen Lebensgrundlagen zu beschneiden, oder gar zu zerstören. Dies im Großen durchzuspielen (mit der Perspektive der Astronauten), aber auch im Kleinen (mit dem konkreten Blick auf die auf der Erde verbliebenen Menschen und den Gedanken der Astronauten an diese) ist die große Stärke des Romans, gemeinsam, mit einigen wunderschönen sprachlichen Bildern (tatsächlich auch von konkreten Bildern, wie das schon beschriebe Foto von Collins oder von Velazquez Gemälde der „Meninas“). Und so kreist man als Leser über die Erde, ohne das allerdings sehr viel passiert im Roman, ein Werk der Kontemplation eher als der Aktion.[2] Ein ruhiges und absolut nicht rasantes Buch über den Blick auf uns, dass uns ganz ohne jede Science-Fiction einen Blick von oben herab auf uns selbst liefert.
[1] Hier bringt Harvey das wunderbare sprachliche Bild eines real existierenden (und bei mir bald als Poster aufgehängten) Fotos des Astronauten Michael Collins, der im Rahmen der Apollo 11 Mission, die Mondlandefähre der NASA fotografierte, wie sie vom „Mutterschiff“ (in welchem Collins war) ablegte. Auf den Bild ist nun nicht nur die Fähre, sondern und gleichzeitig auch der Mond und die Erde zu sehen, ein Foto, so könnte man argumentieren, bei welchem erstmals ein Fotograf außer sich selbst, die gesamte menschliche Zivilisation aufnahm.
[2] Ganz spannend ist hier eine Danksagung nach dem Text u.a. an Paul Lynch. Auffällig ist, dass sein letztens von mir gelesenen Roman „Jenseits der See“ ganz ähnlich verfährt, in dem es die Handlung verlangsamt, hier um die Weite des Meeres zu zeigen und die Winzigkeit der menschlichen Existenz, während wir bei Harvey die Geworfenheit ins menschliche Dasein auf dem Planeten vom Blick von außen betrachten.