Bitteres Fest

Originaltitel: „Amarga Navidad“ | Jahr: 2026 | Regie & Drehbuch: Pedro Almodóvar | Spielfilm | Länge: 111min

Kommen wir zur Frage des Gesamtkunstwerkes. Die ist nicht immer leicht zu beantworten. Natürlich kann jeder Film Kunst sein, aber die allerwenigsten sind es, obwohl man natürlich nur schwer eine Grenze zur Kunstlosigkeit ziehen kann, die dann eine eindeutige Demarkationslinie darstellen würde. Was ich jedoch immer beeindruckend finde, ist, wenn ein Regisseur auch für das Drehbuch verantwortlich war. Dies gibt mir als Zuseher immer das Gefühl, hier wurde eine künstlerische Idee erst erdacht und dann entwickelt, inszeniert und zusammengesetzt. Ich bin daher ein großer Fan von Filmen wie beispielsweise von Christopher Nolan oder auch von Pedro Almodóvar, die bei ihren Werken immer auch am Drehbuch mitschreiben. Und damit sind wir schon mitten im Thema, in Almodóvars neuem Film, der sich das Schreiben eines Drehbuchs zum Thema macht und sich dabei um Fragen dreht, wie Realität und Fiktion sich gegenseitig beeinflussen, wie das Niederschreiben von Fiktion zu Kunst wird, aber auf der anderen Seite auch, wie wirkmächtig diese Fiktion für die Realität wird.

Raúl Durán (Leonardo Sbaraglia) schreibt einen neuen Film. Nach nun schon länger andauernder Schaffenspause hat er Inspiration gefunden. Er erdenkt einen Streifen über eine Kult-Regisseurin und Werbefilm-Schaffende namens Elsa Rosado (Bárbara Lennie), welche zunehmend unter Panikattacken leidet, sich aber der großen Fürsorge ihres jüngeren Freundes Bonifacio (Patrick Criado), eines Feuerwehrmanns und Gelegenheitsstrippers, sicher sein kann. Durán will damit seine Erfahrungen mit Panikattacken in einen künstlerischen Rahmen fließen lassen, doch plötzlich erreicht ihn die Nachricht seiner Lektorin und Managerin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón), dass diese sich nach 20 Jahren gemeinsamen Arbeitens aus privaten Gründen aus der gemeinsamen Zusammenarbeit zurückziehen möchte. Raúl ist betroffen, behilft sich aber damit, das Erlebte in seinem Drehbuch zu verarbeiten.

„Bitteres Fest“ ist ein Film, der zwei Handlungsebenen verknüpft, und zwar Film und Realität. In der Ebene eins „Realität“ erleben wir den Drehbuchautor Raúl Durán, der kräftig in die Tasten seines Computers haut und dort Ebene 2 „Fiktion“ entstehen lässt, seine Geschichte über Elsa Rosado. Immer wieder werden wir hin und her zwischen Drehbuch und Entstehungsprozess des Drehbuchs geworfen. Das wirkt vielleicht etwas verkopft, und ich möchte jedoch zwei Punkte benennen, die ich schon besonders an „Bitteres Fest“ finde.
Da haben wir zum einen die schauspielerische Umsetzung, die insbesondere beim entstehenden Film in Ebene zwei oftmals ziemlich hölzern und teilweise fast unrealistisch wirkt, so als würden die Schauspieler nicht ihre Rollen betonen, sondern das Drehbuch runterrasseln. Doch das ist so gewollt, denn „Bitteres Fest“ ist nicht ein Film, der zeigt, wie ein anderer Film entsteht, sondern ein Film, der zeigt, wie aus Wirklichkeit entstehende Fiktion – und aus dieser wieder Rückwirkung in die Wirklichkeit entsteht. Und der Film dazwischen ist eben etwas anderes als ein Film im Film, sondern es ist die Realisierung eines Drehbuchs, von Ideen, Empfindungen und Inspirationen, weshalb die Handlung auf dieser Ebene teilweise wirkt wie beim Zusammentreffen einer jungen Schauspielgruppe, die einen gewaltigen Text inszenieren will.
Zum anderen besonders ist auch der Verlauf der Filmebene des fiktionalen Films. Gerade gegen Ende hin wirkt dieser fast schon seltsam zusammengeschraubt und macht nur noch Sinn bzw. hat nur noch eine ästhetische Qualität, wenn man auch Ebene eins der Realität mitdenkt (wie auch bei so vielen Dialogen im Film, die teilweise eigentümlich, teilweise fast unrealistisch aufgesetzt wirken). Wenn man dies aber tut, ist „Bitteres Fest“ ein tatsächlich sehr sehenswertes Kunstwerk.

Almodóvar geht es in seinem neuesten Werk, um die Qual der Inspiration, um die Konsequenz und Moral, die jeder, der Kunst erzeugt – und damit etwas über die Welt sagen will –, mit sich und dieser verantworten und aushandeln muss. Denn wenn er wirklich etwas aus seiner Welt in seinem Kunstwerk aussagen will,[1] dann steht er in Versuchung, dass die vom Künstler beobachtete Welt sich wiederentdeckt und von der Ehrlichkeit oder auch dem Voyeurismus des Kunst-Schaffenden wenig beeindruckt, wenn nicht gar zurückgeschreckt ist. Was dann wieder die Frage stellt, wie ehrlich Kunst sein kann (und soll), wie viel sie über den Kunst-Schaffenden, seine Beobachtungen, seine Gefühle sagen kann und soll und was an dieser Stelle letztendlich Authentizität ist.

Fast unweigerlich beobachtet man sich als Zuseher dann auch mit dem Gedanken, dass man den Film ebenso aus der Sicht von Pedro Almodóvar lesen kann, dessen Alter Ego Raúl Durán ist, der allerdings dann ziemlich beeindruckend von Leonardo Sbaraglia gespielt wird (wobei er nicht an Antonio Banderas Verkörperung seines Regisseurs in „Glanz und Herrlichkeit“ heranreicht). Das gibt „Bitteres Fest“ wie eine dritte Ebene, die zwar nicht gezeigt wird, die man aber als Zuschauer mitdenkt und sich fragt, was eigentlich in Almodóvars Kopf (oder gern auch im Kopf von Filmschaffenden im Allgemeinen) vorgeht, wie die Idee für Kunst entsteht und wie diese Idee sich im Fahrwasser der Realitäten behaupten muss, ohne sich selbst zu verlieren. Almodóvars Kunst ist es, genau das inszeniert und auf die Leinwand gebracht zu haben.

[1] Und ohne diese Aussage könnte man kaum von Kunst sprechen.

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