Jahr: 2025| Regie & Drehbuch: François Ozon | Spielfilm | 120min | Location: Algier in den späten 1930er Jahren
Albert Camus kann man zu den wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts in Frankreich zählen. Jean-Paul Sartre, auf den diese Einordnung vielleicht sogar noch mehr zutrifft, bezeichnete Camus Roman „Der Fremde“ als das wichtigste literarische Werk des Existentialismus. Ich erinnere mich schemenhaft – es liegt Jahrzehnte zurück – an eine Vorlesung an der TU zu diesem Thema und daran, wie sehr mich diese philosophische Richtung damals faszinierte. Nun hat François Ozon, einer der bedeutendsten noch lebenden französischen Filmemacher, diesen Stoff verfilmt.
Meursault (Benjamin Voisin), ein Mann Anfang dreißig, findet sich plötzlich in einer Gefängniszelle im Algier der späten 1930er-Jahre wieder. Er ist umgeben von anderen Häftlingen, von denen einige Französisch, andere Arabisch sprechen. Als einer von ihnen ihn fragt, warum er hier sei, antwortet er lapidar: Er habe einen Araber erschossen. Die Ereignisse, die zu dieser Tat führten, werden im ersten Teil des Films in Rückblenden erzählt.
Wochen vor seiner Inhaftierung erreicht Meursault die Nachricht vom Tod seiner Mutter in einem Altersheim. Mit auffälliger Gefasstheit reist er zur Beerdigung, bleibt während der gesamten Zeremonie und auch danach emotional unberührt. Da sein Chef, der mit Mitleid geizt, ihm zwei erforderliche Tage freigegeben hat, nutzt Meursault die verbliebene Zeit des Folgetages für einen Ausflug an den Strand. Dort begegnet er Marie (Rebecca Marder) – ein Treffen, das schnell in eine Beziehung mündet. Dennoch wirkt Meursault eigenwillig antriebslos: Er fühlt sich zufrieden, hat aber keine Ziele. Als Marie ihn fragt, ob er sie liebe, wirkt die Frage auf ihn fast überflüssig. Er verneint freundlich, doch Marie nimmt es ihm nicht übel, obwohl sie in ihn verliebt ist.
Meursaults Nachbar, Raymond (Pierre Lottin), eine zwielichtige Gestalt, fällt ganz anders auf: Er schlägt wiederholt eine arabische Frau (Hajar Bouzaouit) und zieht sich damit den Ärger ihres Bruders Moussa (Abderrahmane Dehkani) zu.
„Der Fremde“ ist ein sehr eindrucksvoller Film, was einer etwas ausführlicheren Erklärung bedarf. Da ist zum einen die authentisch wirkende Kulisse des Algiers der 1930er-Jahre. Vieles wirkt stilgetreu, und die Entscheidung, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, verleiht ihm eine atmosphärische Dichte. Diese wirkt jedoch nicht nur durch die Optik, sondern steht vor allem im Zusammenhang mit dem gesellschaftlich-philosophischen Hintergrund des Films (eventuell hat der Existentialismus in schwarz-weiß stattgefunden).
Wir erleben eine klare Zweiklassengesellschaft, in der die Welt der Franzosen und die der anderen Einwohner aufeinandertreffen. Diese historisch korrekte, aber leider wenig überraschende Tatsache ist jedoch nicht die zentrale Aussage des Films – dazu später mehr. Besonders brilliert Benjamin Voisin in seiner Rolle, und das umso mehr, je länger der Film dauert.
Für mich stellt sich neben der gelungenen Inszenierung vor allem die Frage, warum man mitten in den 2020er-Jahren, einen Roman verfilmt, der als eines der entscheidenden Werke des Existentialismus gilt – einer philosophischen Strömung, die spätestens seit den 1950er-Jahren zunehmend an Bedeutung verloren hat und heute eher der Philosophiegeschichte zugeordnet wird. Anders gefragt: Was kann uns Camus (der sich übrigens nie als Existentialist verstand) gegenwärtig noch sagen?
Dazu zunächst ein kleiner Exkurs in den Existentialismus, eine philosophische Richtung, die nach den elementaren Grundzügen der menschlichen Existenz fragt. Sie geht davon aus, dass es keine vorgegebene Natur gibt, die das menschliche Leben bestimmt. Sinn ist demnach etwas, das der Mensch selbst in seiner Existenz erst herstellen muss – keine Gesellschaft, Religion oder Ideologie kann ihn ihm von Geburt an einpflanzen. Bei Camus entwickelt sich daraus eine Philosophie des Absurden: Sie erkennt einerseits das menschliche Verlangen nach Sinngebung an, stellt diesem andererseits aber eine diagnostizierte Sinnlosigkeit der Welt gegenüber. Freiheit, so Camus, erlangt der Mensch, indem er seiner Existenz selbst einen Sinn verleiht.
