No Sudden Move

Jahr: 2021 | Regie: Steven Soderbergh | Drehbuch: Ed Solomon | Thriller | Länge: 116min | Location: Detroit in den 1950ern

Erst letztlich habe ich erwähnt, dass den Filmen in letzter Zeit ein Hang für die Implementierung des Setting in den 1950er und 60er Jahren haben. Mit Steven Soderberghs „No Sudden Move“ haben wir ein weiteres Beispiel dafür, er entführt uns ins Jahr 1954 in die Autostadt Detroit.
Der gerade aus dem Gefängnis entlassene Curt Goynes (Don Cheadle) wird gemeinsam mit Ronald Russo (Benicio del Toro) für einen „Babysitting Job“ angeheuert. Da die beiden Kriminelle sind bedeutet Babysitting, dass sie die Familie von Buchhalter Matt Wert (David Harbour) als Geiseln halten, während dieser ein wichtiges Dokument aus dem Safe seines Chefs stibitzen soll. Der dritte Mann bei dieser Geiselnahme ist Charley (Kieran Culkin), der jedoch am Ende des Einsatzes merkwürdig von den ausgemachten Regeln abweicht. Fortan eskaliert die Lage, Goynes und Russo sehen sich nicht nur mit den Ermittlungen der Polizei in Person von Detective Joe Finney (Jon Hamm) ausgesetzt, sondern es steht zu befürchten, dass die halbe Unterwelt hinter den beiden her ist, wie beispielsweise Gangster Frank Capelli (Ray Liotta). „No Sudden Move“ weiterlesen

Philip Roth – Der entfesselte Zuckerman

Im Bücherregal meiner Eltern sind so viele Bücher zu finden, die in DDR-Zeiten veröffentlicht wurden, dass man schon etwas stöbern muss und sich manchmal wie in einem Antiquariat vorkommt, wo einem allerdings der Großteil der Werke nichts sagt. Doch das Suchen lohnt sich und mir fiel ein kleiner Roman von Philip Roth in die Hände, der 1982 vom Verlag Volk und Wissen als Lizenzdruck für die DDR veröffentlicht wurde. Interessanterweise hat die rund 200 Seiten lange Erzählung, die gleiche Übersetzung, wie die westdeutsche Ausgabe von Hanser, aber sie hat einen anderen Titel; „Der entfesselte Zuckerman“ (DDR) vs. „Zuckermans Befreiung“ (im Original „Zuckerman Unbound“). Im Werk von Philip Roth steht dieses Werk in der Mitte der sogenannten Zuckerman – Trilogie, in welchem Roth ein Alter Ego namens Nathan Zuckerman erfindet, einen jüdisch-stämmigen Schriftsteller aus Newark, New Jersey. „Philip Roth – Der entfesselte Zuckerman“ weiterlesen

Motherless Brooklyn

Jahr: 2009 | Drehbuch & Regie: Edward Norton | Krimi | Länge: 145min | Location: New York in den 1950ern

Der Chef eines privaten Detektivbüros Frank Minna (Bruce Willis) ist einer großen Sache auf der Spur. Doch der Fall gerät außer Kontrolle und Minna stirbt. Von seinen vier Angestellten ist nur Lionel (Edward Norton) mutig genug, den Fall weiter zu verfolgen. Seine Recherchen werden dabei von seiner körperlichen Beeinträchtigung behindert, denn er leidet am Tourette-Syndrome. Allerdings wird dieser Nachteil ausgeglichen von seiner Fähigkeit, sich an jedes Detail einer Konversation erinnern zu können. Seine Recherche führt ihn über den wunderlichen Architekten Paul (William Dafoe) in die Welt der New Yorker Nachtklubs. Dort trifft er neben dem Jazz-Trompeter (Michael K. Williams) auf den Clubbesitzer Billy (Robert Wisdom). Dessen Tochter Laura (Gugu Mbatha-Raw) wiederum arbeitet bei Gabby Horowitz (Cherry Jones), die leidenschaftlich gegen die Stadtausbaupläne des Behördenleiter Moses Randolph (Alec Baldwin) kämpft, der New York erneuern will, in dem er die armen Stadtteile abreisen möchte. „Motherless Brooklyn“ weiterlesen

The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Jahr: 2017 | Regie & Drehbuch: Guillermo del Toro | Fantasy – Romanze | Länge: 123min

