Jetzt habe ich mich über den neuen Brenner Roman gemacht. Die Krimis von Wolf Haas sind meiner Meinung nach ideal für den Sommer geeignet. Wunderbar fließend zu lesen, sehr amüsant und durchaus auch etwas hintergründig. Diesmal ist der Brenner, der immerhin 19 Jahre im Polizeidienst war und nun schon seit Jahren sich irgendwie durchschlägt, in Frauengeschichten (Achtung: Mehrzahl!) verwickelt. Da ist zum einem die Begegnung mit der Herta, seiner Ex-Freundin, die fast zu einem Unfall führt, aber dadurch auch dazu, dass sich beide wieder näher kommen. Und da ist die Nadeshda, die der Brenner über das Internet kennengelernt hat und die wiederum um ihre Schwester Serafina fürchtet, weshalb sie den Brenner um dessen detektivische Mitarbeit bittet, was ihn aber in die Wiener Unterwelt führt, in die Welt der Zuhälter und Tätowierer. Doch nicht nur dort muss sich der Brenner aufhalten, im Zeitalter der Globalisierung und des Internets führt es ihn auch aus Wien heraus in die weite Welt. „Wolf Haas – Brennerova“ weiterlesen
Schlagwort: Roman
Thomas Glavinic – Unterwegs im Namen des Herren
Im Jahre des Herrn 2011 kam Thomas Glavinics Reiseroman „Unterwegs im Namen des Herren“ heraus. Er beschreibt die Reise des Alter Egos Glavinic mit seinem Freund Ingo in den bosnischen Pilgerort Medjugorje. Die beiden Herren wünschen sich, ein näheres Bild von einer Pilgerreise zu machen. Gemeinsam mit anderen, mehr oder weniger streng gläubigen Menschen, fahren sie von Wien aus per Bus (wundervoller erster Satz des Buches: „Sechs Uhr früh ist eine Uhrzeit, die ich sonst nur von der anderen Seite her kenne.“) auf den Balkan. Als Atheisten beobachten sie das Geschehen, sind aber nicht wirklich von den Botschaften begeistert, doch irgendwie bleibt doch etwas Hängen bei diesem drei Tages-Trip zwischen Himmel und Hölle. „Thomas Glavinic – Unterwegs im Namen des Herren“ weiterlesen
Thomas Pynchon – Gegen den Tag
Über ein halbes Jahr hat mich „Gegen den Tag“ begleitet, ich kann mich nicht erinnern je so lange für einen Buch gebraucht und es trotzdem beendet zu haben. Doch das ist keinesfalls als Kritik am Werk zu verstehen. Fast 1600 Seiten stark ist Pynchons sechster Roman, der 2006 veröffentlicht wurde. Trotz dieser Länge und dem Hang des Autors, Sätze unter einer Zeilenlänge von drei nicht wirklich beginnen und schon gar nicht enden lassen zu wollen, ist es ein grandioses Werk und mit Sicherheit das Beste, dass ich vom großen Unbekannten der amerikanischen Gegenwartsliteratur las. „Thomas Pynchon – Gegen den Tag“ weiterlesen
Peter Stamm – Weit über das Land
Mit Peter Stamms neustem Roman „Weit über das Land“ fremdle ich ein wenig. Eine Familie kommt aus dem Urlaub zurück, es ist einer der letzten heißen Augusttage und die Eltern Astrid und Thomas sitzen auf der Terrasse und verabschieden den Sommer mit einem Glas Wein und der Sonntagszeitung. Der kleine Sohn ruft, Astrid geht ins Haus und Thomas geht fort. Er verlässt die Familie von jetzt auf gleich, ohne ein Wort zu sagen. Er hat keinen Plan, nur seine Freiheit, nur den Moment. Astrid bleibt zurück mit den Kindern. „Peter Stamm – Weit über das Land“ weiterlesen
Christoph Hein – Weiskerns Nachlass
Auf eine Empfehlung hin, las ich Christoph Heins Roman „Weiskerns Nachlass“, der bei Suhrkamp erstmals 2011 veröffentlicht wurde.
Wir erleben den Alltag des Universitätsangestellten Rüdiger Stolzenburg, welcher gerade 59 Jahre alt geworden ist. Er besitzt eine halbe Stelle am Institut für Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und seine finanziellen und beruflichen Perspektiven sind als sehr überschaubar einzuordnen. Sein Liebesleben ist von gelegentlichen Beziehungen geprägt, welche er nicht zu intensiv gestalten möchte und sein Hobby ist neben einer monatlichen Billardrunde; das Erforschen, Sammeln und Zusammenfügen des Lebens Friedrich Wilhelm Weiskerns zu betreiben, mit dem finalen Ziel, einmal eine komplette Werksausgabe dieses Schauspielers, Schriftstellers und Topographen des 18. Jahrhunderts herauszugeben. Allerdings ist kein Verlag für dieses Vorhaben irgendwie zu begeistern. „Christoph Hein – Weiskerns Nachlass“ weiterlesen
Roman Ehrlich – Das kalte Jahr
Es wird Winter. Ganz langsam, noch ist es kaum merklich, aber die Abende brechen schon früher herein und wenn die Sonne verschwindet, kühlt es sich auch an warmen Tagen schon schnell ab. In Einstimmung zur nun kommenden kalten und dunklen Jahreszeit habe ich mir Roman Ehrlichs „Das kalte Jahr“ vorgenommen.