Die Figur des Meursault in „Der Fremde“ ist in dieser Absurdität gefangen. Nichts scheint ihm als Sinngerüst im Leben zu dienen – weder die Liebe (weder zu seiner verstorbenen Mutter noch zu Marie), noch Freundschaft (wobei man Raymond, seinen Nachbarn, eher als Quelle des Ärgers denn als Freund bezeichnen würde), noch der Job (Meursault lehnt eine Versetzung nach Paris ab). Selbst in der Verteidigung seiner Tat wirkt er eigentümlich distanziert. Man gewinnt den Eindruck, er betrachte sich und seine Beweggründe wie einen Fremden und suche nicht nach einer sinnstiftenden Rechtfertigung für sein Handeln.
Hier schließt sich die Frage an, welche Rolle diese Figur und dieses Verhalten in unserer Gegenwart noch spielen – oder anders gefragt: Was könnte daraus ein spannendes Werk für die 2020er-Jahre machen? Die Hauptfigur Meursault liefert darauf eine Antwort: Sie verkörpert eine Lebenseinstellung, die dem heutigen Zeitgeist in einer oft als „kulturellen Kapitalismus“ bezeichneten Epoche entgegensteht.
Kurz zu dieser Diagnose des Begriffes: Der emotional aufgeladene Individualismus unserer Tage strebt zwar nach individueller Besonderheit und deren Anerkennung, doch die Inszenierung des eigenen Selbst ist dabei stets emotional geprägt. „Authentisch“ zu sein – und Authentizität ist eine zentrale Währung unserer Zeit – bedeutet, sich so zu präsentieren, wie man sich gerade fühlt, was man spürt oder was man emotional für richtig hält (siehe beispielsweise dazu: Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten).
Das Besondere an Meursault ist, dass er zwar Emotionen hat und diese sein Handeln beeinflussen, sie ihm aber nicht als Antrieb zur Selbstdarstellung dienen. Stattdessen hinterfragt er sie ständig; sie sind Quelle einer fortwährenden Selbstreflexion. Sein Leben besteht nicht darin, sich und seine Gefühle der Umwelt zu präsentieren. Vielmehr blendet er seine Umgebung aus, weil er das, was er fühlt, für unwichtig hält – und es für unnötig erachtet, der Welt „kontextuell richtige“ oder erwartete Gefühle zu zeigen.
Ganz im Sinne Camus begreift Meursault das Leben als absurd. Damit meint Camus, dass es keinen höheren, gültigen Sinn im Leben gibt: keinen Gott, keine letzte rationale Begründung und kein definierendes inneres Gefühl, das uns unbestreitbaren existentiellen Sinn vermittelt. Im Fall Meursaults überzeugt ihn weder Hass noch Beruf, nicht einmal Liebe als gesellschaftliche Sinngebung für seine Existenz.
Für die Philosophie des Absurden besteht die Sinnlosigkeit des Lebens darin, diese zu erkennen. Meursault steht damit für eine Haltung, die sich nicht von Gefühlen leiten lässt, um sie als „authentischen Letztgrund“ zu betrachten. Während ein zeitgenössisches Individuum etwa Angst, fehlenden Schutz oder Notwehr als Legitimation für eine Tat anführen würde, erkennt Meursault, dass all diese Einordnungen letztlich nur Fassade sind – gesellschaftlicher Kontext. Das Leben ist absurd, weil es rational keine Letztbegründung liefern kann.
Man muss dieser existentiellen Sicht natürlich nicht folgen. Camus sieht in der Erkenntnis des Absurden drei mögliche Konsequenzen, wobei er Selbstmord oder die Hinwendung zu einer metaphysischen Macht (wie Gott) als falsche Wege verwirft. Stattdessen empfiehlt er – wie man am Ende des Films fast spüren kann –, die Absurdität des Lebens anzunehmen und sich nicht in Selbstfindung, Selbstzweifel oder vor allem in Selbstdarstellung zu verlieren.
Damit kehren wir zurück in unsere Tage des „kulturellen Kapitalismus“ und der „Gesellschaft der Singularitäten“ zurück. So besonders sich jeder heute fühlen und zeigen mag – am Ende muss sich jeder Mensch damit abfinden, dass es keinen letztbegründbaren Sinn des Lebens gibt. Und das betrifft uns alle, auf seltsam gleiche Weise.