Elisa (Sally Hawkins) ist eine alleinstehende Putzkraft, welche über einem nicht gerade reichlich frequentierten Kino in Baltimore wohnt. Ihr Nachbar Giles (Richard Jenkins), ein wenig erfolgreicher Kunstmaler, ist ihr bester Freund und Gesprächspartner, wobei es besser Kommunikationspartner heißen muss, denn Elisa ist stumm. Sie arbeitet in einem amerikanischen Forschungslabor, wo sie nicht nur täglich mit ihrer besten Freundin Zelda (Octavia Spencer) reinigt, sondern in welchem sie erstmals mit einer amazonischen Amphibienkreatur (Doug Jones) in Kontakt kommt und sogleich fasziniert von dem menschenähnlichen Wesen ist. Dabei muss sie jedoch auch erleben, wie nicht nur ein großes wissenschaftliches Interesse am Wesen besteht, verkörpert vom Forscher Dr. Hoffsetler (Michael Stuhlbarg), sondern wie die Kreatur zu einem Objekt des Kalten Krieges wird (die Handlung spielt in den 1960er Jahren), mit einer gnadenlosen militärischen Ausnutzung der Lebensform. Dafür zuständig ist der brutale Sicherheitschef Strickland (Michael Shannon). „The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ weiterlesen

Juli Zeh – Unter Leuten

Irgendwo in der Prignitz hat Juli Zeh Unterleuten gesetzt, ein fiktives Dörfchen rund eine Fahrstunde von Berlin weg. Ein Vogelschutzgebiet, der nahe Wald und die ruhige Lage, weit weg von urbaner Hektik, scheinen die kleine Siedlung, zu einem entspannten Ort im Nirgendwo zu machen. Hier leben, teilweise seit einigen Generationen, Familien wie die Grombowkis und die Krons, zusammen mit neu Zugezogenen wie den Fließ und Franzens. Man kennt sich, man grüßt sich, man hilft sich, man ignoriert sich oder man hasst sich. Dieses eher verschlafene Dorfleben, das gerade unter einer großen Sommerhitze schwitzt, wird aufgerüttelt von einer Nachricht oder besser einer Möglichkeit, die das Dorfleben verändern soll.

Juli Zehl legt mit „Unter Leuten“ aus dem Jahr 2016 einen Gesellschaftsroman vor, der sich wie ein großes Panorama ganz vielen Themen der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte widmet. Der Roman kontrastiert Stadt und Land, in dem er insbesondere junge Städter auf dem Sehnsuchtsort Land zeigt und die mentalen Unterschiede zwischen urbanen und dörflichen Leben porträtiert, so wie es die „Einheimischen“ seit Jahrzehnten Leben. Daran schließt sich fast fließend das Motiv unterschiedlicher Mentalitäten zwischen Ost- und Westdeutschen an, wobei man vielleicht etwas verkürzt sagen könnte, dass die schrulligen Dörfler Ossis und die abgedrehten Neuankömmlinge im Dorf Wessis sind. So entwickelt sich dieses Buch zu einer Studie über Werte, Traditionen und Normen zwischen den Motiven von Heimat, Familie und Geld. „Juli Zeh – Unter Leuten“ weiterlesen

Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Es gibt Sujets in der Erzählung von Geschichten (seien es Romane, Filme, Serien, Theaterstücke…), die erzeugen eine fast unbegrenzte Fantasie, weil sie ein bisschen, „was-wäre-wenn“ mit der Gegenwart oder der Vergangenheit spielen. Im Sujet der Zeitreise können wir uns in eine vergangene Welt hineinversetzen und dort vergangene Probleme oder Möglichkeiten verändern. Im Sujet des Paralleluniversums leben wir in einer Gegenwart, die unsere Realität eigenwillig spiegelt, in der wir es selbst sind und es doch eine andere Realität gibt. Das lässt unserer Fantasie fast unendlich viel Platz, nicht nur gesellschaftlich (was wäre passiert, wenn das Internet nicht erfunden worden wäre? Hitler im 1.Weltkrieg gestorben wäre oder die Kubakrise der Beginn eines atomaren Krieges gewesen wäre), sondern auch individuell (was wäre wenn, ich damals mit diesen faszinierenden Menschen nicht gestritten hätte, die letzten zwei Zahlen im Lotto anders getippt hätte, in der Kurve nicht Gas gegeben hätte). Das Ergebnis ist immer das Gleiche, wir würden in einer anderen Welt leben, einer Traumwelt, an der nur ein einziger Fakt richtig ist, nämlich dass sie nie Realität war, ist oder werden wird. Es waren und sind Fantasien, Geschichten, wie wir unsere Welt erweitert sehen würden, wenn irgendetwas anders gewesen wäre, aber mit genau dieser Folie können wir die Risse in unseren eigenen Leben bestimmen. Hintergründig mitgedacht wird bei allen diesen Fantasien, die Idee eines Schicksals, denn es impliziert den zweifellos verlockenden Gedanken, dass wir die sind, die wir sind und nicht irgendwie vollkommen andere. Schicksal ist die Essenz einer Person, seiner Gerichtetheit im Leben, so etwas wie sein ontologisch-individueller Kern. Aber warum komme ich hier ins Theoretisieren? „Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiterlesen

