Werner Herzog – Jeder für sich und Gott gegen alle: Erinnerungen

Erschien 2022 bei Carl Hanser Verlag mit 352 Seiten | hier als Hörbuch, gesprochen vom Autor

Ich fremdle immer noch ein ganz klein wenig mit dem Hörbuchformat, obwohl ich Podcasts sehr schätze. Irgendwann in den Tiefen dieses Sommers stand ich in einer Buchhandlung in Potsdam und sah ein Buch von Werner Herzog, das sich mit dem Begriff der Wahrheit beschäftigte, und ich gebe zu, dass ich schon ziemlich am Thema interessiert war und immer noch bin. Jetzt war ich mir aber gar nicht so sicher, ob ich von Werner Herzog darüber mehr erfahren wollte, ist er doch für mich eher als Regisseur solch ungewöhnlicher Filme wie Fitzcarraldo, Aguirre – Der Zorn Gottes oder seines immer wieder amüsiert und gleichzeitig verängstigt zu schauenden Kinski-Porträts Mein liebster Feind bekannt. Aber Herzog als Philosoph? Warum sich nicht erst einmal mit der Biographie von Herzog auseinandersetzen – und hier war das autobiographische Hörbuch für mich die ideale Quelle, da es vom Autor selbst eingesprochen wurde, und wer seine Stimme kennt, weiß, dass dies ein absoluter Gewinn ist.[1]

Wie von einer Autobiographie nicht anders zu erwarten, schreibt Herzog über sein Leben und kommt tatsächlich erst recht spät zu seinem künstlerischen Schaffen, das er dann aber immer wieder in seinen Lebenslauf einbezieht, nicht nur als Beschreibung dessen, was er tat, sondern auch in seiner Verknüpfung von Biographie und sich daraus ergebendem Werk. Viele Geschichten sind dabei sehr faszinierend, u. a. wie häufig Werner Herzog dem Tod von der Schippe gesprungen ist, oder, um es milder auszudrücken, wie häufig er spektakulär verunfallte, erkrankte oder in andere brenzlige Situationen hineingeraten ist. Kapitel 20 könnte auch „Die 1000 Unfälle des Werner H.“ heißen. Immer wieder ist man erstaunt, wie viele Menschen Herzog in seinem Leben kennengelernt hat, mit wie vielen Filmstars, Regisseuren, Künstlern und auch Politikern er Zeit verbrachte. Das ist atemberaubend, auch wenn die Erwähnung seiner Frauen und Kinder in Kapitel 25 einem als Zuhörer eher das Gefühl hinterlässt, privat könnte Herzog kein einfacher Mensch gewesen sein; zu sehr klingt das Kapitel wie eine leichte öffentliche Schleimerei, die notwendig geworden ist, weil man die Personen im realen Leben nicht richtig wertgeschätzt hat.[2]

Herzogs Ansichten, seine Beschreibung der Welt, sein Werdegang wirken heute etwas aus der Zeit gefallen, sind mir aber oftmals sehr sympathisch, und seinen Anspruch, so viel von der Welt zu sehen, von ihr wahrzunehmen und über sie zu sagen, halte ich für äußerst erstrebenswert. Dabei kann ich nicht immer seinem Kunstbegriff folgen. So ist mir sein auch in der Biographie eingeführtes Konzept der ekstatischen Wahrheit (über die Beschreibung dieses Konzepts im Buch Die Zukunft der Wahrheit war ich in Potsdam gestolpert) nicht wirklich geheuer, sieht man doch an so vielen Enden unserer heutigen Zeit Versuche, Wahrheit über Ekstase abzubilden und sich dabei mehr und mehr von Faktizität oder realer Verankerung zu lösen. So war ich immer wieder fasziniert, aber auch eigentümlich abgestoßen, wenn Werner teilweise mit einem gehörigen Schuss Pathos von einigen Themen seiner Werke, seiner Ideen und seines Lebens berichtete. Trotzdem ist „Jeder für sich und Gott gegen alle“ eine sehr hörens- bzw. lesenswerte Autobiographie, und vielleicht ist diese Buchgattung ja auch die ideale Darreichungsform für ein Hörbuch für mich.

[1] Der Klang seiner Stimme, dazu seine Betonung und die immer wieder im Text vorkommenden, interessant ausgesprochenen Worte in deutscher, englischer oder spanischer Sprache machen das zu einem sehr spannenden und äußerst angenehm zu hörenden Erlebnis.

[2] Aber was weiß ich schon von der Frage, wie man geliebte Menschen in der Öffentlichkeit darzustellen vermag.

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