Erschien 2025 bei S. Fischer mit 192 Seiten
Im Jahr 2024 besuchte ich eine Lesung im Rahmen des Literaturfestivals meiner Heimatstadt. Gast war der von mir hochverehrte Schweizer Autor Peter Stamm, der (stark erkältet) zwei neue und damals unveröffentlichte Geschichten vorlas, die schließlich im Folgejahr im Erzählband „Auf ganz dünnem Eis“ erschienen.
Kurz eine kleine Einordnung der neun Geschichten. In „Lieke schreibt …“ (einer Geschichte, die Stamm 2024 vortrug) erleben wir einen Skilehrer aus der Schweiz, der auf einer Skibahn im Ruhrgebiet eine neue Heimat sucht, obwohl er diese Situation nicht gewollt hat. Und auch wenn er dieses Leben noch nicht richtig als Heimat leben kann, beginnt er doch, so etwas wie Halt zu finden.
„Auf dünnem Eis I“ (interessanterweise gibt es zwei Geschichten mit dem Titel „Auf dünnem Eis“, aber beiden Geschichten fehlt der Zusatz „ganz“) erzählt die Geschichte einer Schauspielerin, die recht erfolglos versucht, ein Engagement an einem Theater zu bekommen, und sich derweil mit einem Job im Krankenhaus über Wasser hält, wo sie jungen Ärzten eine Patientin vorspielt.
In „Mars“ sind wir Zeugen des Experiments eines jungen Mannes, der sich allein im Keller einsperrt, um die Einsamkeit eines Marsflugs zu simulieren. Sein Vater versucht, ihn bei dieser äußerst eigenwilligen Idee so gut wie möglich zu unterstützen.
„Jump and Run“ ist die Geschichte einer Frau, die ihren Alltag verlässt, sich einer KFOR-Truppe im Kosovo anschließt und dort feststellen muss, dass auch dieses Leben ihr vielleicht nicht den Sinn gibt, den sie erwartet hat. Sie muss sich fragen, wie viel Flucht aus einer Welt ein Leben verträgt.
„Elins Äpfel“ blickt auf eine wunderliche, am Rande eines Industriegebiets gelegene Apfelplantage.
„Auf dünnem Eis II“ kehrt zurück zur Schauspielerin, die nun endlich ein Engagement in Ingolstadt gefunden hat. Doch die Beziehung zu ihrem Freund ist tot. Sie erwartet ein Kind, aber nicht von ihm, sondern von einer Art „WhatsApp-Bekanntschaft“.
„Unglaublich und emotional und fantastisch“ erzählt die Geschichte der ersten Auftritte von Susan Boyle und Paul Potts in der Talentshow „Britain’s Got Talent“.
„Roses Only“ wiederum ist eigentlich eine Geschichte über die Nutzung des Internets und der Fantasie. Sie beschreibt einen Schweizer Professor, der eine E-Mail von einer Mitarbeiterin eines russischen Museums in Apatity bekommt.
Die abschließende Geschichte „Wintern“ wiederum ist die Dystopie einer sich vergletschernden Welt. In dieser lebt einsam und allein ein Schweizer in einer Burg und notiert gewissenhaft Wetterdaten, ohne dass es jemanden gibt, den das interessiert oder der das überhaupt hören könnte. Er hat noch nie das Meer gesehen und fragt sich, was im Leben noch bleibt.
Die Frage, was im Leben bleibt, was sich ändern kann, wie es ist, wenn es sich verändert, und was dann kommt, behandeln die sehr unterschiedlichen Geschichten in „Auf ganz dünnem Eis“. Stamms ruhiger Ton führt uns sehr einfühlsam an seine Protagonisten heran und zeigt uns in Ausschnitten, welche großen Lebensentscheidungen dahinterliegen, dahinterlagen oder dahinterliegen könnten. Besonders schön fand ich dabei sowohl den Skilehrer in „Lieke schreibt …“ als auch die KFOR-Mitarbeiterin in „Jump and Run“, die beide auf der Suche nach Gravitation im Leben sind. Etwas ungewöhnlich erscheint mir die Geschichte „Unglaublich und emotional und fantastisch“, denn sie wirkt auf den ersten Blick wie eine Nacherzählung von Fernsehshows. Beim zweiten Blick ist das Thema allerdings sehr spannend, denn hier steht man vor der Frage, wie real oder gestellt, wie geschauspielert oder wie ehrlich das Leben einen plötzlich aus der Bahn werfen kann und wie man dieses Aus-der-Bahn-Werfen verkitscht darstellen kann. (Das als Gegenfolie zu den anderen Texten zu lesen, ist dann doch sehr bemerkenswert.) Auch die Dystopie „Wintern“ erscheint ungewöhnlich, doch wird hier nicht der individuelle Aspekt der Sinnsuche beleuchtet, sondern ein Kontext der Welterfahrung, der letztendlich dazu führen muss, etwas im eigenen Leben ändern zu wollen.
Stamms Geschichten sind – wie nicht anders zu erwarten – wundervolle Literatur, und ich ärgere mich heute etwas, dass ich den Erzählband zur Lesung noch nicht kennen konnte. Sonst hätte ich die Möglichkeit gehabt, ihn vieles zu fragen. So beantworte ich die Fragen eben für mich selbst, und das ist ja auch ein ganz spannender Prozess.