Pluribus

Originaltitel (stilisiert): PLUR1BUS | Idee: Vince Gilligan | Science-Fiction Dramaserie | 9 Folgen in der 1. Staffel | veröffentlicht 2025 auf Apple TV

Menschheit – Riesending, wenn sie mich fragen![1] Ich stelle mir „die Menschheit“ immer als eine große Idee vor, quasi als eine Einheit aus der Vielheit der Menschen. Sie erschien irgendwann auf diesen Planeten, baute um, erfand zahlreiche Dinge, bekriegte sich gegenseitig, rottete aus und vermehrte sich trotzdem ganz prächtig (bis jetzt), was zusammen mit einem ständigen zivilisatorischen Fortschritt zu einem erhöhten Problembewusstsein führt, so dass man heutzutage allenthalben innerhalb der Menschheit darüber diskutiert und vor der Frage steht, ob sie selbst eigentlich etwas Gutes ist? Schon weil ich da als Angehöriger parteiisch bin und weil ich gern Bücher lese, ins Museum gehe und mit anderen Menschen spreche, sage ich Ihnen geneigter Leser, dass ich die Menschheit ziemlich stark finde (mindestens global-historisch betrachtet). Aber die Menschheit als solche kollektive Idee ist abstrakt, denn sie läuft einem im Alltag (noch) nicht über den Weg. Das sind eher einzelne Individuen und die können manchmal schlecht gelaunt sein.

Schlecht gelaunt ist das Stichwort, denn Carol Sturka (Rhea Seehorn) ist das durchaus häufiger und das trotz eines großen Erfolgs als Autorin für Romane, die sie selbst aber eher als literarischen Schund bezeichnen würde. Doch eines Tages verändert sich die Welt. Eine Botschaft aus dem All wird aufgeschnappt und nach langem Rätseln der befassten Forschergruppe und zahlreichen Tierexperimenten kommt man zum Ergebnis, dass es sich um eine RNA-Veränderung handelt, die über einen Laborfehler in die menschlichen Körper gelangt. Das wirft diese Körper kräftig durcheinander, aber nach etwas durchschütteln passiert etwas Faszinierendes. Die Menschheit wird eins! Verbunden in jedem ihrer Mitglieder als eine Masse, ein funktionierendes Etwas, dass sich jetzt wie Ameisen in einem perfekt koordinierten Haufen organisiert, aber auch etwas zombiemäßiges hat. Doch die neue Menschheit ist herzensgut, kann nicht mehr lügen und auch keinem Tier auf dem Planeten etwas zu leide tun und immer, aber auch wirklich immer, ist sie gut gelaunt und freundlich. Die Menschheit ist voller Liebe! Nur eben Carol Sturka nicht, denn bei ihr und global gesehen, bei 11 anderen Individuen, hat das mit der Aufnahme ins Kollektiv nicht funktioniert.

„Pluribus“ (deutscher Untertitel: „Glück ist ansteckend“[2]) ist eine sehr faszinierende Serie, erdacht von Vince Gilligan, der schon für „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ verantwortlich war. Bevor wird zur Interpretation der Serie kommen, noch ein paar Worte zu ihrer filmischen Umsetzung. Auffallend ist, dass „Pluribis“ keine schnellen Schnitte hat, sondern sich in vielen Szenen viel Zeit nimmt, seine Figuren vor der Kamera arbeiten lässt und eine gewisse Faszination für die Ausführung von Dingen, aber auch für Pausen, für Ruhe, für Kontemplation mitbringt. Das wirkt nie zu lang, sondern erschafft eine Atmosphäre, die dadurch an Tiefe gewinnt. Das gilt auch für die Kamera, die nicht auf einzelne Ausschnitte fokussiert ist, sondern versucht das ganze Geschehen scharf zu stellen und das ist für den Inhalt nicht unwesentlich, denn die Frage ist, mit was wir es hier eigentlich zu tun haben.