Er handelt von einem namenlosen Ich-Erzähler, welcher eines Tages losläuft, durch den Schnee und die matschigen Ausfallstraßen der großen Stadt. Einen Tag später kommt er im Wohnort seiner Eltern an, in einem Städtchen am See, direkt hinter einem alten Militärgebiet. Doch seine Eltern sind nicht daheim, nur ein Junge namens Richard, der scheinbar jetzt das Haus bewohnt. „Roman Ehrlich – Das kalte Jahr“ weiterlesen
Thomas Glavinic – Das größere Wunder
Nachdem ich begeistert „Das Leben der Wünsche“ beendet hatte, wünschte ich mir sehr, auch den dritten „Jonas“ Roman von Thomas Glavinic zu lesen. Wie gut das ich Geburtstag hatte und sich dadurch manche Wünsche (zumindest teilweise) erfüllen.
Bei den „Jonas“ Romanen handelt es sich um drei Bücher, bei denen der Hauptheld jeweils Jonas heißt und sich auch die Namen von einigen anderen Hauptfiguren wiederholen. Die Romane behandeln jeweils fundamentale menschliche Grundsituationen, in „Die Arbeit der Nacht“ Einsamkeit, in „Das Leben der Wünsche“ sind es Wünsche. „Das größere Wunder“ nun behandelt die Liebe (so hörte ich es aus dem Munde Glavinics, als ich vor 2 Jahren bei einer Lesung einen ersten Eindruck vom Buch bekam).
Jonas wächst mit seinem geistig behinderten Zwillingsbruder Mike, bei seiner alkoholkranken Mutter auf, die sich alles andere als um die beiden Jungen kümmert. Über Jonas besten Freund Werner lernt er Picco kennen. Dieser ist äußerst vermögend und nimmt Jonas und Mike auf, so dass er gemeinsam mit Werner aufwächst. Neben einer unerschöpflichen Menge von Geld gibt Picco Jonas mit auf den Lebensweg, dass Antworten im Allgemeinen überschätzt werden und so geht Jonas in das Leben hinaus, immer auf der Suche nach etwas, bis er schließlich am Mount Everest Basiscamp ankommt, um diesen zu besteigen. „Thomas Glavinic – Das größere Wunder“ weiterlesen
Martin Walser – Die Verteidigung der Kindheit
Zur „Verteidigung der Kindheit“ bin ich über das Militärhistorische Museum in Dresden gekommen. Das klingt etwas martialisch, entspricht aber den Tatsachen, denn in der Sonderausstellung „Schlachthof 5“ wurde über literarische Zeugnisse der Zerstörung Dresdens gesprochen. Dort sah ich auch, dass Martin Walser in seinem Roman „Die Verteidigung der Kindheit“ über Dresden schrieb. Da ich die entsprechende Lesung durch verspätete Information verpasste, hatte ich mir für den Sommer vorgenommen, den Roman, der 1991 veröffentlicht wurde, zu lesen.
Die Zerstörung Dresdens ist in „die Verteidigung der Kindheit“ ein Fixpunkt für den Haupthelden Alfred Dorn, der 1945 mit 18 Jahren den Bombenangriff erlebt und gemeinsam mit seiner Mutter überlebt. Die Erzählung beginnt jedoch einige Jahre später, als Dorn in Westberlin Jura studiert, da er in Leipzig an politischen Fragen scheiterte. Der junge Erwachsene Dorn jedoch wird nicht glücklich, er vermisst seine Heimat, seine Geborgenheit und vor allem vermisst er den wichtigsten Menschen in seinem Leben – seine Mutter. Die Beziehung zu ihr, ist fast schon eine romantische Liebe zu nennen, denn anderen Frauen gegenüber empfindet Alfred keinen Reiz. Seine Begeisterung entbrennt bei der Bewahrung der Erinnerung seiner glücklichen Kindheit, aber sowohl die Zerstörung Dresdens und der materielle Verlust von Erinnerungsstücken, als auch die sich verschärfende deutsche Teilung, die im Mauerbau gipfelt, stellen für das Erinnern der Vergangenheit eine immer größere Hürde dar. Alfred spürt Zeitzeugen auf, die ihn mit Geschichten und Zitaten versorgen können und er fahndet nach Artefakten aus seinem früheren Leben. Er führt ein Leben im ständigen Kampf des Jetzts gegen den Verlust des Gesterns, dass er exzessiv versucht irgendwie fest zu halten. „Martin Walser – Die Verteidigung der Kindheit“ weiterlesen
Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche
Die wohl fundamentalste Frage, die man an sich selbst richten kann ist, wer bin ich? Lösen kann man diese Frage nie vollständig, ignorieren kann man sie zeitlebens. Aber wenn man sich dem Thema nähern möchte, kann man beispielsweise reflektieren, was man sich im (oder vom) Leben wünscht. Und hier sind weniger konsumistische (das neue Smartphone) oder punktuelle (dem Mann vor mir in der Schlange zur Kasse weniger Lebensmittel im Wagen) Wünsche gemeint, sondern das was tief in uns schlummert. Wünsche die wir vielleicht verdrängen, bei denen wir wissen, dass es Wünsche bleiben werden, die wir nicht für realistisch halten, oder vor deren Erfüllung wir gar Angst haben. Thomas Glavinic analysiert in seinem 2009er Roman „Die Welt der Wünsche“ genau dieses Szenario.