T.C. Boyle – Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte

Im Juli habe ich an dieser Stelle vom ungeschriebenen Gesetz geschrieben, zwei T.C. Boyle Romane pro Jahr zu lesen. In jenen Tagen war mir nicht bewusst, dass ich noch auf einen Bücherwühltisch treffen würde und ich muss gestehen, es gibt nicht viele Sachen in der weiten Welt des Konsums, die mich mehr affizieren, als gute Bücher aus den Tiefen eines Wühltisches zu angeln. Dort fand ich „Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte“, einen Erzählband des US-Amerikaners, der mit „die besten Stories“ untertitelt war, also so etwas, was man übersetzt auf den Musikmarkt mit „Best Of“ bezeichnen könnte, daher eine Sammlung von Kurzgeschichten, die als solche in jeweils in getrennten Bänden erschienen. So gesehen, bleibt es vorerst bei der Regel zwei Romane von Boyle pro Jahr zu lesen (denn Erzählungen sind eben keine Romane), gleichzeitig habe ich aber das Vergnügen, einen Eindruck von Boyles Short Stories gewonnen zu haben. „T.C. Boyle – Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte“ weiterlesen

Clickbait

Idee: Tony Ayres, Christian White | Krimi-Miniserie | 8 Folgen | veröffentlicht 2021 auf Netflix

Was das Internet alles mit uns machen kann, ist schon in einigen Filmen, Serien und Büchern beschrieben worden und der fast schon täglich wachsende Einfluss des World Wide Web in unserem Leben ist nicht nur ein sehr aktuelles, sondern auch ein sehr spannendes Thema. Die netflix-Serie „Clickbait“ hat sich vorgenommen, in Form eines Krimis, einige Facetten es Themas durchzuspielen. „Clickbait“ weiterlesen

David Mitchell – Der dreizehnte Monat

Der Sommer 2021 zeigt gerade nochmal, dass er auch warm und sonnig kann, aber es lässt sich nicht wegdiskutieren, irgendwann wird es Herbst und dann wieder Winter. Und mitten im Winter, genauer im Januar 1982, beginnt David Mitchells vierter Roman und zeigt uns in 13 Monaten, 13 Kapitel aus dem Leben des 13-jährigen Jason Taylor.

Jason lebt in der kleinen Ortschaft Black Swan Green (so auch der Originaltitel des Romans), in der Provinz Westenglands, irgendwo zwischen Birmingham und Bristol. Sein größtes Problem in der aufkommenden Welt der Adoleszenz ist, dass er einen kleinen Sprachfehler hat und gelegentlich stottert. Das ist für sein Image bei den Schulkameraden keinesfalls förderlich und Image ist fast alles, worum es in diesem Alter in der Schule geht. Die Schule wird für ihn daher zunehmend zu einem unangenehmen Ort voller Rabauken, Idioten und eher inkompetenten Lehrern. Leider ist aber auch im Hause Taylor, nicht alles eitel Sonnenschein. Jasons Vater, ein notorisches Arbeitstier, bekommt seltsame Anrufe, während Jasons Mutter das einsame Leben einer Hausfrau lebt und Jasons Schwester, Julia, mit ihren 18 Jahren, es quasi als Lebensaufgabe ansieht, ihren Bruder zu nerven. „David Mitchell – Der dreizehnte Monat“ weiterlesen

Mank

Jahr: 2020 | Regie: David Fincher | Drehbuch: Jack Fincher | Bio-Pic | Länge: 131 min | Location: Hollywood

In Zeiten sommerlichen Dauerregens erweist sich das heimische Fernsehsofa als trockene Alternative zu Tätigkeiten, die man im August sonst lieber an der „frischen Luft“ absolviert hätte. Durch das Studium der diesjährigen Oscargewinner im Zuge der Recherche zu „Nomadland“ bin ich darauf gestoßen, dass die Filmbiographie „Mank“ ebenfalls für einen Oscar 2021 nominiert war, warum also bei diesen Witterungsbedingungen ins Kino schweifen, wenn man diesen für Netflix produzierten Film auch zu Hause sehen kann. „Mank“ weiterlesen