Wichtiger als die Inszenierung ist aber die Aussagekraft von „Pluribis“. Ich halte einige Lesarten der Serie zwar für legitim, aber nicht besonders zielführend. Um ein Beispiel zu geben; man könnte „Plurisbus“ als Serie sehen, die im Anschluss an die Corona-Zeit, einen unaufhaltsamen (Alien-) Virus beschreibt, oder so etwas wie eine Zombie-Apokalypse. Das trifft zwar auf die erste Folge zu, wird dann aber eher unterbelichtet. Ich halte eine andere Fokussierung für entscheidender.
Was die Serie macht, ist eine klare Trennung zwischen uns und denen durchzuführen, wobei man tatsächlich fragen könnte, wer hier wer ist oder anders formuliert; mit wem man sich als Zuschauer identifizieren möchte. Auf der einen Seite haben wir Carol Sturka. Sie sieht das Geschehen mit Angst, aber auch mit einer großen Kampfeslust, ihren Individualismus, ihre Persönlichkeit, ihr Sein gegen die kollektive Menschheit zu verteidigen. Auf der anderen Seite steht diese kollektive Menschheit, die nicht nur zahlenmäßig überlegen ist (ein paar Milliarden gegen 12), sondern auch eine schwer zu durchschauende kollektive Masse ist. Man fühlt sich hier an viele Dinge erinnert und ich muss etwas argumentativ ausholen.
In der Geschichtsphilosophie wird die Menschheitsgeschichte gern als ein Prozess der Fortentwicklung zu höheren Stadien beschrieben, bei Marxs dialektischen Historismus beispielsweise, wird mit dem Stadium des Kommunismus eine Art vom Ende der Menschheitsgeschichte erreicht. Die Menschheit wird dabei immer als eine Einheit gedacht, wenngleich als einheitliche Idee, die durch einen Mechanismus sich durch die Zeit bewegt und verändert wird.
In „Pluribis“ erleben wir diese Denkfigur der einheitlichen Menschheit auch, nur eben nicht als Idee, sondern als tatsächliche Realität. Und tatsächlich möchte man ihr Verhalten als Tugendhaft beschreiben. Sie mordet nicht (nicht an ihren eigenen Mitgliedern, aber auch nicht an anderen Lebewesen)[3], sie arbeitet kollektiv zusammen (wobei man nicht so recht weiß, womit sie gerade beschäftigt ist, außer daran ihr globales Netzwerk zu totalisieren), sie scheint stets gut gelaunt und sehr freundlich zu sein und behandelt die verbliebenen individuellen Mitglieder der Menschheit, indem sie ihnen alle Wünsche vom Mund abliest. Sie ist ein Kollektiv, wie man es sich nicht kollektiver vorstellen kann und eine Art perfekter Gast(geber) auf der Erde, die sie als eine Art von Eigentümer betrachtet, aber auch mit größtmöglichen Respekt an den Besitz herantritt.

Es ist nicht zielführend diese Menschheit in ein politisches Interpretationsschema zu pressen, hier wird nicht der vollendete Kommunismus dargestellt, eher könnte man diese Menschheit als ein körperliches Äquivalent von künstlicher Intelligenz betrachten, ein total vernetztes, alles wahrnehmendes Etwas, dass für jede Frage eine Antwort bereithält. Letztendlich belässt es aber „Pluribis“ dabei, die Menschheit als etwas rätselhaft und undurchsichtig darzustellen und auch das erinnert uns wieder an KI unserer Tage.
Der entscheidende Punkt der Serie ist aber, dass es eigentlich nicht um die kollektive Menschheit geht, sondern sie ist nur der Ausgangspunkt, den verbleibenden Individualismus zu betrachten, der sich ihm entgegenstellt. Denn Pluribus erzählt Carol Sturkas Geschichte und erst mit der Wahrnehmung, dass ihr Individualismus nicht mehr gesellschaftlich plausibel erscheint, wird dieser in all seinen Facetten aufgezeigt.
Carol muss auf sich gestellt in dieser Welt leben und alle ihre persönlichen Gewohnheiten, ihr ganzes Leben geraten in einen Widerspruch, zwischen einem notwendig radikal werdenden Individualismus (in Ermangelung nicht kollektivistischer Mitmenschen), einem Leben für sich selbst, ohne störende Mitmenschen, bei dem man tun und lassen kann, was man möchte und einem Kampf um ihre eigene Existenz. Carols neues Leben bedeutet aber auch Vereinzelung, eine große Einsamkeit, die man empfindet, wenn da wirklich gar niemand mehr ist und wenn nur eine diffuse Masse mit einem interagiert.[4] Carol steht in ihrer Welt vor der Frage, wie sehr lässt man dieses Kollektiv an sich heran, wie sehr kann man es für sich nutzen (was einige anderen verbliebenen Individuen nach Herzenslust betreiben, in dem sie einfach eine Welt nach ihrem Gefallen vom Kollektiv simulieren lassen). Und zumindest in Staffel 1 von Pluribus ist die Antwort recht klar; ein radikaler Individualismus als Gegenentwurf zu einem noch radikaleren Kollektivismus ist schwer.[5]