Wir erleben Jonas, denn der Leser schon aus dem Roman „Die Arbeit der Nacht“ kennt. Ob es der selbe Jonas ist, wie dort, spielt eigentlich keine Rolle. Jonas hat eine Frau, Helen, und zwei Söhne, Chris und Tom. Er arbeitet in einem eher mittelmäßigen Job, sein Vater sitzt nach einem Schlaganfall im Altenheim, seine erste Liebe und immer noch gute Freundin Anne ist unheilbar krank, seine Mutter schon lange Tod. Die Ausflucht und der Hoffnungsstrahl seiner Welt ist neben seinen Söhnen, Marie. Sie ist nicht nur seine Geliebte, sondern sie ist seine Bestimmung, der Mensch dem man unerbittlich, unendlich, einzigartig liebt. Ungünstigerweise ist auch Marie verheiratet und hat einen Sohn. Beide wollen für ihre Liebe, ihre eigentlichen Familien, ihr Umfeld, ihr gewohntes Leben nicht verlassen.
In einem Park trifft Jonas eine zwielichtige Person, der ihn um eine Sekunde bittet. Er weiß alles über Jonas, weiß von seiner Affäre, aber er will ihn nicht erpressen. Ganz im Gegenteil, er schenkt ihm drei Wünsche, was Jonas verwirrt. Aus ihm sprudeln eine ganze Reihe von Ideen heraus, jedoch beschließt er, dass er nur einen einzigen Wunsch hat, nämlich das alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. Und so endet dieses Treffen und Jonas Leben geht weiter, so wie er es gewohnt ist. Langsam jedoch schleichen sich Veränderungen ein. „Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche“ weiterlesen
Thomas Pynchon – Bleeding Edge
Thomas Pynchon ist einfach ein Faszinosum. Der Autor von dem keine (aktuellen) Fotos existieren und der bei den Simpsons mit einer Papiertüte über den Kopf dargestellt wird, hat 2013 seinen neusten und nunmehr achten Roman veröffentlicht. Diesmal widmet er sich zwei Ereignissen, die unser Leben seit dem Anfang des Jahrhunderts verändert haben. Das eine ist der „11.September“, das andere „Ereignis“ ist das Internet.
Als Leser folgen wir Maxine Tarnow, einer privat ermittelnden Wirtschaftsdetektivin. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen allein, da die Ehe mit ihrem Mann Horst nicht richtig funktionieren will. In ihren tagtäglichen Fällen stöbert Maxine sich durch die Welt der Wirtschaftskriminalität, liest Excel Tabellen auf fehlerhafte Rechnungen aus und findet die Lücken, wo Geld abgezweigt wird und in undurchsichtige Kanäle verschwindet. Ein alter Freund, Reg, hat den Auftrag bekommen die Internetfirma „hashslingrz.com“ (ein „hash slinger“ ist eine unhöflicher Kellner oder Koch in einem runtergekommenen Diner) zu dokumentieren, aber diese wirkt auf ihn zunehmend suspekt und er bittet Maxine, sich das Unternehmen etwas genauer anzusehen. Dabei stößt sie auf die dubiosen Machenschaften das Dot.Com Oligarchen Gabriel Ice. Dieser scheint an fast jedem Internetunternehmen beteiligt zu sein und kauft immer weiter ein. Sein Interesse, scheint sich auch auf ein Projekt von zwei von Maxines Freunden zu richten. Vyrva und Justin schicken ihre Tochter auf die gleiche jüdische Schule wie Maxine ihre Söhne. Justin hat zusammen mit einem Freund ein Programm namens „DeepArcher“ (sprich: Departure) entworfen, eine Art von second life, eine virtuelle Realität. Das Programm versteckt sich im schwer zugänglichen Teil des Internets im Deep Web, benutzt aber eine Verschlüsselung, auf die es scheinbar die ganze Welt abgesehen hat. „Thomas Pynchon – Bleeding Edge“ weiterlesen