Erschienen 2026 im amerikanischen Original als „Transcription“ bei Farrar, Straus und Giroux | in deutscher Übersetzung von Niklaus Stingl bei Suhrkamp mit 158 Seiten
Das Leben ist voller Überraschungen. Ganz wunderbare Überraschungen sind beispielsweise Geburtstagsgeschenke, die man in dieser Form nicht erwartet hat. Und noch überraschender ist es, wenn man ein Buch eines Autors geschenkt bekommt, von dem man nur wenig bis gar nichts (in meinem Fall eigentlich Letzteres, wie ich zu meiner Schande gestehen muss) gehört hat – und das, obwohl die Lobpreisungen eigentlich deutlich vernehmbar waren (von „literarisches Phänomen“ bis „der beste Schriftsteller seiner Generation“). Und doch bleibt die allergrößte Überraschung für mich, dass dieses Buch ein echtes Leseerlebnis ist, ein Buch, das eines der besten, vielleicht das beste Buch der letzten Jahre ist, das ich lesen durfte.
Ein Interview, eigentlich keine so große Sache. Er soll es mit Thomas führen, nicht nur einer Lichtgestalt der Kunstszene, sondern dem nun schon 90-jährigen Mentor des Ich-Erzählers. Eine kleine Ungeschicklichkeit, und sein iPhone fällt ins gefüllte Waschbecken. Wie soll er das Interview nun aufnehmen? Der Termin rückt näher, der nächste Apple Store ist fern. Soll man das Interview verschieben? Kann man das einer solchen Autorität gegenüber erwähnen? Wie würde sich das auf das Gespräch auswirken?
Die Story von „Transkription“ ist auf den ersten Blick kein komplizierter Plot mit vielen Wendungen. In drei größeren Kapiteln, die alle nach unterschiedlichen Hotels benannt sind, tauchen wir in eine Welt ein, bei der man gar nicht genau sagen kann, dass sie einen Beschreibungsmittelpunkt, eine Art Epizentrum der Handlung hat, um das sich alles dreht. Da ist zum einen der Ich-Erzähler von Kapitel eins und zwei (Kapitel drei ist im Grunde ein langer Monolog in Form eines Dialoges, wobei die lange Zeit namenlose Figur des Ich-Erzählers nur so etwas wie ein Stichwortgeber ist), der eine sehr bewundernde, respektvolle, manchmal sogar etwas eingeschüchterte Sicht auf seinen Mentor Thomas hat. Auch die Figur der altehrwürdigen Koryphäe dient eher als Reibungspunkt der Handlung, nicht aber als Mittelpunkt, denn er ist nur so eine Art Rand des Flussbetts der Erzählung, der das Rauschen der Worte in Bahnen lenkt und immer wieder umleitet. Auch die später auftauchenden Figuren Marta (in Kapitel zwei) und Thomas‘ Sohn Max (Kapitel drei) werden nie wirklich auseinandergenommen, seziert und in ihre Charaktereinzelteile zerlegt, sondern eher wie in Kurzgeschichten angeleuchtet.
Lerner scheint es in seinem Roman um etwas anderes zu gehen. Er konzentriert sich darauf zu beschreiben, was in uns vorgeht und wie das in Worte und Taten geleitet wird. In „Transkription“ geht es um die Umwandlung von Gedanken in Kommunikation, um das, was wir sagen, was wir nicht sagen, das, was wir zeigen, anzeigen, auch das, was wir bedienen oder nicht mehr bedienen können (z.B. Technik, Nahrung) – und all das auch wieder in seiner Rückwirkung auf uns. Andersherum könnte man sagen, geht es darum, was wahrhaftig für uns ist oder was wir uns als wahrhaftig einreden. Es geht um die Wirklichkeit und die eigene Wahrnehmung, aber eben auch um die Aushandlung dieser. Auf Seite 136 findet sich folgende wunderbare Passage:
„… zwei Wirklichkeiten in einem Raum, inzwischen ist mir nicht mehr klar, welche Wirklichkeit wirklicher war.“
Das mag abstrakt klingen, und ich versuche, dies anhand des Textes besser zu illustrieren. Lerner beschreibt auf einem so tiefgehenden Niveau – dass man manchmal den Atem anhalten möchte, wenn man seine Worte liest –, wie Menschen miteinander sprechen, was sie sich sagen und was sie sich nicht sagen. Und dann spielt er damit und fragt sich: Was passiert hier? Welche Rolle spielt beispielsweise ein Interview in der „objektiven Welt“, das nicht objektiv mit technischem Hilfsmittel aufgenommen wurde und nur aus den subjektiven Erinnerungen eines Interviewten besteht? Was nützen abschließende, letzte, klärende Worte an einen Vater, wenn man nicht sicher sein kann, ob dieser jene Worte wirklich vernommen oder nur als Traum erlebt hat? Die Stärke von „Transkription“ ist es dann noch zusätzlich, dass sich immer wieder verschiedene Handlungsmotive zu immer komplexeren Verläufen, Motiven und Assoziationen vereinen, um damit immer wieder neue Perspektiven hervorzubringen. Lerner schaut mit einer Tiefe auf unsere heutige Zeit, die ich bisher so noch nicht gelesen habe. Er tut dies in den scheinbar kleinen und doch so großen Dingen, wie der uns umgebenden Technik (das Handy, das nicht mehr funktionieren will, das aber den ganzen weiteren Verlauf des Tages bestimmt, weil seine Funktionen so elementar geworden sind). Und es sind immer wieder die Verweise, die kleinen Andeutungen, die sein Buch so großartig machen.[1]
Das verstärkt sich in der wunderbaren Sprache, die mir von Niklaus Stingl großartig übersetzt zu sein scheint und bei der jeder Satz höchsten ästhetischen Ansprüchen genügt und die einen dazu verführt, beim Lesen kurz innezuhalten oder das Buch immer und immer wieder lesen zu wollen, was auch dank seiner überschaubaren Länge denkbar erscheint. Ich kann kaum anders, als nach weiteren Büchern von Ben Lerner zu suchen, und muss – dann eigentlich wenig überraschend – feststellen, dass fast jedes seiner Bücher, zumindest in deutscher Übersetzung, momentan vergriffen ist.
[1] Nur ein Beispiel: Der Ich-Erzähler bemerkt die Wandlungen der internationalen Top-Nachrichten in den News weg vom Gaza-Konflikt hin zu einem Bett-Wanzen Problem in Paris. Tatsächlich hat aber dieses Bett-Wanzen Problem für den Ich-Erzähler eine Konsequenz, da er nun sein Hotelbett mit anderen Augen sieht (während der Gaza-Konflikt aus dem Blickfeld gleitet). Lerners Stärke ist hier, die beiden aktuellen „Weltprobleme“ Bett-Wanzen und der Tod vieler (tausender) Menschen als im Hintergrund unseres Alltags treibendes Aufmerksamkeitsprobleme zu adressieren, mit einer erzählerischen Stärke, eben gerade nicht empört darüber zu sein scheint, dass tatsächlich die Bett-Wanzen einen größeren persönlichen Impact auf das Leben der 1.Welt Intellektuellen hat, als der Tod im Nahen Osten. Die Stärke der Erzählung bei Lerner liegt in der puren Darstellung, wie unser Leben fast schon im Hintergrund-Prozessieren unseres Alltags funktioniert und wie dort beispielsweise der gern gehobene moralische Zeigefinger von Social Media nicht mehr bedeutsam ist.