Und das bringt uns abschließend zur Frage, was kann uns „Pluribus“ über uns und unsere Zeit sagen. Hier scheint ein Vergleich mit dem aufkommenden KI-Zeitalter unvermeidlich, zu sehr ähnelt diese Menschheit der um sich greifenden KI. Die Menschheit in „Pluribus“ ist sogar noch viel mächtiger als die KI unserer Tage, die ja „nur“ eine Sammlung aller (digitaler) Texte ist. Diese Menschheit kann zusätzlich noch alle Gedanken protokolieren, was wir mal von der KI der Zukunft nicht erwarten, oder „erhoffen“ dürfen.

Die Menschheit besitzt ein allumfassendes Wissen, dass jedoch mit großer Freundlichkeit an einer besseren Welt arbeitet (wenngleich die ethischen Ansprüche der Menschheit mir etwas ausgeprägter erscheinen als die instrumentelle Vernunft heutiger Algorithmen), die letztendlich aber alles in sich vereinen muss. Wie stehen wir zu dieser Vereinnahmung, lassen wir uns mittreiben, werden wir Mitglied im Kollektiv? Aber auch andersherum gefragt, bräuchte nicht unsere Gegenwart etwas mehr kollektivistische Einsichten? Müssten wir uns nicht mehr auf drängende Probleme konzentrieren, die nur gemeinsam, aber keinesfalls gegeneinander gelöst werden können oder um es noch radikaler zu fassen, individualisieren wir uns vielleicht zu Tode, weil wir an nichts gemeinschaftliches mehr glauben können, ja weil uns alles nicht-individuelles gar als Gefahr für uns selbst vorkommt? „Pluribus“ gibt keine konkreten Antworten auf diese Fragen, aber es zeigt im Stil einer großartigen Serie Denkfiguren auf, lässt zahlreiche Interpretationen zu, die uns alle wieder auf die Frage zurückbringen, wer bin ich und wie leben wir?

[1] Aber mich fragt keiner. Was auch daran liegen könnte, dass es auf diesem Blog quasi unmöglich ist einen Kommentar abzugeben, oder auch nur eine E-Mail an den mysteriösen Autor dieses digitalen Produkts zu versenden.

[2] Schlechte deutsche Untertitel scheinbar auch.

[3] Großartig ist hier die Denkfigur des Kannibalismus eingebaut, wobei ich hier Teasern muss, um das zu beschreiben. Im Laufe der Folge findet Carol heraus, dass die Menschheit, um den eigenen Nahrungsbedarf zu decken, Leichen in eine nahrhafte Flüssigkeit verarbeitet, sich also quasi selbst recycelt. Die wirkt selbstverständlich auf den ersten Blick zivilisatorisch sehr rückschrittlich, ist aber eigentlich nur die größtmögliche Steigerung eines nachhaltigen Ressourcengedankens, der den Edelmut hat, einer gegebenen Umwelt nichts wegzunehmen und sich auf sich selbst zu besinnen. Und selbstverständlich ist es auch eine absolut anti-individualistische Sicht der Dinge, weil der Mensch als solcher sämtlichen „seelischen“ Mehrwert verliert und nach seinem Ableben als Biomasse abgebaut wird.

[4] Auch hier drängt sich ein Verweis auf die technische Welt der Zukunft geradezu auf. Sollten wir Pflege- Haushalts- oder gar Sex-roboter bekommen, die interagieren können wie Menschen, so ähnelt dies sehr dem Szenario das wir in der Serie erleben, in welchem sich Carol in einen Menschen der Menschheit verliebt, aber weiß, dass dieser Mensch eben kein Individuum ist, so wie sie.

[5] Staffel 1 endet mit einem Verweis auf ein mögliches Szenario von Staffel 2, den man als Kampf gegen das Kollektiv vermuten könnte. Hier fällt auf, dass „Pluribus“ ein bisschen wie ein typischer Action-Film strukturiert ist. Ein einsamer Held gegen den Rest der Welt!

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